Predigt am 22.07.2007. in der Jakobikirche
Lukas 9, 10-17
Liebe Gemeinde!
Im Juni 2007 fand der G8 Gipfel in
Heiligendamm statt. Die Politiker haben über das Thema Klimaschutz und
Globalisierung gesprochen. Seit Jahren treffen sie sich, aber sie konnten die
Situation der Menschen nicht verändern. Die Armen werden immer ärmer und die
Reichen werden immer reicher. Die Reichen sind nicht bereit, ihr Eigentum mit
den Armen zu teilen. Sicher, es gibt immer einzelne Ausnahmen. Das Eigentum, das
es auf dieser Erde gibt, reicht das nicht für alle? Genau so war die Rede von
den Jüngern Jesu in unserem Predigttext. Sie sagten zu Jesus: „fünf Brote und
zwei Fische reichen nicht für 5000 Menschen“.
Wie schaffen wir es nur,
dass es nicht für alle reicht? Wie schaffen wir es nur, dass auch im 21.
Jahrhundert die Mehrheit der Menschheit unter der Armutsgrenze lebt und alle
zwei Sekunden ein Mensch an Hunger stirbt?
Muss uns das
nicht heute wie ein Wunder vorkommen, wo wir doch wie keine Menschen vor uns
über Technologien verfügen, die uns Erträge bescheren, von denen frühere
Generation nur geträumt haben. Ganze Heerscharen von Biotechnologen entwickeln
eine Supersorte nach der anderen, eine bessere Anbaumethode nach der anderen. Wie schaffen wir es da nur, dass es nicht
für alle reicht?
Geht uns das was an? Für
uns reicht es doch dicke! Deutschland gehört zu dem einen Fünftel der
Weltbevölkerung, das vier Fünftel aller Rohstoffe und Waren dieser Welt
verbraucht. Und so geht uns diese Geschichte von den 5000, die Hunger haben,
vielleicht nicht mal bis zum Magen, geschweige denn unter die Haut. Von Hunger
kann schlecht reden, wer noch keinen richtigen Hunger erlebt hat. Ich komme aus
Äthiopien. Ich weiß, wie schlimm Hunger ist. Die Generation, die die
Nachkriegzeit in Deutschland erlebt hat, weiß wie schlimm Hunger ist.
Sollten wir notorisch
Satten da dann nicht lieber über den kleinen Hunger zwischendurch nach Liebe,
Geborgenheit, nach Nahrung für den Geist, die Seele oder für unser so
orientierungslos gewordenes Gewissen nachdenken, wie andere moderne Prediger
empfehlen?
Hier geht es um
elementarste Bedürfnisse und Nöte unserer Existenz. Und immer, wenn es um
solche Dinge geht, hat Jesus seine Jünger und ihren Drang nach Höherem
gleichsam am Schlafittchen gepackt: Hier geblieben! heißt seine Devise.
Am Anfang der Geschichte
kamen die Jünger zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten.
Als kämen sie vom Kirchentag, vom spirituellen Happening, vom geistlichen
Großereignis. Da sind sie zwar erschöpft, aber voller Eindrücke und
Selbstvertrauen. Sie sprudeln über vor Ideen, sie reden durcheinander, sie
haben dieses Leuchten in den Augen. Jesus findet das so schön, dass er seine
Jünger erst einmal zu sich nehmen muss, damit sie zu sich kommen. Auch der
geistliche Überschwang kann auf die Dauer bescheuert machen. Und dann ist ein
Ruhetag bitter nötig.
Den hat Jesus nicht, wie
uns erzählt wird. Die Massen strömen zu ihm und Jesus ist für alle da, predigt
und macht gesund den lieben langen Tag. Jesus kann das. Und die Jünger können
und müssen sich ausschlafen. Sie haben Pause.
Die Kirche lebt nicht
von der unermüdlichen Tatkraft ihrer Mitarbeiter, sondern von der unermüdlichen
Tatkraft ihres Herrn Jesus Christus. Dass ehrenamtliche und hauptamtliche
Christen 24 Stunden im Dienst sind, ist nicht nur ein unbiblischer, sondern
auch ein unmenschlicher Satz. Er wurde und wird von ungläubigen Leuten
erfunden. Der Christus schindet seine Leute nicht. Auch die Jünger haben Pause.
Sie sollen an diesem Tag nicht predigen und schon gar nicht heilen. Das Wort
Gottes macht an diesem Tag auch ohne sie seinen Weg und Menschen werden gesund,
auch ohne die Kirchenstars. Hier wirkt der Chef persönlich.
