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Ausschnitt aus einem Vortrag: Seelsorger |
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Meister Eckhart
Zu Meister Eckhart bietet die Choralschola Scintilla animae einen Gottesdienst mit Abendmahl und eine kleinere Gestaltung als Andacht an. Gemeinsam sind jeweils Einheiten aus Bibelvers, gesungener Vertonung dieses Verses und Lesung aus einer Predigt Eckharts zu diesem Vers. Hinzu kann ein Gemeindelied treten.
Meister Eckhart wurde um 1260 bei Tambach in Thüringen geboren. Er wurde in jungen Jahren Dominikanermönch und bekleidete in seinem Orden bald hohe Ämter. Zweimal wurde er als Lehrer (Magister, daher Meister) an die Universität in Paris berufen. Wegen seines Eintretens für Reformen in Kirche und Orden (gegen die Prunksucht der damaligen Kirche, für ein geistliches Leben in Abgeschiedenheit, für liturgische Veränderungen: Eckhart predigte auch für das Volk verständlich in deutscher Sprache) wurde er heftig angefeindet und mit einem kirchenamtlichen Verfahren wegen Verbreitens von Irrlehren überzogen. Wegen dieses Verfahrens machte sich Eckhart um 1327 auf den Weg zum Papst, der damals in Avignon residierte. Auf dieser Reise ist Eckhart unbekannt irgendwo gestorben, es gibt keine Nachricht über sein Ende. Jeder seiner Predigten stellt Eckhart den lateinischen Predigttext voran, der ihm Ausgangspunkt für die Entfaltung seiner geistlichen Ansichten ist. Unsere Auswahl versucht, zentrale Motive für sein Denken zu benennen: die Erkenntnis Gottes in der menschlichen Seele, die Einheit, das Einssein von Gott und Mensch, die Gottesgeburt im Menschen, der Funken der Seele (Scintilla animae), - modern ausgedruckt - die Liebe zu Gott aus freier Selbstbestimmung des Menschen.
Die Abschnitte aus vier seiner Predigten werden verknüpft mit gregorianischen Gesängen wie sie auch zu Eckharts Zeit gesungen wurden. Der Text der Choräle ist der jeweilige lateinische Bibeltext, der Eckharts Predigt zugrunde liegt. Zum besseren Verständnis wird vorher der Zusammenhang aus der Bibel vorgelesen. Abgeschlossen wird jede Einheit von Bibellesung, Gesang und Predigttext durch ein von allen gemeinsam gesungenes Lied.
Am 4. Juli feiert die evangelische Kirche den Tag der Apostel Petrus und Paulus. Aus diesem Grund beginnt der Gottesdienst mit der Erzählung von der Rettung des Petrus aus dem Gefängnis. Und Paulus wird von Eckhart in seiner Predigt über einen Vers aus dem Buch Jesus Sirach zitiert.
Die Gesänge der Choralschola entsprechen den im Text wechselnden Teilen der Gottesdienstordnung: Introitus (Eingangsgesang) zu Beginn Alleluia-Gesang (nach der zweiten Lesung), Graduale (Antwortgesang) als Reflexion des Evangeliums und Communio als Gesang zur Austeilung des Abendmahls. Die im Text unveränderlichen Teile des Gottesdienstes werden von allen gemeinsam auf alte Melodien mit deutschem Text gesungen. Kyrie, Gloria, Sanctus, Vaterunser und Agnus Dei sind seit bald 2000 Jahren das feste Gerüst eines jeden christlichen Gottesdienstes aller Konfessionen. Die gemeinsam gesungenen Lieder reflektieren noch einmal den in den Texten entfalteten Gedanken und in den Gregorianischen Weisen vertieften Glaubensinhalt aus der Sichtweise der nachreformatorischen Zeit.
Begleitend zum Thema bietet die Choralschola Scintilla animae ein Seminar zu Meister Eckhart an, das eine Folge von Vorträgen umfasst. Hier folgt eine ausführliche Inhaltsangabe. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an den Leiter der Schola.
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Meister Eckhart –
ein Seminar
Meister Eckhart – ein Seminar
I. Gesänge und Texte aus dem Mittelalter. Predigttexte von Meister Eckhart und Gregorianische Gesänge. Anschl. Einführung ins Thema
A. Einführung zu Beginn des Gottesdienstes
B. Einführung zu Beginn der Andacht
C. Lesungen aus der Bibel und Eckhartschen Predigten
1. Introitus
2. Alleluia
3. Graduale
4. Communio
D. Einführung in die Vorlesungen
1. Die philosophischen Voraussetzungen des Eckhartschen Denkens;
2. Seine wissenschaftlich-theologischen Ansichten
3. Was ist Mystik, mystische Erfahrung – und: war Meister Eckhart ein Mystiker?
4. der Seelenfunke - Scintilla animae.
