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Predigt an Silvester (31.12. 2004)

 

Text: Jahreslosungen 2004 („Jesus Christus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen“ - Mk 13, 31)
und 2005 („Jesus Christus spricht: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre“ - Lk 22, 32)


Liebe Gemeinde,
das heute zu Ende gehende Jahr stand unter einem Bibelwort, in dem apokalyptische Vision und Glaubenszuversicht - beides - vereint sind: „Jesus Christus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.“
Von Himmel und Erde, die vergehen, lässt sich leicht reden, wenn man es auf den Sankt-Nimmerleinstag irgendwann einmal datiert. Und vom unerschütterlichen Glauben an göttliche Worte, die ewig in Kraft bleiben, auch, wenn nichts Schlimmes diesen Glauben bedroht.
Aber jetzt, am Ende dieses Jahres? Wo wir doch seit Tagen die grauenvollen Bilder aus Sri Lanka, Indien, Thailand, Indonesien und von den Malediven sehen? Wenn wir an die mehr als130.000 Menschen denken, die in der entsetzlichen Flut ums Leben kamen. Wenn wir an die Menschen denken, die mit dem Leben davongekommen sind, aber alles verloren haben: Familienangehörige, ihr Haus, ihr Hab und Gut, die gesamte Existenz. Wenn wir daran denken, welche Gefahren (Seuchen und Krank-weiten) den Überlebenden jetzt drohen - abgesehen von dem Schock, den sie erst noch verarbeiten müssen - diesen Menschen muss wohl so zu Mute sein, als seien buchstäblich „Himmel und Erde vergangen“.
Nach dem Erdbeben vom 2. Weihnachtstag ist die Erde in einem viele Tausend Kilometer langen Küstenstreifen in mehreren Ländern in Südasien nicht mehr die, die sie vorher war. „Hier war vor wenigen Tagen noch das Paradies …“, sagte ein Reporter, der aus dem thailändischen Phuket berichtete, beim Anblick der Trümmerwüste. „Doch jetzt ist hier die Hölle …“. Und auch für mehrere Tausend Urlauber und ihre Angehörigen aus Europa ist das einstige Paradies auf Erden zur Hölle geworden.
Und - mich würde es nicht wundern - manchen der betroffenen Menschen ist in diesen Tagen vielleicht auch „der Himmel vergangen“. Ihnen ist der Glaube an einen Gott vergangen, der „alles so herrlich regieret“ - ob der nun Gott, Allah oder Buddha heißt. Was spielt das für eine Rolle? Die Katastrophe hat Menschen vieler verschiedener Nationen, Religionen und Kulturen betroffen.
Das Leid ist international und global und verbindet Menschen über alle Grenzen der Nationen, Kulturen und Religionen hinweg. In aller Welt sind Menschen schockiert und traurig. Globalisierung im Leid und in der Trauer. Doch wir erleben auch eine Globalisierung der Solidarität. Aus vielen Ländern der Welt treffen Hilfsgüter und Helfer in der betroffenen Region ein.
Die Flutkatastrophe ist ein brutales Lehrbeispiel dafür, was sonst nur in Sonntagsreden oder in Aufrufen von Dritte-Welt-Aktivisten Erwähnung findet, die von den meisten nur achselzuckend zur Kenntnis genommen wird: wir leben in der Einen Welt. Schon immer. Aber erst an einer Katastrophe wie dieser, wenn dann auch noch Landsleute von uns betroffen sind, wird uns das bewusst.
Weil sie zu den Festtagen auf Sri Lanka oder in Thailand einen preiswerten Urlaub verbringen wollten, sind jetzt neben den Bewohnern der betroffenen Länder auch ungezählte Menschen aus den verschiedensten Nationen, wohl auch mehrere hundert Deutsche, unter den Toten. Die Toten vieler verschiedener Nationen liegen miteinander in Massengräbern. Was manche Schlagwort-Politiker nicht wahrhaben wollen, wird hier - makaber genug - in diesen Gräbern der untergegangenen Ur-laubsparadiesen deutlich: wir leben längst in einer multikulturellen Weltgesellschaft.
