Neugierig, voller Erwartung und Spannung machten wir uns auf den Weg.
22 Mitglieder der beiden Glaubengesprächskreise wollten im evangelischen Kloster Wülfinghausen bei Springe die Besonderheiten des Lukas-Evangeliums aufspüren.
Der einleitende Satz im Vorwort des Lukas-Evangeliums zeigt, dass Lukas andere Texte

über die Wirkungs- und Leidensgeschichte Jesu kannte. Sehr wahrscheinlich ist seine Kenntnis des Markus-Evangeliums. Er respektiert die dortige Wortreihenfolge und die Wortwahl Jesu. Aber die Aufzeichnungen des Markus scheinen ihm weder sprachlich noch inhaltlich zu genügen. Lukas betreibt Theologie, indem er erzählt statt zu spekulieren. Seine Erzählung vom Geheimnis der Gottessohnschaft beginnt er mit einer Beschreibung der Geburt Jesu. Lukas hat die Geburtsgeschichte des Johannes mit der von Jesus verzahnt. Johannes predigt das Gericht und ruft zur Umkehr auf während Jesus die gute Nachricht von der Gnade Gottes verkündet. Nach der Ankündigung der Geburten besucht Maria Elisabeth, nach der Geburt Jesu folgt das Zeugnis von Simeon und Hanna über Jesus.

Auf der „Nonnenempore“, unserem Tagungsraum, vertiefen wir uns in das Rembrandt-Gemälde „Simeon im Tempel“, schlüpfen in die Rolle des Oberzöllners Zachäus, versuchen die Beweggründe des Hauptmanns von Kapernaum herauszufiltern und erkennen im Gleichnis vom barmherzigen Samariter den Appell zur tätigen Nächstenliebe.
In der Krypta hält der Konvent seine Stundengebete. Gäste sind herzlich willkommen. Hier haben wir auch am Sonntag gemeinsam mit den Schwestern Abendmahls-Gottesdienst gefeiert. Auch das Sonntags-Evangelium „das Gleichnis vom Festmahl“ findet sich bei Lukas 14,15-24.

Um die „Zufälle“ um unsere Lukas-Thematik abzurunden, befindet sich im Altarbereich der Krypta eine Bronze-Figur „ Jesus als der gute Hirte“.
Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist (Lk 19,10). Lukas überliefert eine Reihe von Erzählungen, die man Gleichnisse des Erbarmens nennen kann. Die Gleichnisse vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Drachme und vom verlorenen Sohn. Lukas hebt besonders die Freude hervor, die Gott über die Rettung des Verlorenen hat.

Kloster Wülfinghausen ist ein Ort der Stille, des Gebetes und der gelebten Ökumene. Seit 1994 sind Schwestern der evangelischen Communität Christusbruderschaft Selbitz im Kloster ansässig. Derzeit wohnen sieben Schwestern in dem Kloster nach den Regeln Gütergemeinschaft und Gehorsam. Die Klosterküche hat uns verwöhnt, unsere Gemeinschaft haben wir beim gemütlichen Beisammensein weiter gefestigt. Besonders schwer fiel manch einer/einem von uns, während des Mittagessens die Stille auszuhalten. Erst zur Nachspeise durfte die Unterhaltung wieder einsetzen. Eine schöne Erfahrung war für mich persönlich auch das Stillsein auf dem Weg zu den Andachten.
Anne-Marie Schulte-Reinartz