Kirchliche Bildung für Jugendliche und ihre Eltern
– das Angebot von „Konfirmandenunterricht“, „Konfirmandenzeit“
(auch „Konfirmandenarbeit“ genannt oder örtlich geprägt sowie vielsagend „Pfarre“)
–
Überlegungen zur Kenntnis und im Gespräch im Kirchenvorstand,
für den Superintendenten anlässlich der Visitation und zum Gespräch mit den
Eltern der Konfirmandinnen und Konfirmanden 2004 - 2006
I. Einleitung
Es ist gut, sich zu Beginn eines neuen Konfirmandenjahrgangs
neu darüber zu verständigen, was das eigentlich ist: „Konfirmandenunterricht“.
„Konfirmandenarbeit“ war als neue Bezeichnung der Versuch, das „schulisch“
Klingende des „Unterrichts“ herauszunehmen. Ich bezweifle aber, ob die „Arbeit“
die Sache gut trifft – auch wenn es manchmal harte Arbeit ist J.
„Pfarre“ ist der auch von heutigen Jugendlichen manchmal verächtliche,
oft liebevolle Ausdruck ihres Erlebens von „Kirche“: Das macht der „Pfarrer“
(die „Pfarrerin“). „Pfarre“ bezeichnet damit ein Problem von Kirchengemeinde
und Kirche: Die Mehrheit der Bevölkerung (hinter den Konfirmanden stehen ja
die Eltern und Großeltern) delegiert anscheinend den christlichen Glauben, jedenfalls
die christliche Bildung an den dafür vorgesehenen und bezahlten Hauptamtlichen.
Gedacht war das bei Paulus und bei Martin Luther aber mal anders. Kann sich
etwas ändern in Richtung auf mehr Beteiligung der Mitglieder der Kirche, die
eben doch nicht nur „Kunden“ kirchlicher „Serviceleistungen“ sind, sondern auch
Mitverantwortliche für ihren Glauben und für die Kirche? Auch in diesem Zusammenhang
stelle ich Ihnen meine Überlegungen dar.
Als Verständigungsanstoß – bewusst nicht als
„Grundlage“, auf die wir uns Betroffene am Ende doch irgendwie alle einigen
müssten – nenne ich meine Überlegungen.
Was „Konfirmandenunterricht“ 2004 – 2006 am
Ende gewesen sein wird, das können die Eltern dann genau so sagen wie alle Beteiligten
am eigentlichen Konfirmandenunterricht: Die „Lehrenden“ und die „Lernenden“.
Dabei geben die „Lernenden“ den „Lehrenden“ immer neu was zum eigenen Lernen,
sind also ebenfalls „Lehrende“. Niemand „hat“ „die Wahrheit“ und gibt sie einfach
so an die anderen weiter. Was „die Wahrheit“ des christlichen Glaubens für dich
und für mich ist – das entscheidest du für dich und ich für mich. Wir tun das
aber niemals jeder nur für sich allein. Wir brauchen einander. Und wir rechnen
möglicherweise mit dem Überraschenden, dem guten Einfall, den wir vorher kaum
für möglich gehalten hätten.
Diese für Sie vielleicht selbstverständlich,
geradezu banal klingenden Feststellung haben es in sich.
II. Konfirmandenunterricht in heutiger Zeit – Weggemeinschaft,
christliche Wahrheit, kirchliche Bildung
- ist eine Weggemeinschaft auf Zeit. Auf der
Konfirmandenfreizeit wird sie zur Lebensgemeinschaft auf Zeit. Ansonsten geht
es um das wiederkehrende Einander-Treffen am Dienstagnachmittag und in verschiedenen
Gottesdiensten der Weggemeinschaft „Kirchengemeinde“.
- In dieser Weg-Gemeinschaft wird das gelingen
und misslingen, was in Gemeinschaften gelingt und misslingt. Der Pastor (resp.
die Pastorin) leitet im Auftrag der Kirchengemeinde und der Kirche den Unterricht.
Insofern ist er (sie) verantwortlich für Gelingen und Misslingen – aber nur
sehr bedingt und in Grenzen. Die Gemeinschaft erhält gewisse äußere Regeln
und Formen, die in der „Ordnung für die Konfirmandenarbeit“ vom 30.8.2000
auch schriftlich festgehalten sind (also z.B.: Unterricht jeden Dienstag,
Gottesdienstbesuch, Bitte an die Eltern, ihre Kinder zu begleiten usw.). Was
aber in diesem Rahmen dann gelingt oder misslingt, ist Angelegenheit aller
Beteiligten.