5. Ganz am Schluss
II. Zeitgeschichtliche Grundlegung
A. Geburtsort und –jahr Eckharts
B. Europa im 13. Jahrhundert
C. Paris und die artes liberales
D. Geistiges und geistliches Leben
E. Beginn des 14. Jahrhunderts
F. Eckhart in Strassburg
G. Eckhart in Köln
H. Der Prozess gegen Eckhart
III. Meister Eckhart – Philosophische Grundlegung
A. Einleitung
B. Philosophie vor Eckhart
1. Plato
2. Aristoteles
3. Plotin
4. Gregor von Nyssa
5. Augustinus
C. Abweichendes Denken
D. Das Mittelalter
1. Scholastik
2. Analogie
E. Gotteserkenntnis bei Eckhart
IV. Meister Eckhart – Theologische Grundlegung
A Meister Eckhart – der Seelsorger (für Neugierige gibt es hier einen Ausschnitt zum Lesen)
1. Das Vaterunser
2. Das tägliche Leben
3. Armut - recht verstanden
4. Abgeschiedenheit
5. Christus in mir - Seelengrund und Seelenspitze
V. Meister Eckhart – Theologische Grundlegung
B. Eckhart - der Theologe
1. Trinitätslehre
2. "Esse est Deus"
3. Ort der Seele und der Geburt des Logos
4. Heiliger Geist
5. Zeitlichkeit
C. Eckhart - der Mystiker ?
1. Glaube und Wissen
2. Mystische Erfahrung
3. Gottgleichheit
4. Corpus Christi
5. Stufen
6. Durchbruch
VI. Scintilla animae – der Seelenfunke
A. Genese eines Begriffes
1. Die Elemente des Lebens
2. Prometheus
3. Feuer und Licht in vorchristlicher Zeit
4. Licht und Erkenntnis
5. Der Mensch auf dem Weg zum Licht
6. Die Vision des Ezechiel und die Genese des Begriffes Scintilla animae
7. Der Stern von Bethlehem - einer von vielen Sternen
8. Sophia und Logos
9. Das Licht des neutestamentlichen Kanons
B. Der Begriff bei Eckhart und in der Zeit danach
1. Scintilla animae bei Meister Eckhart
2. Beginn der Neuzeit
3. Die Zeit der Klassik
4. Von 1800 bis in die Gegenwart
VII.
A. Schluss
B. Abschluss: Psalm 104
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|
Autor/Herausgeber |
Titel |
Ort |
Jahr |
|
Fues, Wolfram Malte |
Mystik als Erkenntnis? |
Bonn |
1981 |
|
Giesecke, Hans |
Meister Eckhart - Der Morgenstern |
Berlin |
1964 |
|
Grabmann, Martin |
Die Lehre des Heiligen Thomas von der Scintilla animae. In |
|
|
|
Grundmann, Herbert |
Die geschichtlichen Grundlagen der deutschen Mystik. In: Ruh, Kurt(1964) |
Darmstadt |
1964 |
|
Hof, Hans |
Scintilla animae |
Lund, Bonn |
1952 |
|
Lanczkowski, Johanna |
Vom Wunder der Seele |
Stuttgart |
1996 |
|
Meerpohl, Franz |
Meister Eckharts Lehre vom Seelenfünklein |
Würzburg |
1926 |
|
Meister Eckhart |
Predigten. In: Erhebe dich, meine Seele. Mystische Texte des Mittelalters. Hg. Johanna Lanczkowski |
Stuttgart |
1988 |
|
Meister Eckhart |
Das Buch der göttlichen Tröstung. Vom edlen Menschen |
München |
1996 |
|
Meister Eckhart |
Mystische Schriften |
Frankfurt/M. |
1991 |
|
Meister Eckhart |
Vom Wunder der Seele |
Stuttgart |
1996 |
|
Meister Eckhart |
Der Morgenstern |
Berlin |
1964 |
|
Quint, Josef |
Mystik und Sprache. In: Ruh (1964) |
|
1964 |
|
Schmidt-Nörr, F. A. |
Meister Eckhart. Vom Wunder der Seele. Neuausgabe |
Stuttgart |
1996 |
|
Soudek, Ernst |
Meister Eckhart |
Stuttgart |
1973 |
|
Stachel, Günther |
Meister Eckhart. Das Buch der göttlichen Tröstung. Von dem edlen Menschen |
München |
1996 |
|
Stammler, Wolfgang |
Studien zur Geschichte der Mystik in Norddeutschland. In: Ruh (1964) |
|
1964 |
|
Trusen, Winfried |
Der Prozess gegen Meister Eckhart |
Paderborn |
1988 |
|
Wehr, Gerhard |
Meister Eckhart |
Reinbek |
1997 |
|
Wyser, Paul |
Taulers Terminologie vom Seelengrund. In. Ruh (1964) |
|
1964 |
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Meister Eckhart –
Theologische Grundlegung
Meister Eckhart –
der Seelsorger
Wir rufen alle Tage und schreien
im Paternoster: Herr, dein Wille geschehe! Wenn aber dann sein Wille geschieht,
so wollen wir zürnen und ergeben uns nicht in seinen Willen." In diesem so
plakativen Beginn einer Predigt klingen einige Motive an, die dem praktischen
Seelsorger und Prediger Eckhart wichtig waren: zürnst und immer die Ergebenheit
in Gottes Willen, dann, daß alles, was geschieht, Gottes Wille ist. Unsere
Leistung hat die Beherrschung unseres Selbst zu sein. Nicht um unseretwegen
sollen wir beten, sondern um seinetwegen, was eine Kritik sowohl an
Gebetsanliegen zum eigenen Vorteil wie auch an zeitläufigen Frömmigkeitsformen
der Hysterie und Ekstase einschließt. Und schließlich ist es die Beschäftigung
mit dem Vaterunser selbst. Zwei weitere Auslegungen Eckharts sollen genannt
sein.