Oder sollten wir „Multikulti“ nur solange gut finden, wie wir auch in Bürgerkriegs-Ländern wie Sri Lanka oder in anderen Dritte-Welt-Ländern, in denen Menschen mit 2 US-Dollar am Tag auskommen müssen, billig Urlaub machen können mit Sonne, Meer und Strand, wie wir’s eben lieben - aber doch sehr etwas dagegen haben, wenn Menschen „von da unten“ zu uns kommen, um hier bei uns, aus welchen Motiven auch immer, eine Perspektive für ihr Leben zu suchen?
„Himmel und Erde werden vergehen …“. Diese Naturkatastrophe apokalyptischen Ausmaßes hat nicht nur Urlauberparadiese vernichtet. Sie müsste in einigem Abstand von den schockierenden Bildern betrachtet auch unsere Einteilung der Welt hinwegspülen, die wir so fest betoniert und sicher glauben wie die Menschen in Khaolak oder Pukhet ihre Hotels am Strand wähnten:
wir Reichen hier im Norden - und die Armen da im Süden; wir Wohlhabenden hier, alles hart erarbeitet und sauer verdient - und die da unten, müssen eben selber sehen, müssen auch mal tüchtig ranhauen und können nicht alles von uns erwarten …! Doch diese scheinbar ewig gültige klare Einteilung der Welt ist erschüttert - muss erschüttert werden.
Ich ahne, dass ich mir jetzt wieder den Vorwurf einhandeln werde: Du hast doch von Wirtschaft keine Ahnung! Oder: Sie vergleichen wieder mal Äpfel mit Birnen! Egal.
Ich will nicht bei dem Entsetzen über die Bilder von Tod und Zerstörung stehen bleiben. Ich möchte weiter fragen.
Schon am ersten Abend, als ich die ersten Bilder der Zerstörung im Fernsehen gesehen habe, habe ich mich gefragt: Gibt es denn kein Frühwarnsystem, das sofort nach solch einem schweren Erdbeben Alarm schlägt, so dass man die Menschen in den gefährdeten Küstengebieten noch hätte warnen oder sogar evakuieren können? Und in den Folgetagen kam heraus: Doch, solch ein Frühwarn-System gibt es. Aber nur im Pazifik. Aufgebaut von den reichen Staaten USA und Japan, um ihre Bewohner zu schützen. Im Indischen Ozean gibt es ein solches Frühwarnsystem, mit Sensoren am Meeresboden, rund um die Uhr besetzten Kontrollposten entlang der Küste und Zivilschutzplänen nicht. Zu teuer. Länder wie Indien, Sri Lanka, Thailand oder Indonesien können sich so etwas nicht leisten.
Ist das nicht paradox? Wir fliegen in den Weltraum. Und eine Nachricht, ebenfalls vom 2. Weihnachtstag vermeldete: Gerade ist eine Raumsonde zu einem Jupitermond unterwegs, weil man an seiner Atmosphäre möglicherweise ablesen kann, wie es vor drei Milliarden Jahren auf der Erde ausgesehen haben könnte. 2 Milliarden Euro kostet das Unternehmen. Deutschland ist mit 115 Millionen Euro bei dieser Weltraum-Mission dabei. Wäre dasselbe Geld nicht sinnvoller angelegt, anstatt die Vergangenheit der Erde, wie sie vielleicht war, zu erforschen, lieber die Welt, wie sie jetzt ist, den ständig grummelnden und sich verschiebenden Grund unserer Erde weiter zu erforschen und das Leben der Menschen in den erdbeben-gefährdeten Regionen dieser alten, und noch immer höchst aktiven Erde sicherer zu machen?
Wäre es im Sinne einer besseren Hilfe zu Selbsthilfe der armen Länder nicht endlich an der Zeit, dass die Industrienationen ihren Anteil an Entwicklungshilfe von derzeit gerade einmal 0,3% des Bruttosozialprodukts wieder auf 0,7% zu erhöhen, wie sie das in einer Art Selbstverpflichtung in den 70er Jahren versprochen hatten?
