Liebe Hanna,
als ich im Jahr 1974 mit dem Theologiestudium anfing, da waren Sie gerade geboren. Meine damaligen theologischen Lehrer sind nicht Ihre heutigen (Gibt es eigentlich inzwischen mehr Lehrerinnen?). Ich finde es spannend, dass wir beide jetzt an einem Ideenbuch zum Reformationstag arbeiten und uns austauschen können, wie der „articulus stantis et cadentis ecclesiae“ in lebendige Sprache übersetzt werden kann:
Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ (Römer 1,17)
„Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.“ (Römer 3,21)
Rechtfertigung: was habe ich damals darüber gelernt in einem neutestamentlichen Proseminar zu Römer 1-3, einer Kirchengeschichtsvorlesung, einem Kirchengeschichtsseminar, einem homiletischen Seminar? Ich denke, es waren gute, solide Veranstaltungen, wenn man als Maßstab nimmt, was noch heute als Wissen abrufbar ist.
Es wurde gute Theologie gelehrt, aber es wurde keine Rede von Gott in heutiger Sprache daraus.
Dass in den Worten des Römerbriefes die Botschaft steckt, die das ganze Mittelalter aus den Angeln gehoben hat, haben wir gelernt. Dass die Menschen heute nicht mehr nach dem gnädigen Gott fragen (jedenfalls nicht in Luthers Sinne), das trauten wir uns nicht laut zu sagen.
Im homiletischen Seminar hat uns niemand auf den Griffel gehauen, wenn wir das
Wort „Rechfertigung“ in der Predigt benutzten! Und keiner hat uns daran erinnert, dass Luther selber mit Blick auf die Einzelheiten der „Rechtfertigungstheorie“ im Großen Katechismus gesagt hat: „Aber das ist ein wenig zu scharf [= gelehrt], gehört nicht für die jungen Schüler“.
(Im Kleinen Katechismus kommt der Begriff Rechtfertigung an keiner Stelle vor!)
Meine Examensarbeit habe ich dann übrigens über Paul Tillichs „Rechtfertigung und Zweifel“ geschrieben. Das war für mich eine spannende Auseinandersetzung sowohl mit den Inhalten der Rechtfertigungslehre als auch mit einem Vertreter dieser Theologengeneration.
Hier und da blitzt in seinen theologischen Ausführungen das auf, was ihn persönlich-biographisch „nötigt“, mit dem Zweifel an Gott, Wahrheit und Lebenssinn zu ringen.
Aber das, was Rechtfertigung bedeutet, ist ja nicht nur etwas „theologisch zu Lernendes“. Irgendwann im Pfarramt geht es einem durch Mark und Bein. Das Erstaunen und das Erschrecken, wie lebendig die Inhalte der Rechtfertigungslehre sind, kommt dann, wenn sie der Wirklichkeit „ausgesetzt“ sind. Wenn ich neben der weinenden Frau sitze, deren Mann sie wegen einer zwanzig Jahre Jüngeren verlassen hat, wenn der Arbeitslose keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht, die alte Frau vor Einsamkeit verzweifelt und der Schüler sich mit seinem Zeugnis nicht nach Hause traut. Dann bekommt das „Gelernte“ plötzlich Flügel: nicht weil du Großartiges leistest, bist du von Gott angesehen. Er ist dir nahe, gerade dort, wo du in den Augen der Welt keinen Erfolg hast, ein echter „looser“ bist, wie meine Kinder sagen würden.
Aber es gilt natürlich: solche Sätze sind keine Zauberformel, sie allein heilen die Verzweiflung nicht. Das eigene Leben als unverdientes Gottes-Geschenk begreifen und das Scheitern nicht als Ende, das kommt aus dem Glauben.
Wohl wahr, die Menschen fragen nicht mehr: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Mir scheint, dass die Frage nach „meinem Lebenssinn“ heute im Vordergrund steht. Wie kann ich Krankheit überstehen, das Ende meiner Ehe, die Trennung meiner Eltern? Was macht mein Leben (trotzdem) sinnvoll?
Da titelt die BRIGITTE woman im Frühjahr 2005: Weitermachen trotz alledem – Wie wir Niederlagen und Schicksalsschläge überwinden.
