Zu Gast beim Sängerfest in Tartu / Estland

Mit einem Abstand von fünf Jahren wurden im Juni 2010 die Chöre der Estnisch Evangelisch-Lutherischen Kirchewieder zu einem Sängerfest eingeladen, diesmal in die Universitätsstadt Tartu. Auch eine niedersächsische Delegation hatte sich vom 11. bis 14. Juni dorthin auf die Reise gemacht; die estnische Einladung war durch den Niedersächsischen Kirchenchorverband verbreitet worden und vor allem im Kirchenkreis Hittfeld auf viel Resonanz gestoßen, so dass die dortige Kreiskantorin Wiebke Corleis die Vorbereitungen und Reiseleitung für eine Gruppe aus ca. 70 Personen in ihre Verantwortung nahm, unterstützt von Frau Ute Otte als langerfahrener Estlandkennerin. Beide sorgten für eine heiter-entspannte Atmosphäre, gute Stimmung und unerwartete „Kontakte" z.B. mit Hermann Hesse und Oscar Wilde in Estland.

Aber nun die Fakten zum Sängerfest: ein Open-Air-Ereignis unter dem hilfreichen akustischen Deckel einer riesigen sogenannten Sängermuschel mit ca. 3000 singenden Teilnehmern und sehr ansprechender musikalischer Qualität. Während der intensiven Probenarbeit am Freitag erlebten wir women-power pur: also vorwiegend Dirigentinnen mit sprühender Energie, die keinen Zweifel ließen, dass das Singen kein harmloser Zeitvertreib, sondern Lebensmittel ist.
Und das Wetter unterstrich diesen Klangsturm durch heftige Sturmböen (!), die manches Mikrofon und Notenpult umrissen. Man musizierte mit Unterstützung eines groß besetzten Orchesters aus Studenten. Dann war die Muschel plötzlich wie leergefegt und verblüffend schnell mit 500 Kindern wieder gefüllt. Das funktioniert aufgrund gut durchdachter und großzügiger Auf- oder Abgangswege solcher „Muscheln" (siehe Bild). Nun probte und sang dieser große Kinderchor, auswendig und engagiert, und bedankte sich jedesmal stürmisch bei den Dirigentinnen und außerdem für manche Melodie bei der anwesenden Komponistin Piret Rips.
Wir in Niedersachsen freuen uns, dass wir Piret Rips bei unserem eigenen Chorfest am 4. September 2010 in Wolfenbüttel zu Gast haben und ein Chorwerk von ihr singen werden. (Infos unter www.chorsingen-im-nkv.de)

Die Organisation der Verpflegung einer so großen Versammlung war wohlüberlegt und gelang trotz heftiger Regenschauer, die der Sturm herangetragen hatte. Nirgends Ungeduld, auch nicht bei der Abschlussveranstaltung am Sonnabend von 17 - 20 Uhr in der Muschel, die sich unmittelbar an einen Festumzug anschloss. Vormittags noch war geübt worden, bis man sich ab 15 Uhr nach Regionen und Ländern ordnete und dann so richtig mit Feuer, Fahnen, festlicher Kleidung und Blaskapellen, z.T. auch singend vom Domberg aus durch die Innenstadt Tartus zog. Und auf die Minute genau strahlte die Sonne am frischgefegten Himmel durch die Wolken und ließ die farbigen Trachten leuchten. Immer und überall war auch ein Spassmacher im Elchkostüm dabei.
Wir haben diese Bilder genossen und sind deutschlandfähnchenschwenkend mitgezogen, vielleicht auch nachdenklich über die liebenswerte und seltene Mischung aus Stolz und Demut bei den Esten. Bis in den Chorklang hinein war es zu hören: So haben wir Esten uns die Freiheit ersungen, so singen wir heute, so möge das Singen in der Estnisch Evangelisch-Lutherischen Kircheals ein Ausdruck lebendigen Glaubens erhalten bleiben, gefördert werden und als Impuls vielleicht bis nach Deutschland hin wahrgenommen werden. Beim Rückflug sagt der Pilot die aktuellen Ergebnisse der Fußballspiele durch. Na ja, auch im Stadion wird ja noch gesungen; jedenfalls war es bisher so, wenn es da 2010 nicht diese Vuvuzela gäbe …


Ihr Mathias Gauer | Landeskantor

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