1 Am ersten Tag der Woche kommt Maria von Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weg war. ... 11 Maria [aber] stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. 13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. 15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen. 16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! 17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. 18 Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

Der Herr ist auferstanden - keine Idee und keine Sache geht weiter, sondern Er ist wieder da, und wir können wieder ein persönliches Verhältnis zu ihm haben, die Freundschaft mit ihm geht weiter. Das kann man besonders gut sehen an der Geschichte von Maria Magdalena. Alles an dieser Geschichte zeigt: sie hat ihn geliebt, und jetzt ist ihr das Liebste, was sie hatte, genommen worden. Und alles wird gut, als er sie anredet mit ihrem Namen: Maria! - und sie ihn erkennt und das Band der Liebe, das zwischen ihnen bestand, neu geknüpft wird und nun nicht mehr zerrissen werden kann.

Vorsichtshalber muss man hinzufügen, dass Maria nicht die Freundin von Jesus war. Eigentlich müsste das für jeden deutlich sein an ihrem ersten, spontanen Wort, das sie sagt, als sie ihn erkennt: sie sagt nicht »Schatz« oder »Schmuckelchen«, sondern "Rabbuni - Meister". So hat sie ihn immer angeredet, vertraut und doch respektvoll, und da ist kein Platz für irgendeine geheime Liebschaft. Es hat zwar immer mal wieder Leute gegeben, die sich diese Verbundenheit nur so erklären konnten. Aber das sind Männerphantasien, die mehr über ihre Erfinder verraten als über Jesus und Maria von Magdala. In Wirklichkeit war sie eine Jüngerin, und sie hat ihn mit der Liebe geliebt, mit der die andern Jünger ihn geliebt haben. Nur hat sie es vielleicht deutlicher ausgedrückt, was er ihr bedeutete. Und sie war mutiger, radikaler als die anderen.

Wir sehen an ihr, dass der Kern der Jüngerschaft wirklich Liebe zu Jesus ist, dass eine oder einer sich einfach hingezogen fühlt zu ihm, und dass es das größte Glück ist, ihm zu begegnen und mit ihm zusammenzusein. Dass so ein Verhältnis zu Jesus dann auch seine Konsequenzen hat, dass er uns hilft und uns beauftragt und dass wir durch ihn neue Menschen werden, die auch mit anderen anders umgehen können, das ist alles richtig, aber das ist erst der zweite und dritte Schritt. Anfangen tut es damit, dass jemand Jesus kennen lernt und ihn liebt, einfach weil er so ist, wie er ist.

Und nur weil Maria Jesus so sehr liebt, deshalb ist sie so unvernünftig, einfach weinend am Grab stehenzubleiben. Das war damals ziemlich gefährlich. Es war im römischen Reich verboten, um einen Gekreuzigten zu trauern. Es war auch oft verboten, ihn zu begraben oder zum Grab zu gehen. Wer um einen Gekreuzigten öffentlich weinte, der konnte sehr schnell selbst am Kreuz landen, auch Frauen.

Und trotzdem kann Maria nicht anders, als am leeren Grab zu weinen. Zur Trauer um Jesus kommt nun auch noch die Angst, dass irgendjemand das Grab geschändet und ihr das letzte genommen hat, was man bei jedem Toten noch hat: den Körper. Maria weint, weil man Jesus auch noch über den Tod hinaus nicht in Ruhe gelassen hat. Natürlich nützt das nichts, es macht den Toten nicht wieder lebendig, aber die Liebe drückt sich eben auch in den Gesten aus, die eigentlich unvernünftig oder sogar gefährlich sind. Und Jesus antwortet auf die Liebe, die sich im Weinen von Maria zeigt.

Natürlich hat Maria ihn mit ihren Tränen nicht wieder lebendig gemacht, genauso wenig, wie wir einen lieben Verstorbenen mit unseren Tränen wieder ins Leben zurückholen können. Als Gott Jesus auferweckte, da war kein Mensch dabei, und kein Mensch hat ihm geholfen. Aber ihre Liebe und ihre Trauer bereiten Maria so vor, dass Jesus ihr als erster erscheinen kann. Maria bleibt: sie bleibt beim Grab, sie bleibt in der Liebe zu Jesus und in ihrer Trauer.

Anscheinend war es für Jesus nicht einfach, den richtigen Weg zu finden, um nach seiner Auferstehung den Jüngern neu zu begegnen. Er durfte ihnen nicht zu schwach und nicht zu stark erscheinen. Nicht zu schwach, sonst hätten sie ihn nicht erkannt. Auch Maria hat ihn ja zuerst für den Gärtner gehalten. Es liegt wie Blindheit auf ihnen allen, sie glauben einfach nicht, dass der Gekreuzigte ihnen wieder begegnet. Deshalb müsste Jesus sich eigentlich massiv deutlich machen, um ihre Blindheit zu durchbrechen.

Auf der anderen Seite darf er ihnen auch nicht zu stark begegnen, denn zwischen Jesus und den Jüngern steht ja nicht nur der Tod, sondern auch der Verrat: sie haben ihn alle im Stich gelassen und verleugnet. Und wenn Jesus wieder lebt, dann konfrontiert das die Jünger auch mit ihrem Versagen, und wenn Jesus ihnen im vollen himmlischen Glanz erscheinen würde, dann hätten sie nur einen Riesenschrecken bekommen. Oder er hätte die Jünger überwältigt und zu Boden geworfen, und so hätte er das Verhältnis zu ihnen nicht bereinigen können.