Und Xavier Naidoo, eine Pop-Ikone der Jugendlichen singt: „Alles was zählt, ist die Verbindung zu dir und ich wäre verloren, wenn ich diese Verbindung verlier.“
Oder nehmen wir das ganz klassische amerikanische Unterhaltungskino. Wenn Jack Nicholson in „Was das Herz begehrt“ von Affären (mit dreißig Jahre jüngeren Frauen) zur Liebe (zu einer Gleichaltrigen) wechselt.
Ist Ihnen das zu trivial?
Der Theologieprofessor Wilhelm Gräb schreibt in seinem Buch „Sinn fürs Unendliche“, „dass man in zeitgenössischen Filmen [und ich füge hinzu: Popsongs und Zeitschriften] möglicherweise dem Gott der vorbehaltlosen Liebe, der Vergebung schenkt und zur Selbstannahme des eigenen Daseins finden lässt, eher begegnet als in der kirchlichen Predigt.“
Sind wir zu beladen mit guter Theologie? Kann man bei uns die einfachen, schlichten Sätze nicht hören?
Paul Tillich sagt 1930 (!): „Nur dieses eine bleibt übrig, dass wir die Wirklichkeit, die damals gemeint war und die heute die gleiche ist, von uns aus neu sehen und in neue Worte fassen für den Menschen der Gegenwart.“
Ich freue mich auf das Gespräch mit Ihnen und grüße Sie herzlich
Ihre
Gabi
Liebe Gabi!
Ja, es ist ein Briefwechsel zwischen den Generationen – und wie dankbar bin ich, dass ich 20 Jahre nach Ihnen auch anderes im Studium erfahren konnte, als Sie es schildern.
In meiner Marburger Zeit gab es natürlich dieses: Vermittlung von theologisch Wissenswertem. Zugleich aber war da auch das gemeinsame Suchen nach dem persönlich Sagbaren. Nach der „Rede von Gott in heutiger Sprache“, wie Sie es ausgedrückt haben (und dieses erlebte ich in den Seminaren einer theologischen Lehrerin!).
Diese Suche fand oft entlang der Brüche statt, die wir selbst im Laufe unseres jungen Lebens erfahren hatten: Gesellschaftliche Schwierigkeiten. Das Gefühl, nicht akzeptiert zu sein als die, die ich bin. Als Übergewichtige, als Migrant, als Lesbe. Diese „looser“-Erfahrung – oder besser: die Erkenntnis, dass wir oft zum „looser“ gemacht werden.
Wenn wir es schafften von uns selbst zu sprechen, und nicht nur theologische Richtigkeiten zu sagen – dann konnten auch neue Worte für Gottes Gnade gefunden werden.
Im Vikariatskurs wurden wir dann gefragt, welche theologische Grundaussage uns am meisten geprägt habe. Weit über die Hälfte des Kurses sagte damals: die Rechtfertigungslehre – und ich wunderte mich, dass es anscheinend keiner weiteren Erklärung bedurfte.
„Aber was heißt denn das für Euch?“ – habe ich mich gefragt (und hätte damals sicher auch die anderen fragen sollen).
Das pro me, dass ich theologische Aussagen direkt auf mich selbst beziehe, hat ja auch Luther eingefordert und eingebracht. In seiner Erklärung des ersten Glaubensartikels im Kleinen Katechismus führt er das vor: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Was ist das? Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat.
Mir ist das Kreuz wichtig geworden. Oder mehr noch: Der gekreuzigte Gott. Und zwar in der Darstellung des Markusevangeliums: Da stirbt einer in der größten Gottverlassenheit – mit einem Schrei zu Gott. Die Verbindung zu Gott – in diesem Schrei der Gottverlassenheit wird sie gehalten. So ist Gott selbst am Kreuz präsent. Gott kennt den allergrößten Schmerz, er kennt menschengemachtes Elend und den Schmerz des Versagens.
Es ist dieses: „Gott ist da, komme, was da wolle“ – das mich tröstet: „Ich bin in Gottes Hand.“
Ist das nun die Frage nach dem gnädigen Gott?
Einer meiner theologischen Lehrer sagte: Die Menschen heute fragen nicht mehr nach dem gnädigen Gott (soweit waren wir immerhin schon 20 Jahre nach Ihrer Uni-Erfahrung!) – sondern nach dem gnädigen Menschen.
