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Jedes
Lebewesen ist am Anfang winzig klein: Eine einzige Zelle, aus der
sich alle entwickelt. Und im Kern dieser Zelle findet sich das Entscheidende:
das Erbgut, ein Bündel mit allen Informationen, die nötig sind,
damit es eines Tages einen Menschen, eine Maus oder einen Elefanten
gibt. Dieses Erbgut hat die erstaunliche Fähigkeit, dass es andere
Materie organisieren kann, andere Materie dazu bringen kann, zu
leben. Ein winziges Bündel mit dichtgepackten Informationen sorgt
dafür, dass am Ende viele Gramm, Kilogramm oder Tonnen von Materie
in Form eines Lebewesens durch die Welt laufen. Es ist ein geniales
Prinzip: ein paar winzige Gene verändern die Welt.
Man kann diesem Mechanismus seine Bewunderung nicht versagen.
Damit es neue Lebewesen gibt, müssen sich jedenfalls die höheren
Tiere nicht selbst teilen, sondern sie brauchen nur dieses Bündel
von Informationen richtig weitergeben, und das sorgt dann selbst
dafür, dass es ein neues Tier oder einen neuen Menschen gibt. Ganz
von allein verwandelt es seine Umgebung in ein Lebewesen.
Was hat das mit der Bibel zu tun? Die Bibel ist auch ein Bündel
aus Information, das selbsttätig ungezählte Menschen beeinflusst
und ihrem Leben mitunter eine ganz andere Richtung gibt. Die Bibel
ist der Weg, wie Gott seine Gedanken in die Welt einschleust, seine
zentrale Botschaft. Und das Erstaunliche ist, dass sie aus sich
heraus Menschen so beeinflusst, dass sie diese Gedanken weitergeben.
Sie verändert das Grundmuster unseres Denkens und sorgt dafür, dass
wir andere Gedanken haben als vorher. In der Bibel finden sich sozusagen
die Gene, die das Leben Gottes an Menschen weitergeben.
Und dazu müssen noch nicht einmal unbedingt Menschen da sein,
die anderen die Bibel erklären. Das ist zwar sehr hilfreich, aber
es gibt auch genügend Beispiele, wie Menschen allein mit einer Bibel
waren und die Geschichte, die sie da lasen, hat an ihnen auch so
ihr Werk getan. Es gibt genügend Menschen, die irgendwann einfach
mal angefangen haben, die Bibel von Anfang an durchzulesen. Wir
haben unsere drei Leute vorhin, die von Erfahrungen mit der Bibel
erzählt haben, überhaupt nicht danach ausgesucht, aber es hat sich
so ergeben, dass sie es alle mal so gemacht haben; die Bibel von
vorne an zu lesen. Und viele andere haben das auch getan. Einige
sind bis ans Ende gekommen, andere nicht, je nach ihrer persönlichen
Beharrlichkeit, aber bei vielen hat das eine ganz starke Veränderung
in ihrem Kopf bedeutet. Und zwar unabhängig davon, ob sie schon
die dogmatisch richtige Ansicht über die Bibel hatten oder nicht.
Es reichte, dass sie mit diesen Gedanken und Geschichten in Berührung
gekommen sind.
Es ist natürlich sehr hilfreich, wenn man die Bibel in einer
Übersetzung liest, bei der man nicht schon durch die Sprache große
Verstehenshürden hat. Und es gibt ja heute auch gute zeitgemäße
Übersetzungen. Wir haben dazu den Bibel-Büchertisch aufgebaut, damit
Sie sich die einfach mal ansehen können. Aber zur Not kann die Bibel
auch ihr Werk tun in dieser altertümlichen Sprache und mit den schwer
lesbaren alten Buchstaben, mit denen sich manche bis heute noch
abplagen.
Ich kann mich noch erinnern, wie ich als Kind an so ein altes
Exemplar geraten bin, das im Bücherschrank meiner Eltern stand.
Und dann bin ich bei den Königsbüchern gelandet und habe gelesen,
wie Israel immer wieder Gott vergaß, mit schlimmen Folgen, und ich
fragte mich prompt: wie können sie das nur machen? Warum sind sie
so? Und genau dafür ist die Bibel geschrieben worden, dass wir uns
diese Fragen stellen.
Das heißt, wer die Bibel liest, der lernt einfach Gottes Blick
auf das menschliche Leben kennen, und dieser Blick überzeugt aus
sich heraus. Er ist einfach richtig. Wenn wir die Bibel lesen, dann
fangen wir an, die Welt aus der Perspektive Gottes zu betrachten.
