Aus der Geschichte der Kirche


Als der katholische Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg im Jahre 1665 im protestantischen Fürstentum Calenberg die Regierung übernahm, hatte dies Folgen für die herzogliche Beamten- und Dienerschaft. Die bislang protestantische Hofkapelle des im hannoverschen Leineschloss (dem heutigen Landtagsgebäude) residierenden Herzogs wurde katholisch und stand nicht mehr für lutherische Gottesdienste zur Verfügung. Daraufhin forcierte die landständische Vertretung des Fürstentums den Neubau einer Kirche in der Calenberger Neustadt. Die von dem welfischen Lehnsmann Cord von Alten 1382 gestiftete, seit 1533 lutherische Marienkirche auf dem Rosmarinhof diente seitdem bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als Schule. Mit finanzieller Unterstützung des katholischen Landesherrn erfolgte in den Jahren 1666-1670 der Bau der neuen Kirche für die Hofbeamten und die Gemeinde der Neustadt. Bis 1936 war sie die Kirche des Generalsuperintendenten, des obersten Theologen des Landes. Dieser Tradition folgend, ist sie heute die Predigtkirche der Landessuperintendentin. Mit der geplanten Verlagerung des Regierungsviertels durch König Georg V. von Hannover wurde das landesherrliche Patronat im Jahre 1850 der Stadt Hannover übertragen. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg war ein Wiederaufbau zunächst fraglich, konnte aber in den Jahren 1956-1958 doch realisiert werden.


Barock und Moderne


Die Neustädter Hof- und Stadtkirche war der erste protestantische Saalkirchenbau in Hannover. Die Pläne stammten wahrscheinlich von dem italienischen Architekten Hieronimo Sartorio, die Bauleitung hatte der herzogliche Hofbauschreiber Brand Westermann, mit der Durchführung der Arbeiten war der hannoversche Unternehmer Johann Duve betraut, der der Kirche die Emporenbilder stiftete und der mit der Darstellung einer Taubenfamilie an der äußeren Sakristeimauer eine dezente Werbung für sein Unternehmen verewigte (Duwe=Taube). Wegen Einsturzgefahr musste der Turm schon wenige Jahre nach seiner Errichtung erneuert werden. Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Renovierungs- und Umbauten im Kircheninnenraum vorgenommen. An die barocke, höfische Vergangenheit erinnern heute noch die Epitaphe der Hofprediger und Generalsuperintendenten, die Wappenfenster des Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg und seiner Gemahlin Benedikta Henriette, das Hochzeitsfenster im Leibnizsaal und einige Figuren des von Johann Friedrich Ziesenis 1758 geschaffenen Kanzelaltars: die vier Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe und Weisheit, Moses und Johannes der Täufer sowie zwei Engel und der Auferstandene. Letztere umrahmen das moderne in Ogrody-Technik gearbeitete Christusbild von Jacques Gassmann. Über dem Turmeingang befindet sich das Wappen des Kurfürsten Ernst August von Hannover, über dem Südeingang (jetzt Haupteingang) das Wappen der Calenbergischen Landschaft. Bei dem Taufständer handelt es sich um eine Nachbildung einer Arbeit von Ziesenis. Das Original befindet sich im Niedersächsischen Landesmuseum. Der heutige bauliche Zustand der Kirche in seiner modernen aber an die barocke Gestaltung erinnernden Konzeption entstand in den Jahren 1990-1994.


Unter diesem Grabstein liegt...


Die Neustädter Kirche war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Begräbnisstätte der Hofbeamten, Hofprediger und Generalsuperintendenten und deren Angehörigen. Die seit 1902 an den Außenmauern aufgestellten Grabplatten bedeckten ursprünglich den gesamten Fußboden im Innenraum. Die einzelnen Platten tragen die eingemeißelten Wappen, Namen, Titel, Lebensbeschreibungen, Lebensdaten, Bibelsprüche und teilweise ausführliche Lebensbeschreibungen der Verstorbenen. Die Inschriften sind größtenteils auf Latein, in einigen Fällen auch auf Deutsch abgefasst. Von 1700 bis 1926 befand sich im Turm das Erbbegräbnis der Grafen von Platen-Hallermund. Seit 1958 ruhen dort die hierher überführten sterblichen Überreste des Generals Carl August von Alten, Kommandeur der “King´s German Legion” in der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 gegen Napoleon. Neben dem Raugrafen Karl Moritz bei Rhein, den Generalsuperintendenten Justus Gesenius und David Ruprecht Erythropel sowie dessen Sohn David Wilhelm fand hier unter anderem auch der Univeralgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz seine letzte Ruhestätte.