Die erste befaßt sich mit dem
Vers 2 im 4. Kap. des 2.Timotheus-Briefes. Dort heißt es - und man ist geneigt,
es als selbsterteilte Dienstanweisung Eckharts zu lesen: "Predige das
Wort, stehe dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe,
ermahne mit aller Geduld und Lehre." Doch zum Vaterunser: "Ich sprach
gestern ein Wörtlein, das steht im Vaterunser und heißt:
'Dein Wille werde.' Besser wäre:
'Sein Wille und mein Wille werde ein einziger Wille.' Das meint das Vaterunser.
Das Wort hat zweierlei Sinn. Der erste: Für alle Dinge sei du wie ein
Schlafender, so daß du weder von Zeit noch von Kreaturen, noch von Bildern
etwas wissest. Die Meister sagen: Ein Mensch, der recht schliefe, und schliefe
er auch hundert Jahre, er wüßte um keine Kreatur, er wüßte nichts von Zeit oder
Bild. Du aber könntest dennoch wahrnehmen, daß Gott in ihm wirkt."
"Es spricht zweitens ein Wort: 'Arbeite in allen Dingen.' Das soll heißen:
Schaff zu deinem Frommen in allen Dingen, denn in allen Dingen ist Gott. Gott
hat alle Dinge erschaffen, nicht, daß er sie werden ließ und dann seines Weges
ging, sondern: er ist in ihnen geblieben. Die Leute wähnen, daß sie mehr haben,
wenn sie die Dinge mit Gott haben, als wenn sie Gott hätten, ohne die Dinge.
Aber das ist unrichtig, denn alle Dinge mit Gott sind nicht mehr als Gott
alleine." "Der andere Sinn ist der:
Schaff zu deinem Frommen in allen
Dingen; das will sagen: liebe Gott über alle Dinge und deinen Nächsten wie dich
selbst. Und liebst du hundert Mark mehr bei dir als bei einem anderen, das ist
unrecht. Und hast du deinen Vater und deine Mutter und dich selber lieber als
einen anderen, das ist unrecht. Und hast du die Seligkeit lieber in dir als in
einem anderen, das ist unrecht." "Das dritte: Arbeite in allen
Dingen, erfülle deinen Dienst. Leg ab alles, was dein ist, und gib dich Gott zu
eigen, dann wird Gott dein eigen, wie er sich selbst zu eigen ist. Was mein
ist, das hab ich von niemand. Habe ich es aber von einem anderen, so ist es
nicht mein, sondern des, von dem ich es habe. Heb auf dein Haupt, richte alle
deine Werke auf Gott." Eckhart sagt nicht: "Dein Wille
geschehe". Er sagt: "Dein Wille werde". Das ist offener,
schließt die Zukunft mit ein, die vielleicht noch nicht bestimmt ist.
Jedenfalls ist Gottes Wille als erst noch entstehender wohl mitgemeint. Drei -
auch wenn er nur zwei ankündigt - drei Argumente leitet Eckhart ab:
l. Egal, ob im Wachen oder im Schlafen,
Gott ist in allem, im Menschen und in allen Dingen immer schon da und bleibt in
allen Dingen, wie auch immer der Mensch sich dazu verhält. Deshalb, Mensch,
wenn du nicht schläfst, arbeite in allen Dingen im Bewußtsein, daß Gott darin
ist, aber zu deinem Nutzen. Das Wort 'zu deinem Frommen', das Eckhart benutzt,
erhielt erst im 15. Jahrhundert seinen religiösen Sinn. Das zweite ist: schaffe
in allen Dingen zu deinem Nutzen, aber so, daß du respektierst, daß dein Nutzen
genauso gilt wie der anderer. Eckhart führt dies etwas weiter aus, indem er
sagt, daß sich jedes Glied eines Körpers für genauso viel als ein jedes andere
erachten soll. Und drittens: arbeite in allen Dingen, aber so, daß du
respektierst, daß du alles aus Gott empfängst. Wenn du dich ihm
überläßt, wird er dein eigen. Dann kannst du dein Haupt zu ihm erheben.
Sicher ist diese Predigt ein Lob
der Arbeit - wobei jede Arbeit mit jedem Gegenstand gleich gilt. Sicher ist
diese Predigt ein Lob der Unterordnung - aber eines, das Selbstbewußtsein
impliziert. Sicher ist diese Predigt ein Lob des Verzichts auf eigenes - aber
nur, wenn es dir verordnet ist. Ansonsten suche deinen Nutzen im Bewußtsein des
Nutzens aller. Sicher ist diese Predigt ein Gebot der Unterwerfung unter Gottes
Willen - aber so, daß du erhobenen Blickes ihm deine Akzeptanz zeigst.