Es reicht schon, wenn wir diese Sichtweise kennen, dann kann sie
uns da hineinziehen. Dafür und mit dieser Absicht ist die Bibel
erzählt.
Deshalb hat die Bibel auch immer über die Gemeinde hinaus eine
große Wirkung auf die Kultur gehabt. Zur Zeit Jesu lasen auch Heiden
das Alte Testament, um an dieser Fülle der Weisheit teilzuhaben.
Manche schlossen sich dann dem Judentum an, manche nicht. Und auch
bei uns hat die Bibel neben ihrer eigentlichen Funktion für die
Gemeinde auch kulturell enorme Auswirkungen gehabt. Durch Luthers
Bibelübersetzung ist die deutsche Sprache vereinheitlicht worden,
jede Menge Redewendungen in der Alltagssprache stammen aus der Bibel.
Man hat Schulen eingerichtet, damit Menschen die Bibel lesen konnten,
und so wurde Deutschland alphabetisiert. Lesen hat man lange Zeit
mit der Bibel gelernt. So ist dieses Buch in die emotionale Grundausstattung
der Menschen hineingekommen und hat sie geprägt.
Die Bibel löst das Problem, dass die Geschichte Gottes mit den
Menschen nicht von allen Menschen in gleicher Weise erlebt wird.
Die wenigsten waren dabei, als Abraham auf seine weite Reise ging
oder als Jesus durch Galiläa zog. Wie kann dann aber etwa
die Botschaft von Jesus echt und authentisch bleiben und Menschen
erreichen, die ihn nie selbst gehört haben und auch nicht seine
Jünger, die ihn noch persönlich kannten?
Damit das trotzdem geschehen kann, hat Gott dafür gesorgt, dass
Menschen da waren, die diese Geschichten so erzählt haben, dass
sie ihre Kraft behalten. Menschen, die so erzählt haben, dass die
Ereignisse selbst durch sie hindurch lebendig blieben. Wir haben
uns so an diese Geschichten gewöhnt, dass uns gar nicht bewusst
ist, was für eine geistige Arbeit dafür nötig ist: bis Menschen
so eine vielfältige Geschichte wie das Leben Jesu in einem kurzen
Buch zusammenfassen können, und zwar so, dass der Gesamteindruck
mit dem übereinstimmt, den die Leute hatten, die dabei waren.
Es war ganz einfach die Frage: wie kann man diese Geschichte
Gottes mit den Menschen, und was Menschen dabei gelernt haben, wie
kann man das weitergeben? Ein theologisches Lehrbuch wäre ungeeignet,
gerade weil da alles möglichst klipp und klar sein sollte. Viel
besser eignen sich Geschichten. Geschichten sprechen gleichzeitig
den Verstand, die Fantasie und die Gefühle an. Sie haben viel größere
Tiefe als eine begriffliche Darlegung, sie berühren uns viel stärker,
sie können von Menschen jeden Alters und jeder Bildungsstufe verstanden
werden, und sie brauchen für das alles viel weniger Platz.
Und sie sind eben nicht die Arbeit eines genialen Schriftstellers,
sondern dahinter steckt die Erzähltradition von vielen Einzelnen,
die in der Gemeinde diese Geschichten gehört und weitergegeben haben,
und dabei haben sie ihre Gestalt gewonnen. Die Geschichten sind
so oft erzählt worden, bis am Ende jedes Wort stimmte und kein überflüssiger
Ballast mehr dabei war. In diesem Umfeld der Gemeinde und unter
dem Einfluss des Heiligen Geistes sind die Geschichten herangewachsen,
bis dann die Evangelisten kamen und sie so zusammenstellten, dass
ein authentisches Bild des Lebens Jesu dabei herauskam. Und ähnliches
gilt für das Alte Testament.
Auf diese Weise trägt die Bibel in sich Worte von vielen Menschen,
die vom Heiligen Geist bewegt waren. Und durch dieses ganze menschliche
Erzählen und Aufschreiben hindurch hat sich so ein Abdruck der Persönlichkeit
Gottes geformt, und deswegen ist die Bibel etwas ganz anderes als
ein normales Buch eines einzigen Autors.
Sie kennen vielleicht diese Testfragen, wen und was man auf eine
einsame Insel mitnehmen würde: welche Menschen, welche Gegenstände,
und welche Bücher. Und ich glaube, viele würden wahrscheinlich unter
den Büchern die Bibel nennen. Vielleicht ja nur, weil sie einfach
denken: ganz ohne Bibel kann man nicht sein. Aber vielleicht auch,
weil man sich fragt: welches Buch kann ich immer wieder lesen, ohne
dass es mich irgendwann bloß noch nervt? An welchem Buch kann ich
immer wieder Neues entdecken?