Literatur

Graeven, H., Die alten Gräber der Neustädter Kirche, in: Hann. Geschichtsbl. 5, 1902, S. 253-255.
Kranold, A.: Aus der Geschichte der Hof- und Stadtkirche St. Johannis auf der Neustadt in Hannover, Hannover 1920.
Westermann, H.: Zur älteren Baugeschichte der Hof- und Stadtkirche St. Johannis in Hannover, in: Hann. Geschichtsbl. NF 29/1975, S. 191-204.
Westermann, H.: Der Turm der Neustädter Kirche von 1700 und sein Architekt, in: Hann. Geschichtsbl. NF 24/1970 S. 147-162.





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"In der unaussprechbaren
Herrlichkeit des Sternhimmels war irgendwie Gott gegenwärtig. Zugleich aber wusste ich, dass die Sterne Gaskugeln sind, aus Atomen bestehend, die den Gesetzen der Physik genügen. Die Spannung zwischen diesen beiden Wahrheiten kann nicht unauflöslich sein. Wie aber kann man sie lösen? Wäre es möglich, auch in den Gesetzen der Physik einen Abglanz Gottes zu finden?"
Carl Friedrich von Weizsäcker: Der Garten des Menschlichen, 1977


Gottfried Wilhelm Leibniz


Gottfried Wilhelm Leibniz, geboren am 1. Juli 1646 in Leipzig, gilt als der letzte große Universalgelehrte. Nach Jurastudium und Promotion zum Doktor beider Rechte (Zivil- und Kirchenrecht) stand er zunächst im Dienst des Kurfürsten von Mainz. Von 1676 bis zu seinem Tode lebte er in Hannover. Hier hatte er am Welfenhof unter den Herzögen bzw. Kurfürsten Johann Friedrich, Ernst August und Georg Ludwig als Jurist, Bibliothekar, Historiograph und Diplomat die Stellung eines Hofrats, später Geheimen Hofrats inne. Kurfürst Georg Ludwig, der spätere König Georg I. von England, bezeichnete ihn als "lebende Enzyklopädie". Leibniz vereinte in seiner Person durch eigene natur- und geisteswissenschaftliche Studien sowie durch seine Kontakte zu allen bedeutenden Wissenschaftlern seiner Zeit das gesamte Wissen der frühen Aufklärung. Die Entwicklung der Vier-Spezies-Rechenmaschine, die technischen Neuerungen im Bergbau, die (zeitgleich mit Isaak Newton) entwickelte Infinitesimalrechnung, das binäre Zahlensystem, die Gründung wissenschaftlicher Akademien, das - wenn auch vergebliche - Bemühen um die Einheit der christlichen Konfessionen gelten heute als Meilensteine der abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte. Seit 1680 beschäftigte sich Leibniz in Abwendung von der Neuscholastik zunehmend mit theologisch-philosophischen Fragen: nach Sinn und Ursache für das Böse in der Welt (Theodicée, die Rechtfertigung Gottes) und der geistigen und materiellen Beschaffenheit des Seins (Monadenlehre). Die Überzeugung, dass Gott die beste aller Welten und damit von vornherein ein harmonisches Ganzes geschaffen habe (prästabilierte Harmonie), zeichnen Leibniz als einen Geist aus, der stets bemüht war, das Wirken Gottes mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in Einklang zu bringen.
Gottfried Wilhelm Leibniz starb am 14. November 1716 in seinem Haus in der Schmiedestr. 10 in Hannover. Seine letzte Ruhestätte fand er in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis. Die Grabplatte mit der Aufschrift OSSA LEIBNITII (die Gebeine des Leibniz) stammt von ca. 1774. Leibniz' umfangreicher schriftlicher Nachlass befindet sich heute im Leibnizarchiv in der Niedersächsischen Landesbibliothek Hannover.



Literatur

Graeven, H., Leibnizens Grabstätte, in: Hann. Geschichtsbl. 5, 1902, S. 375-384.
Graeven, H., Leibnizens irdische Überreste, ebenda, S. 568-571.
Finster, R., van den Heuvel, G., Gottfried Wilhelm Leibniz, Hamburg 1990.
Hirsch, E.-Chr.: Der berühmte Herr Leibniz, München 2000.
Zu verweisen ist auf die stets aktualsierte Leibniz-Bibliographie der Niedersächsichen Landesbibliothek Hannover.





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