Ich komme auf die verschiedenen
Abteilungen des täglichen Lebens, die Eckhart in seinen Predigten behandelt,
gleich noch einmal zurück. Vorerst sollen noch Meister Eckharts Sätze zum
Vaterunser aus seinem Trostbuch folgen. Er bettet sie ein in einen kurzen
erkenntnistheoretischen Zusammenhang. "Darum sagen die Meister, daß die
Seligen im Himmelreich die Geschöpfe erkennen, losgelöst von allen Bildern
(Vorstellungen) der Geschöpfe, vielmehr erkennen sie die in dem einen
Bildgrund, der Gott ist, und wo Gott sich selbst und alle Dinge weiß und liebt
und will. Und darum zu beten und es zu begehren lehrt uns Gott selber, wenn wir
sprechen: 'Vater unser, geheiligt werde dein Name' - das ist: dich zu erkennen
ganz allein; 'es komme dein Reich' - das ist; daß ich nichts habe, das ich für
reich achte und erkenne außer dich, den Reichen. Davon spricht das Evangelium:
'Selig sind die Armen des Geistes' das ist des Willens -, und wir bitten Gott,
daß 'sein Wille geschehe auf der Erde' - das ist: in uns - 'wie in dem Himmel'
- das ist: in Gott selber. Ein so geschaffener Mensch ist so einwillig mit
Gott, daß er all das will, was Gott will, und auf die Weise, wie es Gott will.
Und deshalb gilt: wenn Gott irgendwie will, daß ich auch Sünde getan hätte, so
wollte ich nicht, daß ich sie nicht getan hätte; denn so geschieht 'Gottes
Wille auf der Erde' - das ist: in Missetaten -'wie im Himmel' - das ist: in
Wohltaten."
Dieser Satz von der Akzeptanz der
Sünde als Gottes Wille hat mit zu den von Papst Johannes XXII. verdammten
gehört. Wir lassen ihn hier so stehen. Zum weiteren Verständnis wäre eine
Spezialuntersuchung erforderlich.
Lesemeister und Lebemeister - schauendes und
tätiges Leben
Daß Eckhart alle
wissenschaftliche Theologie für nicht hinreichend zur Erklärung des
vollkommenen Lebens erachtet, belegt das folgende Zitat. Es macht im Fortgang
zugleich deutlich, welche Konsequenzen aus dem Vaterunser zu ziehen sind,
welche Zumutungen - für seine Zuhörer und Zuhörerinnen damals wie heute - im
Extrem nach Eckharts Meinung zu erleiden sind. "Nötiger wäre ein
Lebemeister als tausend Lesemeister; aber lesen und leben ohne Gott, dazu kann
niemand kommen. Wollte ich einen Meister von der Schrift suchen, den suchte ich
in Paris und in den hohen Schulen hoher Wissenschaft. Aber wollte ich nach
vollkommenem Leben fragen, davon könnte er mir nichts sagen. Wohin sollte ich
dafür gehen? Allzumal nirgends anders als in eine nackte entledigte Natur: die
könnte mir kundtun, wonach ich sie in Ehrfurcht fragte. Leute, was sucht ihr an
dem toten Gebein? Warum sucht ihr nicht das lebendige Heil, das euch ewiges
Lebens geben kann? Denn der Tote hat weder zu geben noch zu nehmen. Und sollte
ein Engel Gott ohne Gott suchen, so suchte er ihn nirgends anders als in einer
entledigten nackten abgeschiedenen Kreatur. Alle Vollkommenheit liegt daran,
daß man Armut und Elend und Schmach und Widerwärtigkeit und alles, was dir
zustoßen und dich bedrücken kann, willig, fröhlich, frei, begierig und bereit
und unbewegt leiden kann und bis an den Tod dabei bleiben ohne alles
Warum."
Das Lob der Arbeit in Gott haben
wir bereits zu Beginn gehört. Speziell für seine Mitbrüder und Mitschwestern,
und sicher auch für den weltlichen Klerus sind die folgenden Sätze gedacht, die
sich als Konsequenz aus der Unterscheidung von Lese- und Lebemeister ergeben.
"Kein Mensch kann in diesem Leben so weit kommen, daß er nicht auch äußere
Werke tun solle. Denn wenn der Mensch sich dem beschaulichen Leben hingibt, so
kann er vor großer Fülle sich nicht halten, er muß ausgießen und muß im
wirkenden Leben tätig sein." "Und ebenso kann kein Mensch eine Tugend
haben, der sich nicht dieser Tugend hingibt, wenn es Zeit und Raum erlaubt. Und
darum sind alle die, die sich dem beschaulichen Leben hingeben und nicht
äußeren Werken und sich ganz und gar von äußerem Werk abschließen, im Irrtum
und nicht auf dem rechten Weg. Da sage ich, der Mensch, der im beschaulichen
Leben ist, kann wohl und soll sich von allen äußern Werken freimachen, solange
er im Schauen ist; aber hernach soll er sich äußern Werken widmen, denn niemand
kann sich allezeit und fortwährend dem beschaulichen Leben hingeben, und das
wirkende Leben wird ein Aufenthalt des schauenden Lebens." Auch zum ora -
zur anderen Seite des Ora et labora - bete und arbeite - nach diesem Satz zum
labora hat Eckhart noch eine Anmerkung: "Ein Mensch gehe auf dem Felde und
spreche sein Gebet und bekenne Gott, oder er sei in der Kirche und bekenne
Gott; wenn er Gott darum, daß er an einem Ruheort ist, eher erkennt, so kommt
das von seiner Gebrechlichkeit, nicht von Gott; denn Gott ist an allen Orten
gleich und ist, soweit es an ihm liegt, immer gleich bereit, sich zu geben. Und
der erkennt Gott recht, der ihn überall in gleicher Weise findet. Der Himmel
ist an allen Orten gleich fern von der Erde."