Ich glaube, dass es eine Strafe wäre, wenn man ein Buch immer
wieder lesen müsste, auch wenn es das eigene Lieblingsbuch wäre.
Irgendwann hängt es einem zum Halse raus. Und ein Buch von geringerer
Qualität, mit dem macht man diese Erfahrung vielleicht schon beim
zweiten Lesen. Warum? Weil die menschliche Substanz begrenzt ist,
die in einem Buch konzentriert ist. Sie kommt ja im Wesentliche
aus der Persönlichkeit des Autors. Bei manchen Schriftstellern weiß
man einfach, dass in all ihren Büchern ein Liebespaar vorkommt,
das sich am Anfang heftig verliebt, dann durch Missverständnisse
getrennt wird und am Ende doch wieder zusammenkommt.
Die Bibel trägt dagegen in sich die Spuren vieler Menschen, ihr
Vorrat an menschlicher Substanz ist viel, viel größer. Sie ist ein
Gemeinschaftswerk unzähliger Menschen aus vielen Jahrhunderten,
die Gott reden gehört und ihre Erlebnisse mit Gott getreulich weitergegeben
haben. Und auf diese Weise ist die Bibel nicht nur voll mit einem
riesigen Reichtum menschlicher Substanz, sondern genauso geprägt
von der Persönlichkeit Gottes. Und das alles ist im Lauf der Zeit
so konzentriert worden, dass es immer noch zwischen zwei Buchdeckel
passt. Trotzdem ist diese Fülle so reich, dass keiner es schafft,
sie wirklich auszuschöpfen, und wenn man denkt, man hat alles an
einer Geschichte verstanden, dann fällt einem doch wieder etwas
Neues auf.
Wer warten wollte, bis er die Bibel ganz verstanden hat, der
wird auch an seinem Todestag immer noch darauf warten, weil man
prinzipiell nicht damit zu Ende kommt. Nur Gott kennt den ganzen
Reichtum an Gedanken in der Bibel. Wir sollen sie als einen Werkzeugkasten
benutzen, mit dem wir an das Leben herangehen, und immer, wenn wir
für eine neue Aufgabe ein neues Werkzeug brauchen, dann werden wir
es dort finden. Je mehr wir uns so auf den Weg machen, um so nötiger
brauchen wir die Bibel, und um so intensiver werden wir sie lesen.
Die Bibel ist genauso konzentriert wie das Erbgut im Zellkern.
Und so wie das Erbgut in einem komplizierten Prozess ausgewickelt
wird, damit es sich teilen und seine Informationen weitergeben kann,
so muss auch die Bibel immer wieder ausgewickelt werden, damit sie
mit menschlichen Leben in Berührung kommt. Dies Auswickeln geschieht
im Nachdenken und Meditieren, wenn sich Stück für Stück der Reichtum
an Gedanken zu erkennen gibt, der in einer Geschichte oder in einem
Spruch steckt. Im Prozess des Durchdenkens füllt sich der Text auf
mit Leben und Wirklichkeit, und in wachsendem Maß wird das Leben
von Menschen nach diesen biblischen Genen neu gestaltet.
Weil die Bibel unter dem Einfluss des Heiligen Geistes gestaltet
wurde, von Menschen, die in der Kraft des Heiligen Geistes lebten,
und in Gemeinden, die vom Heiligen Geist erfüllt waren, deshalb
zieht sie den Heiligen Geist an, wenn sie in Menschen lebendig wird.
So wie unsere Gene Leben in tote Materie hineinbringen. Aber so
wie unsere Gene ein schützendes Umfeld brauchen, damit das auch
wirklich geschehen kann, so braucht die Bibel diese Umgebung des
Nachdenkens, des Ergründens, des Bedenkens und Meditierens. Das
ist die beste Art, mit ihr umzugehen. Luthers berühmter Satz dazu
heißt: »Die Schrift ist wie ein Kraut: je mehr du es reibst, um
so mehr riecht es.«
Also ist die beste Art, mit der Bibel umzugehen, sie doppelt
zu gebrauchen: einmal sie nachdenklich und konzentriert zu lesen,
und sie dann als Werkzeug zu gebrauchen, mit dem man an das Leben
herangeht. Wie wir es vorhin in der Lesung gehört haben:
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