Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Geburtsanzeigen in der HAZ (Auswahl)
Elternglück in kurzen Worten!
Liebe Gemeinde,
jeder Mensch, wenn er zur Welt kommt, löst himmlische Freude aus!
Maria und Joseph hatten aber vor ungefähr 2000 Jahren andere Sorgen als sich
um die Formulierung einer Anzeige für die Tageszeitung zu kümmern. Sie mussten
erst einmal einen Platz finden, an dem ihr erstes Kind zur Welt kommen konnte.
Maria und Joseph ohne Obdach, so wie eine halbe Million Menschen bei uns
hier und heute in Deutschland!
Es war schwer genug, wir haben es gehört, bis sie schließlich wenigstens
einen Stall fanden, und ihr Sohn in ärmlichen Verhältnissen das Licht der Welt
erblickte, das Licht der Welt, das er selber sein sollte und bis heute
für viele, viele Menschen weltweit auch ist.
Weihnachten ist wie kein anderes Fest das Fest der Familie.
Und das verdanken wir dieser Familie, die uns jedes Jahr zu Weihnachten in ganz
besonderer Weise nahe kommt: Maria, Joseph und Jesus –
trotz der nicht gerade romantischen und sicher auch gefährlichen Geburt im
Stall sind diese drei bis heute ein Urbild für unsere Sehnsucht nach
Harmonie, nach heiler Familie, nach einer friedlichen Welt und nach gelingendem
Leben.
Warum brauchen wir dieses Urbild?
Ich glaube, weil unsere Sehnsucht groß ist und ungestillt, weil nicht alle
unsere Wünsche in Erfüllung gehen.
Wir sehnen uns nach Harmonie und erleben doch, wie viel Streit es um uns
herum und manches Mal auch bei uns selbst gibt. Wir sehnen uns nach einer
guten, friedlichen Welt, aber wir hören täglich von Kriegen überall auf der
Welt, von Not und Elend, Einsamkeit und Hass, Vertreibung und Tod.
Die Familie ist für viele von uns der Ort, auf den unsere Sehnsucht
zuallererst zielt. Hier haben wir inmitten einer großen, weiten Welt, die immer
komplexer und undurchschaubarer wird, die größten Handlungsspielräume und
Gestaltungsmöglichkeiten. Hier können wir unmittelbar Einfluss nehmen auf die
Atmosphäre und ein gelingendes Miteinander. In der Familie erwarten wir
inmitten der Dunkelheiten um uns herum noch am ehesten ein Stück heiler Welt.
Doch die heile Welt gerät auch in den Familien mehr und mehr aus den Fugen!
Das macht mir Sorgen!
Unsere real existierenden Familien in Deutschland, das wissen wir aus den
Medien, vielleicht auch aus eigener Beobachtung, sind keine heile Welt und
nicht immer ein Ort, an dem Kinder gut aufwachsen können.
Auf dem Kindergipfel in der vergangenen Woche hat unsere Bundeskanzlerin eine
"Kultur des Hinsehens" gefordert.
Ja, auch und gerade zu Weihnachten dürfen wir nicht die Augen davor
verschließen, dass es Gewalt gibt in Familien hier in Hannover, bei uns vor der
Tür, dass Kinder misshandelt und vernachlässigt werden, dass sie hungern nach
Nahrung und nach emotionaler Zuwendung.
Auch wenn es Gott sei Dank nicht überall so dramatisch ist, finde ich doch
eine Zahl sehr bedenklich: In nur noch 20 % der Familien wird Kindern von ihren
Eltern vorgelesen.
Dabei wäre das für alle Kinder so wichtig, für ihre sprachliche, aber auch
für ihre emotionale Entwicklung, Kinder sehnen sich so sehr danach: Kein
CD-Spieler kann dabei die Mama oder den Papa ersetzen!
Um dieses Bedürfnis der Kinder noch ein wenig zu verdeutlichen:
Die Schulleiterin einer Grundschule erzählte mir vor einiger Zeit schon, die
schönste Unterrichtsstunde für die Kinder, die Stunde, auf die sich alle
freuen, ist die letzte Stunde am Freitag.
Und das nicht, weil es dann ins Wochenende geht, nein, das ist die Stunde,
in der sich alle Kinder einer Klasse in die Sitzecke setzen und in der dann die
Lehrerin Geschichten vorliest.
Warum ist diese Stunde so toll? Weil viele der Kinder das Vorlesen aus ihren
Familien nicht mehr kennen!
