Predigt in der St. Johannis-Kirche in Dannenberg am 27. März 2001

Sperrfrist 27.03.2001 - 17 Uhr

Gnade sei mit euch und Friede von Gott und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

die Herrnhuter Losungen geben uns für jeden Tag eine Losung und einen Lehrtext mit auf den Weg. Der Lehrtext für den heutigen Tag stammt aus dem Lukasevangelium, Kapitel 8, Vers 24 und 25:
„Jesus stand auf, bedrohte den Wind und die Wogen des Wassers, und sie legten sich, und es entstand eine Stille. Er aber sprach zu seinen Jüngern: Wo ist euer Glaube?“

Ach ja, liebe Gemeinde, das wäre schön, oder?, so eine Stillung des Sturms hier in Lüchow-Dannenberg. Das ist ein Sturm, der nun seit 25 Jahren tobt. Ich kann die Angst und den Zorn der Bürgerinnen und Bürger in Lüchow-Dannenberg gut verstehen. Immer wieder haben Gutachten deutlich gemacht, dass der Salzstock in Gorleben nicht geeignet sei als Endlager. Deshalb wurde gegen die Entscheidung der niedersächsischen Landesregierung von 1977, Gorleben als Standort eines integrierten nationalen Entsorgungszentrums vorzusehen, von Anfang an Widerstand geleistet. Es gibt ein Gefühl der Verbitterung und Enttäuschung, ja der Ohnmacht, dass Argumente scheinbar nicht gehört werden und jeder Transport eines Castors neue Fakten schafft. Ein Endlager, das bedeutet schließlich eine Lagerung für mehrere zehntausend Jahre.

Welchen Sturm hat diese stille, friedliche Region, vormals an der Ostgrenze der Bundesrepublik erlebt. Friedlich war es hier, etwas einsam vielleicht, kein Sturm, keine Wogen, Bauernland, ökologisches Kleinod.

Liebe Gemeinde, der Text aus dem Lukasevangelium beschreibt eine elementare Lebenssituation. Die Jüngerinnen und Jünger haben Angst. Das ist eine gefährliche Lage, plötzlich Sturm und Wogen auf dem Meer in einem gewiss nicht allzu stabilen Boot. In einer solchen Situation entsteht Lebensangst. Eine Angst, die den stärksten Mann und die stärkste Frau treffen kann. Jesus allerdings hat die Macht, den Sturm zu stillen. Und er fragt: Wo ist euer Glaube? Nur mit Glauben könnt ihr der Lebensangst begegnen, nur im Glauben die Stürme des Lebens bestehen.

Wo ist euer Glaube?, das ist eine elementare Frage. Die Menschen heute verlassen sich am liebsten auf sich selbst. Eine ungeheuere Arroganz ist entstanden: Wir können alles machen und alles beherrschen! Ja, wir sind die Schöpfer von uns selbst. Wir können Menschen herstellen im Reagenzglas, wir können den Sterbetermin bestimmen. Mehr noch, wir sind nahezu unsterblich, wenn wir uns klonen. Der Glaube an Gott ist dem Glauben an die Technik und die Machbarkeit gewichen. Allmachtsphantasien finden sich allerorten.

Christinnen und Christen haben dagegen ein sehr realistisches Menschenbild. Der Mensch ist Gottes Ebenbild, darin liegt seine Würde. Und doch: er ist und bleibt Geschöpf. Wir wissen schon seit Kain und Abel, dass Menschen zur Gewalt neigen. Wir wissen seit dem Turmbau zu Babel, dass Menschen selbst gerne Gott wären. Und wir wissen seit Adam und Eva, dass Menschen verführbar sind und Fehler machen. Dieses Menschenbild hat Christinnen und Christen, hat unsere Kirche immer wieder kritisch der Atomenergie gegenüberstehen lassen. Sie ist nämlich nicht fehlerfreundlich. Nicht fehlerfreundlich in dem Sinne, dass schon ein einziger Fehler in der Atomenergie Menschenleben kosten kann.