Die Armut in anderen Ländern der Welt fällt nicht vom Himmel, ist auch nicht nur eine Frage des fehlenden Fleißes oder der Mentalität. Armut hat oftmals eine Geschichte. Eine Geschichte, in die wir mit hinein verwoben sind durch unsere Politik und durch die Gesetze der Weltwirtschaft, die wir aus den Schaltzentralen der macht in unserem Land mitbestimmen. Was Dritte-Welt-Gruppen seit vielen Jahren fordern, deuten Politiker jetzt wenigstens als Möglichkeit an: sie wollen die von der Flut betroffenen Länder entschulden, weil sie ahnen, wie teuer der Wiederaufbau der zerstörten Regionen sein wird.
„Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.“
Liebe Gemeinde,
wenn einem der Glaube an einen Gott, der „alles so herrlich regieret“, erschüttert ist; wenn das Staunen über das Werk des Schöpfers sich verwandelt hat in blankes Entsetzen über die zerstörerischen Kräfte, die offen-sichtlich noch immer in der Schöpfung walten - welche Gottesworte, welche Christus-Worte, welche „frohe Botschaft“ welcher biblischer Texte bleiben dann eigentlich noch?
Ein „Lobe den Herren“ oder „Geh aus mein Herz“ in diesen Tagen lauthals zu singen, verbietet sich wohl von selbst. Und eigentlich wäre es das angemessene Verhalten in dieser Nacht, den Übergang vom alten ins neue Jahr still, ohne Böller und Raketen zu begehen. Oder wenigstens von Mitternacht an für 5 Minuten mit der Knallerei zu warten und nur die Glocken der Inselkirche läuten zu lassen. Das wäre mein Traum für diese Nacht:
Fünf Schweigeminuten für die Toten, Verletzten und Trauernden, für die Menschen, die alles verloren haben und nicht wissen, wie ihr Leben weitergehen soll. Nur Fünf Minuten. Und dann könnten ja, diejenigen, die nicht darauf verzichten möchten, losballern. Das Leben muss ja weitergehen, werden sie sagen. Und sie haben ja recht. Die 5 Schweigeminuten nach Mitternacht, das wird ein Traum bleiben. Es wird wie in jedem Jahr sein: in einer halben Stunde werden 100 Millionen Euro im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft gejagt und „verpulvert“ worden sein. Mit Sekt und Kater inklusive.
Und welche Worte bleiben an der Schwelle von diesem alten zum neuen Jahr 2005? Welche Worte aus dem alten Buch werden „nicht vergehen“ auch angesichts solcher Katastrophen, die der vernichten Sintflut aus Urzeiten vergleichbar sind?
Es sind die leisen Worte, die nicht vergehen, die bleiben und die uns Halt geben in diesen Tagen des Schreckens. Es sind die Worte, die uns modernen Menschen von dem Irrglauben befreien, wir hätten die Welt schon im Griff, wir hätten unser Leben schon im Griff, und für den „Überbau“, zur individuellen Sinnfindung und für die Wertedebatte in unserer Gesellschaft da brauchen wir keinen Gott und keine Religion. Das schaffen wir schon irgendwie aus uns selbst heraus.
Einmal für wenige Sekunden „9,0 auf der Richterskala“ - und unser Irrglauben-Gebäude bricht wie ein Strandhotel unter der Wucht einer „Tsunami“ zusammen. Wir haben die Welt nicht im Griff. Sie ist auf unsicherem, schwankenden Boden gebaut.
Wir haben unser Leben nicht im Griff. Eine plötzliche Veränderung, Krankheiten, das Altern, der Tod - all das kann uns plötzlich den Boden unter den Füßen wegziehen.