- Die „heutige Zeit“ ist auch dadurch gekennzeichnet,
dass das einheitliche Weltbild vergangener Zeiten von (fast) allen als (zum
Glück?) überholt oder – je nach Gefühlslage – als (leider?) verloren gilt.
Es gibt nicht mehr „die“ „Tradition“, „die“ allgemein geltenden „Werte“, „die“
„Kultur“, „die“ „Kirche“, „die“ christliche oder sonstige „Wahrheit“. Naturwissenschaftlich
und soziologisch nachweisbar gibt es eine Vielfalt von Sichtweisen und Lebensweisen,
Werten, Kulturen, persönlichen Wahrheiten. Alles könnte immer auch ganz anders
sein – wer weiß? Zu jeder Position gibt es eine Gegenposition. Zu jeder Meinung
gibt es eine Gegenmeinung. Zu (fast) jedem Wort der Bibel gibt es eine das
Gegenteil bedeutende. Es gibt keine „absolut“ gültigen Wahrheiten mehr
– jedenfalls in dem Sinne, dass irgendjemand sie mit guten Gründen einfordern
könnte.
- Unsere Zeit zeichnet sich durch „Pluralismus“ und „Individualisierung“
aus. Die Soziologen und Philosophen meinen damit, dass in dieser „unübersichtlichen“
und vielfältigen Welt der 1000 Möglichkeiten der einzelne Mensch die Möglichkeit
hat, aber auch den Zwang verspürt, ganz anders als früher das eigene Leben
und die eigene Person zu „konstruieren“. Man spricht ganz offen von „Basteln“:
Heutige Jugendliche „basteln“ an ihrem Leben und an ihrer Persönlichkeit.
Sie können und dürfen das – sie müssen es aber auch; sonst nimmt – altertümlich
gesagt - ihre „Seele“ Schaden! Sonst finden sie sich in der Welt von heute
nicht mehr zurecht.
- Die „Lese-Schwäche“, die die „Pisa-Studie“ den
deutschen Schülern attestierte, hat wesentlich damit zu tun, dass die Jugendlichen
noch nicht in der Lage waren, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.
Um das zu können, brauche ich mehr als gute Rechtschreibung (das auch): ich
brauche die Fähigkeit, mein eigenes Leben, meine eigene Person „lesen“ zu
können, d.h. verstehen zu können, annehmen zu können, kritisieren zu können.
Das wäre „Bildung“ im pädagogischen und zugespitzt genauso im christlichen
Sinn.
- Was bedeutet es, Jugendliche im christlichen Glauben
zu bilden? „Christliche Wahrheit“ kann in dieser Lage nur noch
ein klares Angebot sein, mehr noch: Was für die Jugendlichen „Wahrheit“ ist
und was sie vom „Christlichen“ überzeugt hat, das ist ihre freie Entscheidung
in einem fortlaufenden Prozess.
- Der (die) Unterrichtende bietet und leitet an:
Zur Wahrnehmung des „Kirchenjahres“ (Advent, Weihnachten, Epiphaniaszeit,
Passionszeit, Karfreitag, Ostern, Pfingsten, Erntedank, Buß- und Bettag, Ewigkeitssonntag)
etwa, zur Symbolik des Kirchengebäudes (Altarbilder, Kirchraum-Erfahrung),
zum Kennenlernen und Mitgestalten von Gottesdienst und Gebet, zum Leben in
der Gemeinde (Gottesdienst, Besuche), zum selbsttätigen Umgang mit der Bibel
als dem Erfahrungsbuch des jüdischen und christlichen Glaubens mit der Suche
nach und dem Gefundensein von Gott, zum verstehenden und kritischen Umgang
mit der Tradition der evangelisch-lutherischen Kirche (Luthers Verständnis
von „Rechtfertigung“ – Reformationstag – und 10 Geboten, Dietrich Bonhoeffers
Leben und Denken usw.) usw..
- Was aber in diesem Rahmen des Angebotes dann
im Unterricht und darüber hinaus im Jugendlichen geschieht, sich bildet –
das bleibt seine (ihre) Entscheidung – oder theologisch gesagt: Das bleibt
unverfügbar – ein Geheimnis zwischen dem jeweiligen Menschen und Gott. Insofern
kann ich sagen: Gott „bildet“. Gott „bildet“ sich den Menschen „ein“
und ist gerade darum keine „Einbildung“ in dem Sinne von „Nur selber produziert,
sich selber eingeredet“. Sondern: Was da geschieht, ist je meine Persönlichkeitsentwicklung.