Wie grausam haben wir das 1986 erfahren. Was heißt wir! Die Menschen in Tschernobyl haben es erfahren und leiden bis heute darunter. Im letzten Sommer habe ich ein Flugzeug voller Kinder aus Tschernobyl und der Umgebung begrüßt. Blasse Gestalten, manche gekennzeichnet von Leukämie, krank. Für die Fehlerunfreundlichkeit der Atomenergie zahlen diese Kinder einen hohen Preis. Tausende haben bisher mit dem Leben bezahlt und weitere Generationen werden noch mit ihrer Gesundheit bezahlen.

Wir können nicht einfach Jesus rufen und sagen: still mal diesen Sturm, den wir da selbst erzeugt haben. Nein, aber wir können unseren Glauben einbringen. Wir glauben an Gott, der die Welt geschaffen hat. Uns die Welt übereignet hat, sie zu bebauen und zu bewahren. Diese Bewahrung bedeutet Verantwortung. Sie gibt uns die Aufgabe, als Haushalterinnen und Haushalter Gottes die Erde für künftige Generationen zu erhalten. In politischer Sprache heißt dieses biblische Konzept heute Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit für kommende Generationen. Deshalb wollen wir, dass in regenerative Energien investiert wird, dass Menschen hier in unserem Land sich bereit erklären, Energie zu sparen und für Energiekonzepte eintreten, die regenerativ sind.

Liebe Gemeinde hier in Dannenberg, ihre Bischöfin kann Ihnen in der Sache nichts Neues sagen. Sie alle sind wohl mehr Expertin und Experte in Fragen von Atomenergie, Zwischenlager und Salzstock als ich selbst. Aber ich will Ihnen sagen, dass ich außerordentlich dankbar bin, wie Pastorinnen und Pastoren, Diakoninnen und Diakone und Ehrenamtliche hier eintreten für Gewaltfreiheit. Seit vielen Jahren bin ich im Ökumenischen Rat der Kirchen engagiert und habe mich intensiv dafür eingesetzt, dass wir eine Ökumenische Dekade „Gewalt überwinden“ zu Beginn dieses Jahrhunderts ausrufen. Diese Dekade hat begonnen, und ich sehe die Aktionen unserer Kirche hier in den Kirchenkreisen Lüchow und Dannenberg als Teil dieser Dekade.

Seit Jahren und Jahrzehnten treten Sie ein für Gewaltfreiheit und müssen sich dennoch mit dem Gewaltvorwurf auseinandersetzen. Wenn ich sie in diesen Tagen der Auseinandersetzung besuche, will ich Sie ermutigen, diesen Weg der Gewaltfreiheit weiter zu gehen. Aus vielen Briefen, die mich erreicht haben, weiß ich, dass das gar nicht immer so einfach ist. Deshalb ist es wichtig, am Glauben festzuhalten, der sich als tragende und bestärkende Kraft erweist, auch wenn ein großer Sturm weht und die Wogen uns bedrohen. Ich glaube, diese Kraft kann, tatsächlich nur der christliche Glaube geben, diese Kraft, den Weg der Nachfolge, der Gewaltfreiheit zu gehen und auch die Feinde zu lieben.

Dabei ist mir wichtig, dass nicht die Polizei der Feind ist. Viele Polizistinnen und Polizisten haben selbst Angst vor dieser Situation. Sie sind vielleicht persönlich sogar gegen die Atomkraft und gegen den Castortransport. Aber sie müssen ihre Aufgabe und ihre Pflicht erfüllen als Polizeikräfte unseres Landes. Sie müssen einerseits den Castor zum Ziel begleiten, andererseits für die Demonstrationsfreiheit eintreten. „Keine Gewalt“, das ist auch das Motto der Polizei. Auch da versagen allerdings Menschen, das weiß ich wohl und Sie haben das mehr als einmal erfahren.

Gleiches gilt für die Demonstrierenden, ob sie aus der Gegend stammen oder angereist sind. Die meisten von ihnen wollen friedlich ihre Meinung kundtun. Das ist ihr gutes Recht in diesem Land. Einige wenige nutzen den Konflikt hier um zu randalieren. Das kann den anderen genauso wenig angelastet werden wie Fußballfans die Krawallmacher in den Stadien. Das Motto „Gewalt überwinden“ ist der eindeutige Beitrag unserer Kirche zum Konflikt.

