Psycho-soziale Lebensbedingungen ...

... als Herausforderungen für die Gehörlosenseelsorge

Gehörlose leben fast ausnahmslos in der Diaspora. Sie haben in der Regel keine gehörlosen Nachbarn und sind in der Kommunikation vor allem auf Menschen mit Gebärdensprachkompetenz angewiesen. Nach Angaben des Deutschen Gehörlosenbundes leben in Deutschland etwa 80.000 Gehörlose, die von Geburt an oder in früher Kindheit ertaubt sind. Selten wohnen Gehörlose nah beieinander.

Für die seelsorgerliche Arbeit bedeutet das: Begegnung, Kommunikation, Information sind Grundpfeiler der Arbeit. Der Gottesdienst ist deshalb so wichtig ist, weil er ein Treffpunkt ist. Beim Kaffeetrinken und "Plaudern" - wie die Gehörlosen ihren Informationsaustausch und die Gespräche nennen – erzählt man von sich und erfährt Neues. Mitgefühl, Einsichten, Wertungen werden mitgeteilt und geteilt.

Zur individuellen psychosozialen Ausgangssituation schreibt Dr. Klaus Geißen in seinem Buch "Schwerhörigkeit - Verlust an menschlicher Nähe": Hörbehinderungen bedeuten eine "große seelische und soziale Belastung, deren Folgen von der Gesellschaft, von den Angehörigen und oft nicht einmal von den Betroffenen selbst in ihrem Ausmaß richtig eingeschätzt werden können".

So sieht er gehörlose Menschen in der Gefahr, aufgrund ihrer Hörbehinderung die Nähe und das Vertrauen zu ihren Mitmenschen zu verlieren.

Wir Hörenden sagen: Zum Bild, zum Symbol, zum Zeichen gehört das Wort. Zu ergänzen ist: das gehörte Wort mit seinem Sinngehalt. Diese Dimension des sinnlich erfassbaren Wortes fehlt Gehörlosen. Die Gebärdensprache ist intellektuell gleichwertig, aber sie erfasst die sinnliche Dimension – den Klang - des Hörens nicht. Im Alltag, in der Begegnung kommt es nicht selten vor, dass Gebärden missverstanden, missdeutet werden. Dadurch fühlen sich gehörlose Menschen leicht verunsichert.

Diejenigen Gehörlosen, die in ihrer Kindheit und Jugend nicht emotional akzeptiert und stabilisiert worden sind, tragen diese Erfahrung durch ihr ganzes Leben hindurch. Deshalb kommt es leicht zu Missverständnissen: Zu dem Gefühl, nicht akzeptiert zu sein; zu Auseinandersetzungen mit tief greifenden Folgen:

In solchen kleinen Gemeinschaften wirkt der Konflikt zwischen zwei Personen oder zwei Familien mit großer Sprengkraft: Manchmal wird über Jahre hinweg ein neuer Kontakt vermieden. Gruppen, manchmal sogar Gehörlosengemeinden brechen auseinander.

Konflikte können nicht vermieden werden. Deshalb ist es eine wichtige seelsorgerliche Aufgabe, klare und verlässliche Beziehungen zu gehörlosen Menschen aufzubauen. Die erste Grundbedingung ist, sich die Gebärdensprache anzueignen,um auf diese Weise die sprachliche Barriere zu überwinden.