Menschsein
Das Mittelalter stellte sich
Begriffe immer als Stufenfolge verschiedener Seinsgrade vor. Dem einzelnen
Menschen eignete sein Menschsein und dies verband ihn mit anderen zur
überindividuellen Menschheit. Daneben und darüber eignete ihm aber auch ein
Menschtum, getrennt von seiner tatsächlichen Existenz. Dies Menschtum
verallgemeinert deckte sich dann wieder mit der Menschheit, diesmal als
abstrakten Begriff genommen. Diese Trennung ist ja auch heute nicht aus der
Welt: die Würde eines Menschen ist nach der Erklärung der Menschenrechte
unantastbar. Aber das sagt nichts darüber, wie es dem einzelnen Menschen unter
einer bestimmten Herrschaft irgendwo auf der Welt geht. Meister Eckhart nimmt
die Rechtsinstanz des Mittelalters schlechthin - Gott - in Anspruch für den
Adel des Menschen. "Menschtum und Menschsein ist nicht dasselbe.
Menschheit an sich selber ist so edel, daß das Höchste daran Gleichheit hat mit
den Engeln und Sippschaft mit der Gottheit. Die Einung, die Christus mit dem
Vater besaß, die zu gewinnen wäre auch mir möglich, wenn ich nur das an mir
ablegen könnte, was von dem und jenem an mir ist, und wenn ich mich mehr als
Menschheit nähme. Alles das, was Gott je seinem eingeborenen Sohn gab, das hat
er mir ebenso vollkommen gegeben wie ihm und nicht weniger(..).Schlage ich
dich, so schlage ich zuerst einen Burkhart oder einen Heinrich und danach erst
den Menschen. So aber tut Gott nicht. Er nahm zuerst Menschheit an. Wer aber
ist ein Mensch? Der durch Jesu Christi Menschtum Christi eigenen Namen
hat." In diesem Menschtum gibt es nun keinerlei Unterschied mehr:
"Menschtum ist am ärmsten und erbärmlichsten Menschen ebenso vollkommen
wie an Papst oder Kaiser." Zur Bekräftigung sagt er unter Berufung auf
einen Galater-Vers (3,28) an anderer Stelle über die Getauften: "Die
Menschen, in denen das ewige Wort gesprochen wird, denen geschehen vier Dinge.
Das eine ist, daß der Mensch mit Gott vereinigt wird. Das andere ist, er wird
aus Gnade Gottes Sohn. Das dritte ist, er wird Gottes Erbe. Das vierte ist:
alle Knechtschaffenheit fällt ab von ihm: so, wie St.Paulus sagt: 'In Christo
ist der Mensch weder Weib noch Mann, weder Jude noch Grieche, weder Knecht noch
Freigeborener; sondern alle Menschen sind eins in Christo, und alle sind Söhne
Gottes.'"
Zwar beherrscht auch Eckhart die
scholastischen Unterschiede von Mann und Frau als Geist und Leib oder in seinem
Genesis-Kommentar die Analogie, in der Mann, Weib und Schlange als neuplatonische
Stufen der Seele erscheinen: als das Göttliche, als Intellekt und als das
Sensitive. Immerhin erscheint das Weibliche als Intellekt. Im überlieferten
praktischen Denken Eckharts scheint Diskriminierung keine Rolle gespielt zu
haben. Er hatte schließlich auch mit Frauen und Männern der unterschiedlichsten
Herkunft und Voraussetzungen als Seelsorger zu tun. Der Schöpfungsgeschichte
gewinnt er noch den folgenden Gedanken ab: "Da Gott den Menschen machte,
da machte er die Frau von des Mannes Seite, darum, daß sie ihm gleich wäre. Er
machte sie nicht aus dem Haupt noch aus den Füßen, daß sie weder Frau noch Mann
für ihn wäre, sondern daß sie ihm gleich sei. Also soll auch die gerechte Seele
bei Gott ihm gleich sein: beineben Gott, ihm auf rechte Weise gleich, nicht
unten und nicht oben."
