Das Geheimnis des Rings

Leseszenen für den Besonderen Gottesdienst am 10.02.2002
nach dem Roman »Der Herr der Ringe« von J.R.R. Tolkien

© Walter Faerber

Die Szenen werden von drei Sprechern (I, II, III) gelesen.

1. Szene: Die Versuchung

I:         In Tolkiens Roman »Der Herr der Ringe« gibt es einen Feind des Lebens. Er heißt Sauron. Er hat beeindruckende Werke geschaffen: Ringe der Macht, mit denen er Menschen geködert hat. Als sie die Ringe nahmen, gerieten sie unter seine Macht, denn er besaß den Einen Ring, der alle anderen beherrschte.

II:        Im Mittelpunkt der Geschichte steht dieser Ring: der Ring der Macht, der die Herrschaft über ganz Mittelerde geben kann. Er wurde von Sauron geschmiedet, aber er ging verloren und über Jahrhunderte kannte niemand sein Versteck.

I:         Dieser Ring hatte auf alle, die ihn trugen, einen bösen Einfluss. Sein Geheimnis war, dass seine Besitzer zwar wechselten, dass mit seiner Macht aber auf Dauer nie etwas Gutes geschaffen werden konnte, auch wenn viele es nicht glauben wollten. Das galt auch für die anderen, von ihm abhängigen Ringe. Der Zauberer Gandalf erklärt es Frodo, einem Hobbit aus dem Auenland, der in der weiteren Geschichte die Hauptrolle spielen wird.

III:       »Ein Sterblicher, Frodo, der einen der Großen Ringe besitzt, stirbt nicht, aber er wächst auch nicht und gewinnt nicht mehr Leben, sondern dehnt es bloß aus, bis zuletzt jede Minute eine Qual ist. Und wenn er den Ring oft benutzt, um sich unsichtbar zu machen, schwindet er, bis er schließlich ständig unsichtbar ist und im Zwielicht wandelt unter dem Auge der dunklen Macht, die die Ringe beherrscht. Ja, früher oder später – später, wenn er zuerst stark ist oder keine bösen Absichten hat, doch werden weder Stärke noch gute Absichten von Dauer sein – früher oder später wird die dunkle Macht ihn verschlingen.«

II:        Jetzt ist der Ring wieder aufgetaucht, und Sauron, der Dunkle Herrscher, versucht, ihn zurück zu bekommen. Aber auch andere würden ihn gerne haben. Der Ring erregt bei vielen die Gier nach Macht, unbegrenzter Macht.

III:       »Und warum nicht, Gandalf?« flüstert der Zauberer Saruman seinem Kollegen Gandalf zu. »Der Beherrschende Ring! Wenn wir ihn hätten, würde die Macht auf uns übergehen!«

I:         Ein anderer ist Boromir, der kriegerische Erbe des Reiches von Gondor. Gondor hält mit seiner Macht immer noch die bösen Heere Saurons zurück.
»Ich verstehe das nicht«, sagt Boromir. »Warum sollten wir nicht glauben, dass der Große Ring uns in die Hände gefallen ist, um uns in der Stunde der Not zu dienen? Lasst den Ring eure Waffe sein, wenn er solche Macht besitzt, wie ihr sagt. Nehmt ihn und geht dem Sieg entgegen!«

II:        Gollum ist einer, der den Ring über Jahrhunderte getragen hat, und darüber ist er zu einem elenden, schleimigen und boshaften Geschöpf geworden. Auch er will den Ring zurückgewinnen. Auch er überlegt auf seine kleine und gemeine Weise, was er mit der Macht des Ringes tun könnte: »Wenn wir ihn hätten, dann werden wir sehr stark. Und ... der Herrscher Smeagol? Gollum der Große? Ja! Jeden Tag könnten wir Fisch essen, dreimal täglich, frisch aus dem Meer.

I:         Aber nicht in allen erweckt der Ring die Gier. Gandalf ist klug genug, den Ring abzulehnen, als er ihm angeboten wird.