Bei Maria ist die Wand, die Jesus durchbrechen muss, am dünnsten. Es ist, als ob sie nur aus feinem Seidenpapier besteht. Und ein Wort reicht, sie zu zerreißen: Maria! Weil Maria so sehr von Liebe und Trauer erfüllt ist, deshalb ist sie ganz nahe dran an der Wahrheit. Und als sie Jesus erkennt, da braucht auch sie nur ein Wort, um zu bestätigen: ja, es ist alles wieder gut. Ganz leicht, ohne alle Erschütterung, wie wenn auf einmal alle Finsternis weicht, alle Geister der Nacht verschwinden und der verloren geglaubte Weg einfach wieder unter ihren Füßen liegt.

Man muss nur mal andere Begegnungen der Jünger mit dem Auferstandenen dagegen halten, um das Besondere hier zu sehen: Zur ganzen Gruppe der Jünger kommt Jesus nur durch verschlossene Türen; Thomas weigert sich zuerst beharrlich, zu glauben, dass Jesus lebt; der Christenverfolger Saulus schließlich wird vom auferstandenen Jesus regelrecht angegriffen, überwältigt und zu Boden geworfen. Nichts davon bei Maria; hier ist es ein beinahe problemloses Wiedererkennen, die Wiederaufnahme einer Beziehung, die nur im kleinstmöglichen Maß unterbrochen gewesen ist.

Ich denke, es liegt daran, dass Maria ihren Schmerz so schutzlos getragen hat, dass sie keinen falschen Trost gesucht hat, dass in ihren Gedanken auch kein Raum war für die berechnende Vorsicht, dass sie sich einfach nicht vorstellen konnte, wie das Leben weitergehen sollte ohne Jesus. Der Raum, den Jesus in ihrem Herzen eingenommen hatte, der war noch da, er war offen, und als Jesus auferstanden war, da konnte er diesen Raum einfach wieder einnehmen. Seit Jesus Maria aus den Händen der bösen Geister befreit hatte, aus Depression, Elend, Scham, Angriff und Anklage, seit damals war er die Mitte ihres Lebens gewesen, und jetzt hat sie diese Mitte wiedergefunden. Deshalb kann Maria die Botin sein, die die andern Jünger auf die Begegnung mit dem Auferstandenen vorbereitet. Sie soll ihnen ausrichten: ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Das ist das Evangelium in Kurzform: mein Gott ist euer Gott. So wie ich Gott den Vater nenne, so dürft ihr seine Kinder sein. Jesus wird den Jüngern auch weiterhin den Zugang zu seinem Vater eröffnen. Ihr Versagen am Tag der Gefangennahme und Kreuzigung hat nichts daran geändert. Jesus signalisiert durch Maria: das ist vergeben. Er schickt Maria voraus, damit unter den Jüngern die Erwartung wächst, damit ihre Schuld sie nicht blockiert und damit sie sich darauf vorbereiten können, Jesus selbst zu begegnen.

Aber das wird eine veränderte Form der Begegnung sein. Das kriegt schon Maria zu hören. Sie wollte vielleicht vor Jesus niederfallen und seine Füße umfassen, aber Jesus sagt: rühr mich nicht an. So geht das jetzt nicht mehr. Es geht nicht einfach so weiter wie vorher. Ich gehöre jetzt der Welt an, die für euch noch unsichtbar und ungreifbar ist. Jesus zeigt sich noch einmal in unserer erfahrbaren Wirklichkeit, aber er ist sozusagen aus anderem Stoff gemacht. Künftig wird das anders sein. Maria würde ihn normalerweise nicht so wahrnehmen können. Er ist nur noch nicht aufgefahren zu seinem Vater, aber das wird bald geschehen.

Jesus begegnet noch für einige Zeit seinen Jüngern sichtbar. Wenn er ihnen nur einmal begegnet wäre, dann hätten sie vielleicht nach ein paar Wochen gedacht: das haben wir uns wahrscheinlich nur eingebildet. Aber er ist sechs Wochen lang immer wieder zu ihnen gekommen. Und erst als sie ganz sicher waren: ja, er ist auferstanden, er lebt, da ist er dann zurückgegangen zu seinem Vater.

Von jetzt ab wird er auf eine neue Art mit ihnen Kontakt aufnehmen. Es geht nicht einfach so weiter wie vorher. Man könnte sagen: schade! Aber bei Maria finden wir nicht eine Spur von Bedauern. Sie geht zu den Jüngern und erzählt: ich habe den Herrn gesehen! Dieser kurze Moment ist genug für sie. Sie weiß: er lebt. Seine Beziehung zu ihr geht weiter. Sie ist nicht durch den Tod jäh beendet.

Marias Beziehung zu Jesus geht weiter, auch wenn er in Zukunft nicht mehr so sichtbar sein wird wie an diesem Auferstehungsmorgen. In Zukunft existiert Jesus für seine Jünger und für uns auf die gleiche Weise wie Gott: als ein persönliches Gegenüber, das nicht Teil unserer Welt ist, als jemand, der keinen sichtbaren Körper in der Welt hat, aber dessen wirksame persönliche Gegenwart uns trotzdem begegnet, auf du und du.

Dadurch kann Jesus in Zukunft persönliches Gegenüber für Millionen und Milliarden von Menschen sein. Viele andere können Erfahrungen wie Maria mit ihm machen. Er ist nicht mehr an einen Körper gebunden, in dem er ja höchstens einige Tausend Menschen erreichen und nur sehr wenigen wirklich vertraut begegnen könnte. Er kann jetzt allen begegnen. Er ist nicht tot, sondern lebendiges Gegenüber, zu dem man auch in Zukunft so eine enge Freundschaft entwickeln kann wie Maria Magdalena. Und das ist Glauben: in so einer persönlichen Beziehung zu Jesus leben. In jeder Generation begegnet er wieder neu, weil er der Lebendige ist. Maria ist nicht die Letzte, die mit ihm so vertrauten Umgang hat. Sein Herz ist groß genug für alle und für uns.