Lebensäußerungen
Von den Geißlerzügen und ihren
selbstzerstörerischen Praktiken war schon die Rede. Auch Bußübungen konnten
solche gesundheits- und auch lebensbedrohende Formen annehmen: sei es durch den
selbstauferlegten Entzug von Mitteln zum Leben: Nahrung, Licht, Kleidung
(Büßerhemden taten weh), sei es durch den Entzug von Kommunikation - vom
Dauerschweigen bis zur völligen Einmauerung, sei es durch die eigenhändige
Beschädigung des eigenen Körpers - abschreckendstes Beispiel aus früher Zeit:
die Selbstkastration des Origines und dergleichen Praktiken mehr. Daß hier
vielfach Selbstüberschätzung durch Selbstverstümmelung im Spiel war,
Selbstzweck wurde, was Hilfe zur Selbstfindung sein sollte, ist nicht zu
übersehen und war für Meister Eckhart Anlaß, auf den Zweck von Bußübungen zu
rekurrieren: sie sollten dem Leib, der als erdverbundener viel zu gern den
irdischen Verlockungen erlag, Zügel anlegen. Ausdrücklich ist von "etwas
schwächen" und nicht vom Umbringen die Rede. Aber Eckhart hat dieser
Praxis noch etwas anderes entgegenzusetzen:
"Da man dem Leib das tut,
damit er ein Gefangener sei, so lege ihm, wenn du ihn tausendmal besser fangen
und belasten willst, den Zaum der Minne an. Mit Minne überwindest du ihn am
allerschnellsten. Und darum stellt uns Gott mit keinem anderen Ding so sehr
nach, als wie mit Minne.(..) Wer von ihr gefangen wird, der hat das
allerstärkste Band und doch eine süße Bürde empfangen. Wer diese süße Bürde auf
sich genommen hat, der erreicht damit mehr und kommt weiter damit als mit aller
Buße und Strenge, die je Menschen auferlegen und üben können.(..) Nichts macht
dich Gott so eigen und durch nichts wird Gott dir so zu eigen als durch dieses
süße Band. Wer diesen Weg gefunden hat, der suche keinen anderen." Daraus
ergibt sich notwendig, daß die Furcht in der Beziehung zu Gott keinen Platz
hat: "Der Mensch soll Gott nicht fürchten. Es gibt eine Furcht, die
schädlich ist. Nur das ist die rechte Furcht, die da fürchtet, Gott zu
verlieren. Der Mensch soll Gott minnen; denn Gott minnt den Menschen aus seiner
höchsten Vollkommenheit."
Zur Furchtlosigkeit gesellt sich
die Freude, zunächst als Abwesenheit von Trauer und Leid: "Sankt
Augustinus spricht: 'Für Gott ist nichts fern, noch lange. Willst du, daß für
dich nichts fern, noch lange sei, so füge dich zu Gott, denn dort sind tausend
Jahre wie der heutige Tag (Ps.9o,4). Genau so sage ich, gibt es in Gott nicht
Traurigkeit, noch Leid, noch Ungemach. Willst du allen Ungemachs und allen
Leides ledig sein, so halte dich an Gott und kehre dich ganz lauter zu Gott
allein. Es ist sicher, daß alles Leid davon kommt, daß du dich nicht allein in
Gott und zu Gott hinkehrst." Einen Hinweis auf Lachen und Freude bei
Meister Eckhart finden wir aus unvermuteter Quelle: Erich Fromm zitiert ihn in
"Haben und Sein". Nach einem Jesus-Wort aus dem Johannes-Evangelium:
"Dies habe ich zu euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit
eure Freude vollkommen wird."(15,11) sagt Fromm, daß Freude eine hervorragende
Rolle im Denken Meister Eckharts spielt. "Der Gedanke der schöpferischen
Kräfte des Lachens und der Freude hat vielleicht seinen schönsten poetischen
Ausdruck bei Meister Eckhart gefunden: 'Wenn der Vater den Sohn anlacht und
dieser lacht zurück, da bringt das Lachen Lust hervor und die Lust schafft
Freude und Freude gebiert Liebe und die Liebe bringt die Person hervor und
diese erschafft den Heiligen Geist'."
Handel
Angesichts damals üblicher
Bußpraktiken und gekaufter Sündenvergebung, dem Ablaßhandel, bestand für
Meister Eckhart immer wieder Anlaß, auf dieses Thema einzugehen. Auch heute ist
es aktuell, wie folgende Annonce aus jüngster Zeit belegt: "Ich bin
lebendiger Christ und werde 1999 Facharzt für Allgemeinmedizin. Welcher Christ
sucht zur Übergabe seiner Praxis (...) einen Allgemeinmediziner, um in
geistlicher Einmütigkeit dem Herrn zu dienen?" Eckhart fällt dazu das
folgende Bild ein:
"Du suchst etwas mit Gott,
und tust gerade so, wie wenn einer aus Gott eine Kerze machte, mit der man
etwas sucht, und wenn man das Ding findet, so wirft man die Kerze weg. So tust
du: Was du mit Gott suchst, das ist nichts, Nutzen, Lohn, Innerlichkeit oder
was es auch sei; du suchst nichts, darum findest du auch nichts."
Etwas allgemeiner schreibt er an
anderer Stelle: "Etliche Leute wollen Gott mit Augen schauen, so, wie sie
eine Kuh betrachten, und wollen Gott genauso minnen, wie sie eine Kuh
liebhaben. Die Kuh, die minnest du um die Milch und um den Käs', um deinen
eigenen Nutz. So tun alle jene Leute, die Gott minnen um auswendigen Reichtums
oder um einwendigen Trostes willen. Solche Leute minnen Gott nicht auf rechte
Weise, sondern sie minnen ihren eigenen Nutzen. Und wahrlich, solches Minnen
wird dir zum Hindernis auf dem Weg zur allernächsten Wahrheit."
