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Gemeinde-Exkursion vom 9.-12.10.2010

Auf den Spuren von Martin Luther und der friedlichen Revolution von 1989

Mit einer Reisegruppe von 40 Personen reisten wir 4 Tage in die neuen Bundesländer, um uns auf die Spuren Martin Luthers im 16. Jh. und der friedlichen Revolution in Leipzig 1989 zu begeben. Bei herrlichem Reisewetter fahren wir in Richtung Leipzig. Vom bekannten Schkeuditzer Kreuz aus vorbei am Flughafen, den neuen Messehallen und den vielen neu angesiedelten Betrieben erreichen wir das Zentrum. Außerhalb des Stadtringes liegen bedeutende Einzelziele wie das Völkerschlachtdenkmal – dieses wurde 1913 errichtet, wo die größte Feldschlacht der Weltgeschichte im 19. Jh. stattfand – die Deutsche Bücherei, das Reichsgericht, die alte Leipziger Messe, die russisch-orthodoxe Gedächtniskirche und die Nationalbibliothek, in der seit 1913 jedes veröffentlichte Buch erfasst wird. Wobei die 2 Stadtkirchen St. Thomas und St. Nikolai sowie das alte und neue Rathaus, das Gewandhaus und die Oper im Innenstadtring liegen. So auch der Augustusplatz, bekannt dadurch, dass im Herbst 1989 Zehntausende zu den Montagsdemonstrationen auf die Straße gingen, um entschlossen ihre Grundrechte und die Freiheit einzufordern. Am Nachmittag fahren wir wieder in die Innenstadt, um am traditionellen Friedensgebet in der bis auf den letzten Platz besetzten Nikolaikirche teilzunehmen und uns die Rede zur Demokratie von Bundestagspräsident Lammert anzuhören. Anschließend gingen wir mit zum Augustusplatz, um mit den 40.000 Leipzigern den Herbst 1989 und das Lichtfest 2010 zu feiern, unsere Kerzen abzustellen, die in den nächtlichen Himmel eine leuchtende riesige 89 formten. Kerzen prägten den Herbst 1989. Ergriffen lauschten wir einem Orgelkonzert, synchron gespielt und übertragen aus der Kuppel des Berliner Reichstages und aus der Nikolaikirche. Es war ein Abend voller Emotionen und der Erinnerung an die Zeit, die uns durch das Fernsehen übermittelt wurde.

WittenbergAm Sonntagmorgen besuchten wir gemeinsam den Bach-Gottesdienst mit anschließendem Abendmahl in der Thomaskirche. Bei dieser Kirche erinnert man sich gleich an die Thomaner und den Kantor Bach. Die Thomaner sind einer der bedeutendsten Knabenchöre Deutschlands, auch Luther predigte 1539 zur Einführung der Reformation in der Thomaskirche und der Nikolaikirche. Bevor uns die Fahrt nach Naumburg weiterführte, machten wir kurz noch einen Rundgang zu den beiden Häusern, in denen Martin Luther zu Leipziger Zeiten wohnte. Auch am neuen Rathaus mit der bekannten Uhr und den nachgebildeten Schnecken-Türgriffen an der Eingangstür gingen wir vorbei. Stadtauswärts fahren wir vorbei an der „Runden Ecke“, dem damaligen Stasi-Domizil, an den aus der DDR bekannten Sport- und Ruderschulen (auch „Kaderschmieden“ genannt), vorbei an verfallenen Plattenbauten, aber auch an gut sanierten Häusern. Unser nächstes Ziel war nun der Naumburger Dom, der bis zur Reformation Bischofskirche war. Der heutige Dom wurde überwiegend in den Jahren 1210-1242 errichtet und verdankt seine Berühmtheit den bekannten Skulpturen. Im Westchor des Domes stehen im Mittelpunkt die weltberühmten Skulpturen von Markgraf Hermann von Meißen und seiner Frau Reglindis und von Markgraf Eckhard II. und dessen Frau Uta. Der Blick in das Kirchenschiff wird durch die hohe Chorschranke und den Ostlettner versperrt. Auch den Westchor schließt ein Lettner ab. Das Mittelschiff wird also im Osten und Westen durch Lettner begrenzt. Die Reliefs an der Brüstung des Westlettners erinnern an die Passion Christi, den abschließenden Höhepunkt bildet die Kreuzigungsgruppe im Portal. Im Jahr 1541 wurde in Folge der Reformation der Dom für die evangelische Lehre geöffnet. Der Kurfürst ließ einen neuen, protestantischen Bischof einsetzen, und zwar Nikolaus vom Amsdorf. Bei der feierlichen Inthronisierung war alles zugegen, was zu den Evangelischen zählte, allen voran auch Luther und Melanchthon. In wenigen Gehminuten gelangt man vom Dom zum Marktplatz und zur Stadtkirche St. Wenzel, die aber leider verschlossen war. Es zeigt sich, dass viele Häuser renoviert und die Fassaden farblich aufeinander abgestimmt wurden. Die Flüsse Saale und Unstrut geben dem nördlichsten Weinanbaugebiet Europas einen Namen. Wir besuchen die seit 1856 bestehende traditionsreiche Rotkäppchen-Sektkellerei in Freyburg a.d. Unstrut. Bei einem Rundgang erklärt uns Herr Wiegandt den Werdegang des Betriebes – von den Anfängen, den schweren Zeiten des Krieges, den Nachkriegszeiten sowie dem Neubeginn. U.a. zeigt er uns das größte geschnitzte Cuvée-Fass Deutschlands. Das Riesenfass wurde 1896 aus 25 Eichen gebaut und hat ein Fassungsvermögen von 160.000 Flaschen und ist mit wertvollen Schnitzereien verziert. Trotz aller wirtschaftlichen und politischen Unbilden hat sich der Betrieb einen festen Platz am deutschen Sektmarkt erobert. Bei einem launigen Abend genossen wir die Stunden bis zur Rückfahrt. Luther-Figuren