Da „leuchtet“ mir was „ein“, was mir vorher verborgen war. Das nennt die Kirche
„Glauben“. Diesen „Glauben kann niemand „machen“. Aller „gemachter“ Glaube
ist nicht frei, sondern neigt zum Fanatismus und zum Zwanghaften. Evangelisch-christlicher
Glaube ist aber Glaube, der die eigene Freiheit, die Kraft der eigenen Persönlichkeit
nicht schwächt und umbiegt, sondern stärkt und in die eigene Richtung verstärkt.
„Werde gern du selbst“ ist ein theologischer Satz, wenn man dazu sagt: „Gott
will genau das für dich“.
- Konfirmandenunterricht ist ein Angebot kirchlicher
Bildung für Jugendliche und ihre Eltern. Die Kirche in Form
der Kirchengemeinde und ihrer Mitarbeitenden bietet an. Sie bietet „Bildung“
im Glauben an – unter der Voraussetzung der Freiheit, dass eben Gott bildet.
Dieses Angebot ist auch insofern „kirchlich“ (und nicht etwa vergleichbar
mit einem Angebot an der Volkshochschule), dass die Teilnahme fast von selbst
zur Teilnahme an der Gemeinschaft der Kirche führt. Da ist zwar nicht unbedingt
Gold, was glänzt – aber in der Kirche wissen jedenfalls einige vom Unterschied
zwischen Gott und Mensch, Ideal und Wirklichkeit, ohne dass sie darum die
Frage nach Gott aufgäben oder ihre Ideale fahren ließen. Das finde ich spannend
an der „Kirche“ als „Gemeinschaft der Glaubenden“.
- Das Angebot „Konfirmandenzeit“ gilt für Jugendliche
und ihre Eltern, weil Bildung in der heutigen Zeit (s.o.) umso sinnvoller
ist, als man miteinander über das Erfahrene und Gedachte ins Gespräch kommt.
Aber auch das gemeinsame Schweigen nach einem gemeinsam erlebten schönen Gottesdienst
ist sinnvoll. Auf jeden Fall ist es für die Jugendlichen schwierig, mit den
fast 2 Jahren Konfirmandenzeit etwas Sinnvolles anzufangen, wenn die Eltern
offen oder unterschwellig ihre Unterstützung versagen – vielleicht aus eigenem
Ärger gegenüber „der“ Kirche oder weil sie schlicht nicht wissen, wie ein
eigener Kontakt aussehen könnte.
- Darum biete ich im Namen der Verantwortlichen der
Kirchengemeinde Elterngespräche und besondere Eltern-Treffs (mit und ohne
besonderes Thema, je nach Absprache und Interesse!) an und lade zu den Gottesdiensten
und Veranstaltungen der Gemeinde die Eltern ausdrücklich ein. Die Konfirmandenzeit
ihres Kinder kann für die Eltern eine sie persönlich herausfordernde und bereichernde
Zeit sein, in der sie sich – gesellschaftlich erlaubt, weil das Kind ja in
den Konfirmandenunterricht geht J - Zeit für sich selber, für eigene Lebensfragen und Lebensthemen
nehmen.
- Dass „Jesus von Nazareth“ bzw. „Jesus Christus“ immer wieder auch
ausdrücklich Thema werden kann, wird sich als gute Möglichkeit erweisen, dabei
wirklich ganz bei sich selber zu bleiben. Es wird – so ist meine Erfahrung
– gerade nicht dazu kommen müssen, dass das „Menschliche“ da aufhört, wo der
Pastor mit dem „Göttlichen“ kommt, sondern geradezu: Das Allermenschlichste
ist das Göttliche. Das gilt gerade auch darum, weil mit „Gott“ natürlich immer
auch ein „Darüber-Hinaus“ mit gemeint ist. Das lässt sich denken und ansatzweise
erfahren. Wir werden sehen.
- Für die Begegnung mit den Eltern gilt das gleiche
wie für die mit den Jugendlichen: Respekt vor den tatsächlichen Fragen
und Auffassungen, Zutrauen in die eigene Kraft zur persönlichen Entscheidung,
wenn gewünscht: Das Angebot von christlich-kirchlichem Wissen z.B. bei einem
Eltern-Treff zum Thema X, ggf. Einführung in den eigenen und kritischen Umgang
mit der christlichen Tradition, Ausprobieren, was biblische Geschichten und
Symbole je „mir“ sagen, was sie mir „bedeuten“, Gespräch mit ihnen anhand
der eigenen Lebenserfahrung - und umgekehrt.
Wir werden sehen.
Bernd Vogel, August 2004
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