Wie dies Hindernis beschaffen
ist, beschreibt er in einer anderen Predigt über das 4. Kapitel des
Johannes-Evangeliums, über die wahren Anbeter Gottes, "Ach, wie viele gibt
es derer, die einen Schuh oder eine Kuh anbeten und sich damit bekümmern, und
das sind gar törichte Leute. Sobald du zu Gott betest, um der Kreaturen willen,
bittest du um deinen eigenen Schaden; denn, sobald die Kreatur Kreatur ist,
trägt sie Bitterkeit und Schaden und Übel und Ungemach in sich. Und darum
geschieht den Leuten gar recht, wenn sie Ungemach und Bitternis haben. Warum? -
Sie haben darum gebeten!" Vollends grundsätzlich wird Eckhart in der
Predigt, die den Handel explizit zum Thema hat, über den Rauswurf der Händler
aus dem Tempel (Math.21,12f). "Kaufleute sind da alle, die sich vor groben
Sünden hüten und gern gute Leute wären mit Fasten, Wachen, Beten und allerhand
guten Werken. Und tun es doch nur darum, daß ihnen unser Herr etwas dafür gebe
oder daß Gott ihnen dafür etwas tue. Diese alle sind Kaufleute! Sie wollen
Handel treiben mit Gott und werden mit solchem Kauf betrogen. Denn wenn sie
selbst ihren ganzen Besitz hingeben würden um Gotteswillen, so wäre ihnen Gott
doch nichts schuldig zu geben oder zu tun, er täte es denn gerne
umsonst.(..)Wenn er in seinen Tempel kommt, so treibt er aus das Nichterkennen
und die Finsternis und offenbart sich mit Licht und Wahrheit. Wenn aber die
Wahrheit erkannt wird, dann sind die Kaufleute ausgetrieben. Denn Wahrheit
begehrt keine Handelschaft."
Und abermals an anderer Stelle,
vermutlich an seine Ordensbrüder und -schwestern gewandt, redet er über das
Verhältnis von Menschenwerk und Gottes Sein. "Nicht gedenke man Heiligkeit
zu gründen auf ein Tun; man soll Heiligkeit vielmehr gründen auf ein Sein, denn
die Werke heiligen nicht uns, sondern wir sollen die Werke heiligen. Wie heilig
die Werke immer sein mögen, so heiligen sie uns ganz und gar nicht, soweit sie
Werke sind, sondern: soweit wir heilig sind und Sein besitzen, soweit heiligen
wir alle unsere Werke, es sei Essen, Schlafen, Wachen oder was immer es
sei."
Trost
Eine der schönsten uns von
Meister Eckhart erhaltenen Schriften ist das "Buch der göttlichen
Tröstung", das vermutlich zwischen Eckharts zweiter Professur in Paris
1313 und seiner Zeit in Köln ab 1323 in Straßburg entstanden ist. Eckhart
beschreibt einerseits in diesem Trostbuch Trostgründe der schlichtesten Art:
wer von 100 Mark 40 verliert, solle sich mit dem Verbliebenen trösten. Auch der
Vergleich mit Menschen, denen es noch schlechter geht, bietet Eckhart als
Trostgrund an und auch, daß in jedem Schaden etwas anderes über ihn
hinausweisendes enthalten ist. Die Schwierigkeit, diese schlichten Gründe des
Vergleichs heute angemessen zu verstehen, liegt darin, daß in den vergangenen
700 Jahren nach allen Phasen kapitalistischer Entwicklung der Zusammenhang von
Besitz und Existenz ein anderer als damals ist. Und zum anderen wurden
Tröstungen der genannten Art als depravierte Sprücheklopferei reichlich
verstreut: Geben ist seliger als nehmen; wen der Herr liebt, den züchtigt er;
es hätte schlimmer kommen können - solche Sätze erscheinen heute denen, die es
gerade getroffen hat, zynisch. Ob das zu Eckharts Zeit auch so war, vermag ich
nicht zu sagen.
Aber Eckhart schreibt in seinem
Trostbuch auch ganz andere Sätze: "Ein guter Mensch, von der Güte und in
Gott geboren, tritt ein in alle Eigenschaft göttlicher Natur. Nun ist es, nach
Salomos Worten (Spr. 16,4), eine Eigenschaft Gottes, daß Gott alle Dinge um
seiner (Gottes) selbst willen wirkt, das heißt: daß er auf kein Warum außerhalb
seiner achtet, als nur auf das ‚Um-seiner-selbst-willen‘; er liebt und wirkt
alle Dinge um seiner selbst willen. Wenn darum der Mensch sich selber liebt und
alle Dinge (Kreaturen), und wenn er alle seine Werke wirkt, nicht um Lohn zu
erlangen oder um Ehre oder um Wohlsein zu bekommen, sondern allein um Gottes
und Gottes Ehre willen - das ist ein Zeichen, daß er Gottes Sohn ist. (..) Wer
da von Gott geboren ist als Gottes Sohn, der liebt Gott um seiner selbst
willen: das heißt:
er liebt Gott um des Gott-Liebens
willen und wirkt alle seine Werke um des Wirkens willen. Gott wird des Liebens
und des Wirkens nimmer müde, und auch ist ihm alles eine Liebe, was er liebt.