Als ich vor einigen Jahren ein Praktikum in einer Grundschule gemacht habe,
durften die Kinder der ersten Klasse in der Religionsstunde meinen Beruf raten.
Ein Junge schaute mich mit großen Augen flehentlich an und sagte dann:
"Märchenonkel".
Die Lehrerin musste lächeln und meinte dann trocken: "Ja, so
ähnlich..."
Mir ist in diesem Augenblick deutlich geworden, wieviel
Sehnsucht Kinder haben können nach Geschichten, die ihnen erzählt oder
vorgelesen werden.
Es ist schön, wenn das in unseren Familien gepflegt wird, wenn dieses Bedürfnis
von Kindern Berücksichtigung findet.
Und es gibt dazu auch positive Beispiele außerhalb der Familie: die
Vorlesetage für Kinder in unserer Jakobi-Bücherei oder das Erzählen von
Geschichten in unserem Kindergottesdienst. Hierzu die herzliche Einladung an
alle Kinder: erzählen Sie’s auch gerne weiter!
Liebe Gemeinde, es ist gewiss gut, wenn Kinder intensiv von der Mutter und
natürlich auch vom Vater zu Hause betreut werden.
Aber manchmal ist das z.B. aus beruflichen Gründen nicht ohne Weiteres möglich,
und manchmal ist es auch für die ganz kleinen Kinder besser, wenn sie nicht den
ganzen Tag nur bei den Eltern sind, weil dort Liebe, Zuwendung und Förderung
fehlen. Da ist ein Krippenplatz für das Kind sicher die bessere Lösung!
Die Diskussion um Krippenplätze in unserem Land hat in diesem Jahr
die Gemüter erregt. Wir konnten lange Auseinandersetzungen und hitzige Debatten
verfolgen, und ich denke, wir als Kirchengemeinde können und sollten uns da
einmischen!
Ich glaube sogar: Wir müssen uns diesem Thema stellen und darüber
reden, weil es um unsere Kinder geht!
Das Kindeswohl hat ganz klar an erster Stelle zu stehen; wir Erwachsenen
tragen die Verantwortung dafür, wir haben für das Wohl der eigenen Kinder und
das Wohl aller Kinder in unserer Gesellschaft Sorge zu tragen!
Es gibt in der Frage der Krippen für die ganz Kleinen kaum zu überbrückende
ideologische Gräben; da wird mit harten Bandagen gefochten, und man weiß nicht
immer, ob wirklich in jeder Argumentation das Wohl der Kinder im Mittelpunkt
steht.
Da wird z.B. angeführt, es sei erwiesen, dass in Schweden, einem Land mit
sehr vielen Krippenplätzen, jedes dritte Kind psychisch krank sei. Schaut man
einmal genauer hin, dann stellt man fest, dass hier einfach ein Zusammenhang
behauptet wird, der sich nicht etwa aus einer wie auch immer gearteten Studie
ergibt und sich auch überhaupt nicht nachweisen lässt, und dass die
alarmierenden Zahlen von einer Autorin ohne Beleg in die Welt gesetzt und von
anderen offenbar sehr bereitwillig weiterverbreitet wurden.
Unseren Kindern hilft es sicher nicht, wenn Erwachsene mit falschen Zahlen
Stimmung machen, um die Welt von ihrer Meinung zu überzeugen. So tut man
unseren Kindern keinen Gefallen!
Ich denke: Mehr Sorgfalt und Gelassenheit würden der Diskussion gut tun!
Jede Familie ist anders, es gibt unterschiedliche Lebensentwürfe in den
Familien, und wir sollten diese Entwürfe nicht gegeneinander ausspielen! Das
hat unsere Landesbischöfin, Frau Käßmann, betont, ich
stimme ihr darin zu.
Was für die Kinder in der einen Familie gut ist, kann für andere Kinder in
ihrem Umfeld problematisch, ja: schädlich sein.
Nochmal: für viele Kinder ist es gut, oft das
Allerbeste, in den ersten Lebensjahren in den Familien betreut zu werden.
Aber für Kinder, die in ihren Familien vernachlässigt werden, die geschützt
werden müssen vor Verwahrlosung, ist es besser, wenn ihnen eine Alternative
geboten wird, wenn sie z.B. in einer Krippe liebevoll betreut und gefördert
werden.