Nach einem Geburtstagsständchen für Jutta Keunecke begeben wir uns am Montag nach Wittenberg, um uns mit der spannenden und bewegenden Biografie des Reformators Martin Luther zu beschäftigen. Geboren wurde er am 10.11.1483 in Eisleben, am Tag darauf taufte man ihn auf den Namenspatron des 11.11., den heiligen Martin. Sein Vater, Hans Luder, plante für ihn eine Laufbahn als Jurist. Sein Leben nahm aber eine dramatische Wende. Er geriet 1505 in ein Unwetter und, verängstigt durch die Blitze, gelobte er Mönch zu werden. Nach der Priesterweihe begann er ein Theologiestudium in Erfurt und Wittenberg. Luther hielt Vorlesungen über einzelne biblische Bücher. Aus dem Römerbrief gewann er schließlich die Erkenntnis, dass die Christen allein durch den Glauben an die von Gott geschenkte Gerechtigkeit das Heil empfangen. Luther fasste selbst fasste seine Erkenntnis 1513 beim Studium des Römerbriefes in seiner privaten Turmstube zusammen. Aus Bibelworten und gegen den Ablass wetternd schrieb er 1517 95 Thesen und soll sie am 31.10. am Hauptportal der Schlosskirche angeschlagen haben. Die als Grundlage für eine Disputation über das Wesen und die Bedeutung des Ablasses dienen sollten. Luther wurde in Rom angezeigt. Tetzel, der Ablassprediger, reagierte mit Gegenthesen und wurde dabei von dem Theologen Johannes Eck unterstützt. In Rom wurde der Ketzerprozess gegen Luther eröffnet. In dieser Zeit gewann er aber auch viele Freunde und Anhänger, u.a. auch Philipp Melanchthon, der bald sein engster Freund und Schüler wurde. Größte Bedeutung erlangte 1521 die Übersetzung des Neuen Testaments auf der Wartburg. Melanchthon hatte ihn von Wittenberg aus zu dieser Arbeit angeregt. 1524 legte Luther die Mönchkutte ab und predigte nun in weltlicher Gelehrtenkleidung. Er heiratete 1525 Katharina von Bora und gründete eine Familie. Katharina gebar ihm 6 Kinder, 4 erreichten aber nur das Erwachsenenalter. Dass Luther mittlerweile zu den reichsten Bürgern Wittenbergs gehörte, war wohl der Erfolg seiner Frau, die einen großen Haushalt führte und aus heutiger Sicht wohl sehr geschäftstüchtig war. Weitere Freunde Luthers waren Lucas Cranach und Johannes Bugenhagen. Luther starb am 18.2.1546 in Eisleben und wurde am 22.2. in der Schlosskirche zu Wittenberg begraben. Neben ihm wurde auch sein Freund Melanchthon 1560 beigesetzt.