In einer Welt, in der ein gnadenloser Wettbewerb der Kapitalmärkte, aber auch der sozialen Geltung herrscht, ist das sicher keine unberechtigte Frage.
Wenn ich an die Zeit zurückdenke, in der ich selbst am meisten Gnade brauchte – ein gnädig-angesehen-Werden in meiner tiefsten Verunsicherung – dann darf ich zugleich an eine Zeit denken, in der ich dies erleben durfte: ohne Vorleistung, ohne selbst etwas zu können, erfuhr ich Zuwendung. Da waren menschliche Antlitze, durch die hindurch mich Gottes Antlitz anzublicken schien.
Ich erfuhr, was ich bei Martin Buber gelesen hatte: Das Ewige Du erscheint hinter und in der Beziehung zwischen Ich und Du. Oder wie Dorothee Sölle im letzten Gespräch vor ihrem Tod gesagt hat: „Gott ist im Nächsten versteckt“ . Ist es nicht das, was die Menschen mit Jesus erlebt haben?
Die Frage nach dem gnädigen Gott führt uns heute zu der Frage nach dem gnädigen Menschen, da ist was dran. Und auch Luther hat ja – so will es uns zumindest der Lutherfilm weismachen – den gnädigen Gott unter, mit und durch einen gnädigen Menschen erfahren: seinen Beichtvater Staupitz.
Offen bleibt da die Frage, wie ich menschenunabhängig bestehen kann. Woher kommt die Kraft, notfalls gegen alle Welt allein aufzustehen? Das berühmte „Hier stehe ich“?
In diesen Tagen führt dieses der Welt nicht ein Christ vor, sondern ein Muslim: der iranische Journalist Akbar Gandschi, der im Gefängnis in den Hungerstreik getreten ist, um in seinem Kampf für Gerechtigkeit in seinem Land lieber zu sterben als seine Position zu widerrufen.
Sie entdecken in der Frage nach dem eigenen „Lebenssinn“ die für die heutigen Menschen brennende Frage. Ich suche sie in der Sehnsucht nach Solidarität.
Auch ich entdecke solche Aussagen in Songtexten und Kinofilmen. Mit Paul Tillich können und sollen wir doch nach unseren existentiellen Fragen in den Strömungen kulturellen Schaffens suchen.
Da ist das Lied von Eleanor McEvoy über das magersüchtige Mädchen Sophie, das sich immer mehr in eine Lügenwelt verstrickt, das der Mutter das Herz bricht und vom Bruder nicht ernst genommen wird – und warum dies alles? „Sophie’s hoping she can be like all the other girls… just to fit in, in the ordinary world…“ – Wer schenkt ihr den liebenden Blick, der sie von der falschen Vorstellung befreit, hineinpassen zu müssen, um geliebt zu sein?
Reinhard Mey singt: „Selig die Abgebrochenen, die Verwirrten, die in sich Verkrochenen… selig sind die Verrückten!“ Und er erzählt Geschichten dazu: Geschichten von abgebrochenen Menschen, die ihre Würde bewahrt haben, wenn auch nicht in den Augen der Welt.
Unter den Gottesdienstentwürfen in diesem Heft findet sich auch ein Jugendgottesdienst zum Film „Good Will Hunting“ (B 4). Einer, der Recht nicht verdient hat, begegnet einem gnädigen Menschen. Es wird ihn für immer verändern. – „Siehe, ich mache alles neu!“
Nein, ich glaube nicht, dass das, „was Rechtfertigung bedeutet“, erklärt oder behauptet werden kann. Es bekommt tatsächlich Flügel, wie Sie schreiben, wenn es erfahren und (weiter)erzählt wird. Die Rechtfertigung wird wahr, wenn sie als Erfahrung von Gnade in meinem Leben wahr werden darf oder zumindest in der Sehnsucht danach lebendig ist.
Ich glaube, von Rechtfertigung zu reden heißt, Rechtfertigungsgeschichten zu entdecken und zu erzählen – Geschichten von Menschen, die das erleben: Wie sie in ihrer Unzulänglichkeit zärtlich angeblickt werden, wie sie in Gottes Hand gehalten sind trotz allem.
In Verbundenheit,
Ihre
Hanna