Und darum ist es wahr, daß Gott die Liebe ist. Und darum sagte ich weiter oben,
daß der gute Mensch allezeit den Willen hat und hätte, um Gottes Willen zu
leiden, nicht schon gelitten zu haben. Durch Leiden hat er, was er liebt. Er
liebt es, um Gottes willen zu leiden, und er leidet um Gottes willen. (..) So
gilt in Wahrheit:
für den Sohn Gottes - einen guten
Menschen, sofern er Gottes Sohn ist, - ist es sein Wesen, sein Leben, sein
Wirken, seine Seligkeit, um Gottes willen zu leiden und um Gottes willen zu
wirken. Denn so spricht unser Herr: 'Selig sind, die da leiden um der
Gerechtigkeit willen.' Weiter sage ich noch als Drittes, daß ein guter Mensch,
insofern er gut ist, Gottes Eigenschaft nicht allein darin hat, daß er alles
liebt und wirkt (..)um Gottes willen, den er da liebt und um dessentwillen er
wirkt; sondern er, der da liebt, liebt und wirkt auch um seiner selbst willen;
denn was er liebt, ist der ungeborene Gott-Vater, und wer da liebt, ist der
geborene Sohn Gottes. Nun ist der Vater in dem Sohn und der Sohn in dem Vater.
Vater und Sohn sind Eines."
Ich füge hier noch einige
Erläuterungen an, die Günther Stachel zu diesen Sätzen gibt. "Daß 'ein
guot mensche...in gote geborn, tritet in alle die Eigenschaft götlicher nature'
ist eine starke Aussage. (..) 'Was immer Eigenschaft göttlicher Natur ist, das
ist auch gänzlich eigen einem gerechten und göttlichen Menschen..' Dieser Satz
wird als häretisch verurteilt. Er bezieht sich jedoch nicht auf ein Gott sein,
sondern auf das 'innere Werk', zu dem Gott selbst den Menschen befähigt. Mit
aller 'Eigenschaft der göttlichen Natur' wird hier eine einzige, freilich
totale Eigenschaft behauptet, die Eckhart in Proverbiorum (Spr.Sal.) 16,4
findet und in seinem Sinn versteht: Gott wirkt und liebt, was er wirkt und
liebt, um seiner selbst willen. Nichts außerhalb von Gott ist für Gottes Wirken
und Lieben von Bedeutung." (Einschub: Der zitierte Satz heißt lateinisch:
universa propter semetipsum operatus est Dominus, wörtlich übersetzt: alles hat
der Herr um seiner selbst willen gewirkt. Der Zusatz Lieben stammt von Eckhart.
Luther übersetzt diese Stelle so: Der Herr macht alles zu bestimmtem Ziel,
womit jeder Anklang an Mystik getilgt ist. Weiter mit Stachels Erläuterungen:
"Gott und der gute Mensch lieben und wirken, und hier gibt es sowohl
Unterschied wie Einheit. Gott liebt sich selbst. Aber - und das überrascht zunächst
- der Mensch liebt auch sich selbst (und alle Dinge = Kreaturen). Gott wirkt
'alle Dinge', der Mensch wirkt 'alle seine Werke' - in Analogie zum Wirken
Gottes, freilich andere Werke. Aber Gott und der Mensch stimmen darin überein,
daß beide 'allein um Gottes willen lieben und wirken'. (..) Liebe und Wirken
sind so sehr eins mit Gott, daß ein Gebären (= Zeugen) des Sohnes und ein
Erschaffen der Welt als etwas Abgeschlossenes, das nicht mehr in steter
Gegenwart geschieht, undenkbar und unsagbar ist. Freilich ist auch Gottes
Gegenwärtigkeit unsagbar. (...) 'Wan, daz er minnet, daz ist
got-vater-ungeborn, der da minnet, ist got-sun-geborn'. Meine (Stachels)
Übersetzung versteht unter 'got-sun-geborn' den eingeborenen Sohn, das Wort,
Christus. Es könnte freilich auch der gute Mensch als 'geborener Sohn Gottes'
gemeint sein. Aber der folgende Satz zitiert aus den Abschiedsreden des
Johannes-Evangeliums, was dort von Christus gesagt wird! Joh.10,38: 'der Vater
in mir...und ich im Vater'; 17,21: 'du, Vater, in mir und ich in dir';
10,30:'Ich und der Vater sind eins'. Soll also der Satz den guten Menschen als
'geborenen Sohn Gottes' meinen, so legte Eckhart diesem die tiefsten und
geheimnsivollsten Qualitäten des Christus bei. Derartiges mag anklingen, ist
aber mindestens von Eckhart nicht nachdrücklich akzentuiert worden. Lassen wir
es also offen: die Größe des Sohnseins, welches dem 'guten Menschen' geschenkt
ist, schwingt in diesem Text mit."