Bei dem Rundgang durch Wittenberg vermisst man die Standbilder vor dem Rathaus, die aber nach Abschluss der Renovierungsarbeiten des Marktplatzes wieder aufgestellt werden. In der Stadtkirche St. Marien, in der Luther ab 1514 predigte, befindet sich wohl das kostbarste Ausstellungsstück: der berühmte Cranach-Altar. Das Gesamtkunstwerk ist bildhafter Ausdruck der neuen Lehre Luthers, die nur noch die Taufe, das Abendmahl und die Buße als heilige Sakramente gelten ließ. In das Kopfsteinpflaster des Kirchplatzes wurde 1988, also 50 Jahre nach der Reichskristallnacht, eine Gedenkplatte eingelassen, die nicht nur an das unsagbare Leid der Juden im 3. Reich erinnert, sondern auch an über Jh.e hinweg begangene Untaten mahnt. Die Stelle wurde nicht zufällig gewählt, denn oberhalb der Platte, in Höhe des Dachgesims der Kirche sieht man die Darstellung einer sog. „Judensau“. Dort werden jüdische Menschen in unwürdiger Weise zu dem für sie unreinen Schwein dargestellt. Wir kehren wieder zurück zur Schlosskirche und finden entlang der Schlossstraße an manchen Hausfassaden Hinweistafeln für interessante und berühmte Persönlichkeiten, nicht nur der Wittenberger Stadtgeschichte. Von dem einstigen Kirchenbau, der in Verbindung mit Luthers mutigem Angriff auf die Ablasspraxis zu nennen ist, ist sehr wenig erhalten geblieben. Die Ausgestaltung des Inneren entspricht dem Jahr 1882. 1885 mauerte man den Turmstumpf auf und ein Mosaikfries verkündete den ersten Vers des Luther-Liedes „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.“ Innerhalb der Kirche wird das von Wittenberg ausgehende Reformationswerk durch Standbilder bedeutender Männer wie u.a. Bugenhagen, Melanchthon und Luther gewürdigt. Unmittelbar neben der Kanzel befindet sich unter einem Sockel mit schlichter Bronzetafel das Grab Martin Luthers. Melanchthons Grab liegt in der Nähe der Thesentür. Von dieser ist nur das Portal mit seinen spätgotischen Profilen übrig geblieben. Das Bogenfeld oberhalb der Türflügel zeigt ein Kruzifix, links kniet Luther – ein Exemplar der deutschen Bibel in den Händen – rechts Melanchthon mit der Augsburger Konfession. Bevor wir Wittenberg verlassen, fahren wir noch am Luther-Melanchthon-Gymnasium vorbei, das nach den Entwürfen des österreichischen Künstlers Hundertwasser umgebaut und nach seinen Ideen neu gestaltet wurde. Bei herrlichem Herbstwetter mit einsetzender Abenddämmerung und einem tollen Sonnenuntergang bracht uns unser Fahrer Herr Förster sicher und wohlbehalten wieder zurück nach Leipzig. Die Reisegruppe

Am Dienstag, dem letzten Tag unserer Reise, besuchen wir auf vielfachen Wunsch noch die „Runde Ecke“ – heute Gedenkstätte und Museum und von 1950-1989 Sitz der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit. In jenen Jahren waren hier 3000 Menschen beschäftigt. Das Gebäude wurde im Zuge der Montagsdemonstrationen während der friedlichen Revolution am 4.12.1989 von Demonstranten besetzt. Man hatte versucht, vorher noch sämtliche Unterlagen und Akten zu vernichten, was aber nur teilweise gelang. Anhand der dort ausgestellten Fotos, Berichte und Dokumentationen sowie der Nachstellung einer Haftzelle wird einem bewusst, dass die Menschen aufbegehrten, um nicht mehr in so einem Unrechtsstaat zu leben und ihre Freiheit zu fordern. Wir fahren nun zur letzten Station unserer Reise, und zwar in die Lutherstadt Eisleben. Zeit seines Lebens hatte Luther enge Kontakte zur Grafschaft Mansfeld. Desöfteren besuchte er Eisleben, um die reformatorische Bewegung zu fördern, hinzu kamen ja auch verwandtschaftliche Kontakte, denn seine Eltern Hans Luder und seine Frau Margarete hatten sich in Eisleben angesiedelt. Nur wenige Schritte vom Geburtshaus Martin Luthers liegt die Kirche St. Petri und Pauli. Sie wird heute von den evangelischen Christen der ganze Welt als Ort der Erinnerung an Luthers Taufe verehrt. Im Chorhaus steht heute wieder der Taufstein, über dem Luther am 11.11.1483 die Taufe empfangen hat. Obwohl er sich nicht wohl fühlte, wurde Luther 1546 gebeten, zwischen den regierenden Grafen einen Streit zu schlichten. So kam es, dass er am 18.2.1546 in seiner Geburtsstadt Eisleben verstarb. Gegen den Willen der Mansfelder Grafen setzt der sächsische Kurfürst die Überführung der Leiche nach Wittenberg durch. Hier wurde er, wie schon erwähnt, am 22.2.1546 in der Schlosskirche beigesetzt. Luthers Erbe ist und bleibt lebendig. Die Reformation ging schließlich weiter und es schließt sich nun hier der Kreis um das Leben und Wirken Martin Luthers.

Gesund und wohlbehalten erreichen wir in den Abendstunden Klein Ilsede und unser Dank geht wieder einmal an Herrn Pastor Jeska und seine Frau Petra für die Vorbereitung und Organisation dieser Reise. Aber auch sagen wir Dank an Vikar Engelmann, der uns über seinen Aufenthalt in Leipzig einiges berichten konnte. Von uns allen daher noch einmal ein herzliches Danke.


Ilse-Lore Nitsche

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