Zurück zu dem Krippenkind, von dem Lukas in der Weihnachtsgeschichte
erzählt: Jesus, als kleines Baby in Windeln gewickelt und in einer Krippe
liegend.
Bei diesem Kind sind sich sicher alle einig: es ist gut, dass dieses Kind
wenigstens in einer Krippe Platz findet! Wir können froh sein, dass Maria und
Joseph für Jesus damals noch einen Krippenplatz bekommen haben!
Im Stall von Bethlehem liegt Jesus, das Krippenkind, klein und verletzlich
in ärmlichen, erbärmlichen Verhältnissen.
Wir aber glauben, dass da zugleich etwas Großes und Einzigartiges geschehen
ist:
In dem kleinen Kind Jesus kommt Gott zur Welt, er wird ein Mensch wie du
und ich! Himmel und Erde rücken zusammen und gehen eine Verbindung ein, die
Gestalt gewinnt in Jesus Christus.
Davon kann auch der 1. Timotheusbrief ein Lied singen. Dort heißt es im 3.
Kapitel (nach der Guten Nachricht):
"Niemand kann es bestreiten: Groß und einzigartig ist die
geheimnisvolle Wahrheit unseres Glaubens:
In der Welt erschienen als schwacher Mensch,
im Himmel in seiner göttlichen Würde bestätigt –
so wurde Christus den Engeln gezeigt
und den Völkern der Erde verkündet.
Überall in der Welt fand er Glauben,
und im Himmel erhielt er die größte Ehre."
Liebe Gemeinde, dieses Glaubenslied fügt das irdische Leben und die
himmlische Wirklichkeit Gottes zusammen:
Himmel und Erde werden in der Person Jesu Christi verbunden.
Seine Menschwerdung im Stall von Bethlehem, wo er als kleines Kind, als
schwacher Mensch in der Krippe liegt, ist Grundlage für unsere Erlösung. Das
ist einfach himmlisch!
Wir haben damit noch nicht den Himmel auf Erden, aber das Trennende ist nun
in Jesus überwunden. Für Christinnen und Christen sind Himmel und Erde nicht
länger zu trennen, sie gehören von nun an zusammen. Das verändert nicht nur
unsere Sicht auf die Welt, das bewirkt auch einen Glauben, der sich den
Problemen der Welt stellt und Lösungen versucht.
Das Lied weiß, dass das Kind in der Krippe am Kreuz geendet ist.
Und dennoch hält es daran fest, dass dieses Leben kein Misserfolg war. Es
war ein Leben ohne Trennung von Gott.
Es war der Einbruch des Lebens in die Welt des Todes, der Protest der
Hoffnung gegen die Angst und des Vertrauens gegen die Verzweiflung.
Wir besingen auch zu Weihnachten nicht die heile Welt, die es so nicht gibt,
aber wir singen das neue Lied, wie die Welt heil werden kann!
Jesu Geburt macht das immer wieder deutlich: Gott gibt uns nicht auf! Er
will, dass diese Welt heil wird!
Darum ist der Himmel in Bewegung, und Gott bleibt nicht oben!
Er kommt auf die Erde als Zeichen dafür, dass die Welt nicht so bleiben
muss, wie sie ist. Er kommt ganz nach unten in unsere soziale, emotionale
und spirituelle Armut. In Jesus kommt Gott dahin, wo sein Licht gebraucht wird:
Seine Liebe macht unser Dunkel hell!
Weihnachten ist das Fest der Sehnsucht. Wir feiern dieses Fest,
weil wir die Hoffnung nicht aufgeben auf eine bessere Welt für uns, unsere
Kinder, unsere Familien und für alle Menschen. Als Gott in Jesus zur Welt kam,
da haben sich Himmel und Erde berührt, da sind Himmel und Erde ein für allemal zusammengekommen.
Zu Weihnachten können viele das spüren, zu Weihnachten könne viele das
zulassen, dass auch sie vom Himmel berührt werden. Aber wir können nicht nur
zur Weihnachtszeit darauf vertrauen, dass der Himmel für uns offen ist:
Gott kommt immer wieder in diese Welt, um sie menschlicher zu machen, um
ihre Dunkelheit zu erleuchten, ihre Kälte zu vertreiben und um die
verschlossenen Herzen für die Liebe aufzubrechen.
Weil Gott uns nicht aufgibt, sollten auch wir nicht aufgeben:
Vertrauen wir darauf, dass die Welt neu wird durch Liebe!
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere
Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.