III:       »Nein!« schrie Gandalf und sprang entsetzt auf. »Mit dieser Macht würde ich eine zu große und entsetzliche Macht besitzen. Und über mich würde der Ring eine noch größere und tödlichere Macht gewinnen. Versuche mich nicht! Denn ich will nicht werden wie der Dunkle Herrscher. ... Ich wage ihn nicht zu nehmen, noch nicht einmal, um ihn unbenutzt zu verwahren. Das Verlangen, ihn zu verwenden, würde zu groß sein für meine Kraft. Ich würde ihn so nötig brauchen.«

II:        Schließlich macht sich Frodo auf, um den Ring zu zerstören. Die einzige Möglichkeit dazu ist der Vulkan Orodruin, in dessen Feuer der Ring geschmiedet worden ist. Nur in diesem Feuer kann er auch wieder zerstört werden. Aber der Berg liegt in Mordor, im Reich Saurons. Frodo muss einen langen Leidensweg gehen, bis er dorthin kommt. Dabei erweist er sich als treu, klug und mitleidig. Er übernimmt seinen Auftrag, obwohl er Angst hat und es ihm lieber wäre, diesen Ring nie gefunden zu haben.

I:         Aber als er schließlich dort angekommen ist, hat der Ring so viel Macht über ihn bekommen, dass er es nicht über sich bringt, ihn zu vernichten. Sein treuer Begleiter Sam ist Zeuge:

II:        Sam sah, dass er in einer langen Höhle war, oder in einem Stollen, der in den rauchenden Kegel des Berges hineingebohrt war. Doch nur ein kurzes Stück vor ihm waren der Boden und die Wände auf beiden Seiten durch eine große Spalte aufgerissen worden, aus der ein roter Schein kam; und tief unten war ein Lärm und eine Unruhe, als ob große Maschinen hämmerten und arbeiteten. Das Licht flammte wieder auf, und am Rande des Abgrunds, an den Schicksalsklüften, stand Frodo, schwarz vor der Glut, angespannt, aufrecht, aber reglos, als ob er in Stein verwandelt sei. »Herr!« rief Sam.

III:       Da rührte sich Frodo und sprach mit klarer Stimme, ... und sie übertönte das Pochen und Dröhnen des Schicksalsberges und hallte an Dach und Wänden wider. »Ich bin gekommen«, sagte er. »Aber jetzt will ich das nicht tun, weshalb ich gekommen bin. Ich will diese Tat nicht vollbringen. Der Ring gehört mir!« Und plötzlich, als er ihn sich auf den Finger steckte, entschwand er Sams Blick.

I:         Zum Glück bleibt es nicht dabei, sondern kurz darauf wird der Ring doch noch vernichtet und die Macht Saurons zerfällt. Aber es ist nur eine gütige Fügung der Umstände, die Frodo davor bewahrt, am Ende doch noch der Macht des Ringes zu verfallen und die Rettung zu vereiteln.

2. Szene: Die Hoffnung

I:         Die ganze Zeit über leben die Elben, Zwerge, Menschen und Hobbits von Mittelerde mit dem Wissen, dass ein Sieg Saurons nach allen Regeln der Vernunft sehr wahrscheinlich ist. Trotzdem sind diejenigen, die dem Dunklen Herrscher Widerstand leisten, nie ohne Hoffnung.

II:        Immer wieder erleben sie, dass Kräfte am Werk sind, die Saurons Pläne durchkreuzen. Zum Beispiel, als der Ring nach langer Verborgenheit vom Hobbit Bilbo gefunden wird. Gandalf sagt es so:

III:       Da war mehr als eine Macht am Werk, Frodo. Der Ring versuchte, wieder zu seinem Herrn zurückzukehren. ... Und er wurde von dem unwahrscheinlichsten Geschöpf gefunden, das man sich vorstellen kann: von Bilbo aus dem Auenland. Im Hintergrund war noch etwas anderes am Werk, das über die Absicht des Ringschöpfers hinausging. Ich kann es nicht deutlicher ausdrücken, als wenn ich sage, dass Bilbo dazu ausersehen war, den Ring zu finden, aber nicht von dem, der den Ring gemacht hatte. In diesem Fall wärest auch du ausersehen. Und das mag vielleicht ein ermutigender Gedanke sein.

I:         Gerade Frodo hält sich immer wieder an dem Gedanken fest, dass es seine Aufgabe ist, seine Berufung, den Ring zu vernichten. Aber ob er diese Aufgabe übernehmen will, das ist seine Entscheidung.

