Anmerkungen zur Gehörlosigkeit

Geschichte, Spracheund Ursachen *

[* vgl. zu den Anmerkungen ein unveröffentlichtes Manuskript von Benno Weiß, Gehörlosenpfarrer der Ev. Kirche von Westfalen und Vorsitzender des Ev. Dachverbandes der Ev. Gehörlosenseelsorge in Deutschland, der DAFEG]

Geschichte: Bis in das 20. Jhdt. hinein galten Gehörlose als nicht bildungsfähig. Die Einschätzung der intellektuellen Entwicklungsmöglichkeiten von gehörlosen Menschen lässt sich unschwer am Vergleich europäischer Begriffe ablesen:

Das deutsche "taub", das niederländisch "doev", das englische "deaf" und "doof" gehören zum gleichen Wortstamm. Wie so manch anderes Vorurteil, ist auch dieses sehr alt. In der Antike galt der Satz: Wer nicht hören kann, kann auch nicht denken!

Nachdem während der Aufklärung (1775 – 1880) in Frankreich und Amerika erste Versuche unternommen worden waren, Gehörlose in ihrer Muttersprache, der Gebärdensprache zu unterrichten, setzte sich Ende des 19. Jhdts. unter h ouml;renden Sprachforschern die Erkenntnis durch: Die "Entstummung" der Taubstummen, ihre kulturelle Menschwerdung, könne nur über die Lautsprache erreicht werden.

In der Folge wurde die Gebärdensprache aus den Gehörlosenschulen verbannt.

ältere Gehörlose erzählen noch heute davon, wie sie gezwungen wurden wurden, dem Lehrer alles vom Mund abzulesen. Die Hände mussten während des Unterrichtes auf dem Rücken gehalten werden. Der Gebrauch von Gebärden war unter Strafe in der Schule verboten. Die Folge war der Verlust der Identität.

Das erklärt auch, warum viele Gehörlose, vor allem die älteren, die auf Lautsprache getrimmt sind, bis heute sehr viel Wert darauf legt, in der Kommunikation mit Hörenden die Stimme einzusetzen. Manchmal ist das hilfreich, manchmal wird die Kommunikation dadurch schwieriger. Gehörlose können die Stimme: Lautstärke, Höhe, Aussprache nicht kontrollieren. Durch das unartikulierte Sprechen entstand wohl auch das Vorurteil der "geistigen Behinderung", der "Doofheit".

Alle pädagogischen Verformungsversuche, aus Gebärden sprechenden Menschen Lautsprachler zu machen, konnten nicht verhindern, dass die Gebärdensprache in den gesellschaftlichen Räumen weiterlebte, in denen die Gehörlosen unter sich blieben: Vor allem in den Familien und in den Gehörlosenvereinen.

Erst in den 60er Jahren des vergangenen Jhdts. entwickelte sich zunächst in den USA und in den 80er Jahren auch in Deutschland die Gebärdensprachforschung. Das wichtigste Ergebnis war: Gebärdensprache ist keine "Affensprache", wie sie einmal bezeichnet wurde, sondern ist im Vergleich zur Lautsprache eine hoch entwickelte und differenzierte eigene Sprache. Wer das so nicht nachvollziehen kann, der verfolge einmal die rasante Vorstellung von Gebärdendolmetschern während der 20-Uhr-Nachrichten auf dem Sender Phoenix!

Inzwischen ist Anerkennung der Gebärdensprache als eigene Sprache fortgeschritten. Das Sozialgesetzbuch IX formulierte zum ersten Mal den Anspruch gehörloser Menschen auf Begeleitung durch Gebärdendolmetscher im Kommunikations- problemen, im Berufsleben, bei der Gesundheitsvorsorge und in Lebenskrisen. Mit dem "Sozialpädagogen für Hörgeschädigte" ist ein eigenes Berufsbild geschaffen worden.

Wie sehr sich das Selbstbewusstsein bei der jungen Generation verändert hat, ist mir einmal bei einem Taufgespräch deutlich geworden. Auf meine Frage, ob denn das Kind hörend oder gehörlos sei, antwortete der Vater: "Hörend. Aber das ist nicht schlimm!"

Die Gebärdensprache

ist eine eigene Sprache mit eigener Syntax und Grammatik. Sie ist anschaulich, körperlich und emotional. Für die Kommunikation sind das Zusammenwirken von deutlicher Aussprache, einem deutlichen Mundbild, klaren Gebärden, unterstützender Körperhaltung und Mimik sehr wichtig.

Nach wie vor gibt es ein nebeneinander von zwei „Gebärdensprachen“, der DGS und der LBG. Die LBG (laut begleitende Gebärdensprache) ist im Grund genommen die Lautsprache der hörenden Menschen, die durch Gebärden parallel untestützt wird. Die deutsche Gebärdensprache ist eine eigene Sprachschöfpung mit eigener Syntax. Sie geht über die normalen Gestaltungsmerkmale einer Lautsprache hinaus.

Nur in bestimmten Situationen, z.B. in einem Gottesdienst mit Hörenden und Gehörlosen verwende ich manchmal die LBG. Aber ich benutze sie nicht gerne. Gehörlose haben dann Probleme, die Inhalte zu verstehen. Für sie ist es besser, wenn ein Dolmetscher die Texte in ihre "Muttersprache", DGS, übersetzt.

Genau wie in der Lautsprache gibt es keine internationale Gebärdensprache: Es gibt eine englische, französische, russische, deutsche usw. Gebärdensprache. Es gibt nicht einmal eine einheitliche nationale Gebärdensprache. Vielmehr setzt sich die deutsche Gebärdensprache aus einer Vielzahl von regionalen Dialekten zusammen. Die Genialität dieser Sprache zeigt sich aber daran, dass bei internationalen Begegnungen Gehörlose innerhalb weniger Tage lernen, sich zu verständigen.

Wodurch werden Menschen gehörlos?

Nur etwa 15 % der Gehörlosen haben ihre Gehörlosigkeit ererbt. In allen anderen Fällen ist sie erworben, z. B. als Folge von Schäden vor der Geburt wie z. B. eine Röteln-Erkrankung der Mutter, durch Sauerstoffmangel während der Geburt oder durch Krankheiten im frühen Kindesalter wie z. B. eine Hirnhautentzündung. Auch durch Mittelohrentzündungen, andere Infektionskrankheiten und Gifteinwirkungen können Menschen gehörlos werden. Auch Unfälle, Lärm und Stress können die Hörorgane schädigen und das Hörvermögen beeinträchtigen.

Viele Kinder, deren Hörschädigung rechtzeitig festgestellt wurde, bekommen ein Cochlear Implantat (CI) eingesetzt. Dieses hochtechnologische Gerät überbrückt geschädigte Haarzellen im Innenohr und sendet elektrische Impulse direkt an die Hörnerven. Voraussetzung für diese Operation ist ein intakter Hörnerv. Trotz des Einsetzens des CI bleiben die Betroffenen mittelgradig schwerhörig und müssen entsprechend gefördert werden.