Der Theologe Paul Tillich hat einmal gesagt, die Situation der Kirche sei die Existenz auf der Grenze. Die Grenze sei der fruchtbarste Ort der Erkenntnis. Vielleicht können Christinnen und Christen das hier auch leben. Auf der Grenze stehen: Zuhören und verstehen, was die sagen, die erklären: Transporte müssen sein, sie sind Teil unserer vertraglichen Verpflichtungen. Zuhören und verstehen, was die sagen, die in dieser Gegend leben wollen und die Angst haben, dass hier ein Endlager festgelegt wird, bevor geprüft wird, ob der Salzstock tatsächlich geeignet ist. An der Grenze zwischen denen, die im Zwischenlager arbeiten und so ihr täglich Brot verdienen, denen, die anreisen und demonstrieren und den Polizeikräften, die den Transport sichern müssen.

Unter all den Beteiligten befinden sich Christinnen und Christen. Vielleicht gibt uns das eine besondere Chance, über die Grenzen hinweg präsent zu sein. Vermitteln zu können gerade weil wir fest gegründet sind im eigenen Glauben. Vermitteln heißt nicht, keinen Standpunkt einnehmen. Um der kommenden Generationen und der Nachhaltigkeit willen und mit dem Wissen um die Grenzen des Menschen willen halte auch ich das Ende der Atomenergie für dringend notwendig.

Liebe Gemeinde, ohne Hoffnung kann der Mensch, können Sie hier in Lüchow-Danneberg nicht leben. In der Turmstube der Kirche von Holtorf, gleich hier in der Nähe von Gartow, gibt es eine Inschrift. Das hat mir der Enkel eines Pastors von Holtorf erzählt, unser Landessuperintendent i.R. Meyer-Roscher. Dort steht auf einem Balken: „L’espoir est notre vie“, Corporal Charles Royé 1811. Warum, in welcher Situation hat er diese Worte formuliert? Vielleicht weiß das die örtliche Geschichtsforschung. Und jedem Fall gilt dieser Satz auch heute: Die Hoffnung ist unser Leben.

Ohne Hoffnung, dass wir diese Welt zum Besseren verändern können, ohne Hoffnung auf Zukunft, ohne Hoffnung für die Kinder und die kommenden Generationen dieser Welt können wir nicht leben. Wir brauchen Hoffnung, damit unser Leben Sinn macht. Im Lateinischen ist fides derselbe Begriff für Glaube und Hoffnung. Ja, wir brauchen Glauben und Hoffnung. Ich will Sie darin bestärken, als Christinnen und Christen hier Ihren Weg zu gehen und für ihren Glauben Zeugnis abzugeben, auch wenn Sie dafür angegriffen werden.

Ich wünsche Ihnen die Kraft des Glaubens. Glauben, der fest gegründet ist in der Lebenszusage Gottes. Gott sagt uns Leben und Glauben und Hoffnung zu. Und das macht uns Mut, uns einzumischen. Das ist keine Politisierung der Kirche, wie es immer wieder als Vorwurf ertönt. Nein, das ist Leben aus der Gewissheit, dass Gott diese Welt geschaffen hat und uns verantwortlich macht. Wir haben Verantwortung, diese Welt zu gestalten in Freiheit. Diese Verantwortung nehmen wir wahr.

Gott will uns begleiten auf unseren Wegen. Nicht alles, was wir tun, ist richtig. Nicht alles gelingt. Es gibt Fehler und Verführbarkeit. Darum wissen wir. Aber wir dürfen uns Gott anvertrauen in dem, was uns gelingt und in dem, woran wir scheitern. Unser Glaube kann uns tragen, auch wenn Wogen des Wassers und Wind uns bedrohen. Wir sehnen uns nach der großen Stille, in der uns die Lebensangst und –unruhe verlässt. Diese innerste Stille wird eines Tages sein bei Gott, in Gottes Zukunft, die uns aufnehmen und tragen wird. Von diesem kommenden Reich Gottes können und wollen wir hier Spuren legen, weil es im Jetzt und Heute beginnt. In der Hoffnung auf diese Zukunft Gottes gestalten wir unsere Erde in Verantwortung. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.