II:        Eine große Angst befiel Frodo. Eine überwältigende Sehnsucht, sich auszuruhen und friedlich in Bruchtal zu bleiben, erfüllte sein Herz. Schließlich sprach er, mühsam, und er wunderte sich, seine eigenen Worte zu hören, als ob irgendein anderer Wille sich seiner kleinen Stimme bediente. »Ich werde den Ring nehmen«, sagte er, »obwohl ich den Weg nicht weiß.«

I:         Auf diesem Weg kommen sie im Land des Feindes an ein zerstörtes Denkmal eines alten Königs von Gondor. Die Orks, Soldaten Saurons, hatten ihm den Kopf abgeschlagen und das Denkmal beschmiert. Überall, wo die Diener Saurons hinkamen, zerstörten sie das Schöne und Heile.

III:       Aber plötzlich sah Frodo, als die waagerechten Strahlen der untergehenden Sonne darauf fielen, den steinernen Kopf des alten Königs. Er war beiseite gerollt und lag am Straßenrand. »Schau, Sam!« rief er so verblüfft, dass er es nicht für sich behalten konnte. »Schau! Der König hat wieder eine Krone!« Tatsächlich: eine Krone aus Blumen. Ein schmales Band aus Grün und Silber und Gold: ein Rankengewächs mit kleinen weißen Sternblüten hatte die Stirn des Königs umwunden. »Sie können nicht für immer siegen!« sagte Frodo.

I:         Der Zauberer Saruman verfiel dagegen der Macht Saurons, weil er die Hoffnung aufgab. Er rechnet nur mit den sichtbaren Realitäten. Er versucht, auch Gandalf davon zu überzeugen.

II:        »Eine neue Macht steigt auf. Gegen sie werden uns die alten Verbündeten und Verfahren gar nichts nützen. Es besteht keine Hoffnung mehr. Wir können uns dieser Macht anschließen. Es wäre klug Gandalf. Auf diese Weise besteht Hoffnung. Ihr Sieg ist nahe, und reichen Lohn werden diejenigen erhalten, die ihr geholfen haben.«

I:         Aber Saruman scheitert und trägt am Ende ungewollt zu Saurons Untergang bei, weil er Sauron von der wirklichen Gefahr ablenkt, dem Weg Frodos zum Schicksalsberg Orodruin. Eines der eindrucksvollsten Motive in dem Roman ist es, wie sich immer wieder die Pläne des Bösen selbst behindern.

III:       »Seltsame Kräfte haben unsere Feinde, und seltsame Schwächen,« sagt der alte König Theoden von Rohan. »Aber es gibt einen alten Spruch: Oft wird böser Wille Böses vereiteln.«

I:         Am deutlichsten wird das, als Frodo am Ende doch noch den Ring für sich nimmt. Da ist es ausgerechnet Gollum, der sich auf ihn stürzt, um seinen Schatz endlich wiederzubekommen. Sie kämpfen miteinander, und Gollum beißt ihm den Finger samt dem Ring ab.

III:       Gollum tanzte umher wie ein Wahnsinniger und hielt den Ring hoch, in dem noch ein Finger steckte. »Schatz, Schatz, Schatz!« schrie Gollum. »Mein Schatz! O mein Schatz!« Und während er den Blick hob, um sich an seiner Beute zu weiden, trat er zu weit, kippte über, schwankte einen Augenblick auf dem Rand und stürzte dann in die Tiefe. Noch einmal kam ein klagendes »Schatz«, und er war dahin.

II:        Später sagt Frodo zu Sam: »Erinnerst du dich an Gandalfs Worte: Selbst Gollum mag noch eine Rolle zu spielen haben? Ohne ihn, Sam, hätte ich den Ring nicht vernichten können. Die Fahrt wäre umsonst gewesen, selbst am bitteren Ende. So wollen wir ihm vergeben.«

I:         So hat sich am Ende auch die Barmherzigkeit und das Mitleid der Hobbits als sinnvoll erwiesen, das Gollum mehrfach vor dem Tod bewahrt hatte. Aber Mitleid und Barmherzigkeit gibt es nur, wenn Hoffnung besteht.


 

   

 

 

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