Wir haben auch das Sinnganze unseres Lebens nicht im Griff. Ewiges strahlendes Siegerlächeln und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein sind nicht die Markenzeichen des glaubenden Menschen. Glaube, biblischer, christlicher Glaube ist immer auch ein angefochtener Glaube. Gläubige Menschen, die in existenzielle Ängste und Nöte geraten, können von schrecklichen Zweifeln und Ängsten heimgesucht werden, können Hass und Wut in Richtung Gott entwickeln, die nahe an Blasphemie grenzen oder - auf der Seite des Menschen - an Selbstaufgabe. Hiob und der weinende Jesus im Garten Getsemane in der Nacht vor seinem Tod sind die bekanntesten Beispiele dafür aus unserer biblischen Überlieferung.
Die leisen Worte bleiben. Sie vergehen nicht, sondern werden wichtig in diesen Zeiten. Sie sprechen auch nach 2000 Jahren noch unmittelbar zu uns. Worte, die der Trauer von Menschen ihren Platz lassen. Worte, die dem unsagbaren Leid ihre Worte leihen, weil eigene Worte für das Unfassbare fehlen. Worte, die den Menschen, für die „Himmel und Erde vergangen sind“, signalisieren: du bist nicht allein. Einer ist an deiner Seite. Und wir sind für dich da.
Die biblische Jahreslosung für das neue Jahr ist solch ein leises Wort, das bleiben könnte und das uns gut begleiten könnte in das neue Jahr: „Jesus Christus spricht: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“
Jesus sagt diese Worte am Abend vor seinem Tod zu seinem engsten Vertrauten Petrus. In einer Situation, in der Petrus seinen Glauben zu verlieren droht: Wenn Jesus tatsächlich sterben wird, wie er gerade zuvor, beim letzten Abendessen angedeutet hat, - was soll dann werden: aus mir, aus der ganzen Bewegung, die Jesus in Gang gesetzt hat? Was soll dann werden aus unserem Vertrauen, das wir in ihn gesteckt und für das wir alles aufgegeben haben? Was soll aus all der Hoffnung auf eine bessere Welt werden, die er in so vielen Menschen entfacht hat? Ist doch alles nur eine große Täuschung gewesen?
In vielem gleicht die Seelenverfassung des Petrus der unseren an diesem Jahreswechsel. Und für diese aufgewühlte Seele spricht Jesus die Worte: „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“
Da betet einer für Petrus und auch für uns, da setzt einer alles dafür ein, dass wir nicht den Glauben verlieren, dass wir nicht verzweifeln an der Welt, wie sie ist. Da betet einer für uns, dass uns wenigstens ein Rest an Gottvertrauen, wenigstens ein Stückchen Lebensmut, wenigstens ein Fünkchen Hoffnung bleiben möge.
Es ist ein leises Wort, unter vier Augen gesagt, ganz intim. Und Jesus hat dem Petrus dabei vielleicht die Hand auf die Schultern gelegt oder ihn in den Arm genommen. Ihm Zeit gelassen für seine Trauer, seine Wut und seine Fragen.
Doch Jesus lässt seinen Freund weder im Selbstmitleid versinken noch in seinem Erschrecken er-starren. „Wenn du dich dann bekehrt hast, dann stärke deine Brüder …“ mit diesen Worten setzt Jesus seine Rede fort.
Ich übersetze das mal für mich: Wenn du wieder zu dir gekommen bist, wenn du den ersten Schrecken überwunden hast, wenn du wieder zum Glauben an Gott und an dich und an eine gute Zukunft zurückgefunden hast, dann kümmere dich um deine Mitmenschen. Dann kremple die Ärmel hoch und pack mit an. Dann tu, was du kannst, um aus dieser Welt, aus dieser Einen Welt einen Ort zu machen, an dem alle gut leben können.
Dazu könnten wir doch auch diesen Gottesdienst zum Jahreswechsel nutzen: dass auch wir füreinander beten, dass unser Glaube nicht aufhört, nicht in diesen Tagen und auch nicht im neuen Jahr. Und dass wir so leben, dass wir die Mitmenschen stärken, dass wir ihnen helfen, das Leben zu bestehen - allen Menschengeschwistern in der einen, globalen, multikulturellen und multireligiösen Welt, die in diesen Tagen in Trauer und Mitgefühl verbunden sind.
Amen.