Als es Abend wird, haben
die Jünger ausgeruht und offensichtlich wieder den Blick für die vermeintlich
kleinen Dinge: Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen,
damit sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen
finden. Das ist vernünftig gesprochen und Jesus sieht daran, dass seine Jünger
nun wieder einsatzfähig sind. Die großen Dinge erleben und tun ist eine Sache.
Die vermeintlich kleinen Dinge wahrnehmen und tun, ist auch im Himmelreich
unverzichtbar.
Und deshalb sollen die
Jünger jetzt nicht predigen und auch niemanden auf wundersame Weise gesund
machen. „Gebt ihr ihnen zu essen“, lautet die einfache Anweisung Jesu, als wäre
dieser Dienst der erste im Himmelreich. Und Jesus meint das nicht im
übertragenen Sinne, sondern er meint wirklich - etwas zu beißen. Der Mensch
lebt nicht vom Brot allein, aber auch nicht vom Wort Gottes allein. Für
Letzteres ist vor allem Christus zuständig, für das Brot seine Jünger und
wir.
Zynisch handelt, wer
einen Hungrigen mit einem Segen fortschickt und einen, der das Nötigste braucht
mit einem frommen Spruch. Damit der Himmel auf die Erde kommt, muss Gott sich
aufmachen, um zur Welt zu kommen. Damit auf Erden alle Menschen satt werden,
braucht es Gott nicht alle Tage. Dafür können wir selber sorgen. Jesus
jedenfalls traut genau das seinen Jüngern zu. Damit alle satt werden, müssen
die Jünger keine Steine zu Brot machen. Sie
sollen austeilen, was da ist. Mehr nicht.
In verschiedenen
Seminaren habe ich gehört, dass auch in vielen Industrieländern, wie in
Deutschland, die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Das
heißt, der Reichtum bei uns hier in Deutschland ist auch immer ungleicher
verteilt. Die Gewinne werden privatisiert und die Lasten und Belastungen werden
sozialisiert.
Beklemmend ist die
Unfähigkeit der Politiker, daran etwas zu ändern. Zum Beispiel, wie die Macht
des Geldes zu ändern und Schuldenerlass für die Dritte Welt. Viele Menschen
erben die Armut, weil wenige Menschen den Reichtum erben. Es gibt viel Geld in
unserer Welt, es ist aber leider schlecht verteilt. Und wer an die Billionen
will, die glücklichen Erben in den Schoß fallen, bevor die selbst auch nur
einen Euro verdient haben, hat schlechte Karten. Geradezu heilig scheint das
Recht auf den ausgekochten Schemeln der eigenen Besitzstände für Generationen
sitzen bleiben zu dürfen. Viele Politiker haben ihre Prinzipien gemacht ohne
Rücksicht auf die Armen. Da ist es kein Wunder, dass es auf dieser Erde nicht
für alle reicht.
Es wird viel geredet über Globalisierung,
auch in der Kirche. Einige Christen sehen, dass Globalisierung für die
Wirtschaft sehr wichtig ist. Auch wir Christen haben manchmal einen Vorteil
davon. Aber die Einwicklung der Wirtschaft durch Globalisierung ist nicht ohne
Konsequenz. Vielleicht gibt es dabei die Ausnutzung der Armen. Als Christen
haben wir Verantwortung für die Armen, jeder Einzelne von uns genauso wie die
Christengemeinschaft. Wir können nicht sagen, was wir haben ist wenig und
reicht nicht. Es ist komisch, dass wir immer zu denen schauen, die noch mehr
haben, als wir selbst, zu Politikern, zu Wirtschaftsbossen oder zum reichen
Nachbarn, der geerbt hat. Die Botschaft Christi sagt in unserem Predigttext
heute: gib den Hungernden zu essen. Es geht uns Christen etwas an, wenn es auf
der Welt nicht für alle reicht. Wir können nicht unsere Wirtschaft globalisieren
und gleichzeitig unsere Verantwortung minimieren. Dass genau dies geschieht,
ist die berechtigte Befürchtung der Globalisierungsgegner weltweit. Wer die
Wirtschaft globalisiert, globalisiert auch seine Verantwortung: „Gebt ihr ihnen
zu essen!“ Brot für die Welt bleibt deshalb ein konkretes Anliegen aller
Christen. Jesus legt es seinen Jüngern nicht nur ans Herz, sondern traut ihnen
zu, es auszuteilen, damit alle satt werden.
Liebe Gemeinde!
Wir alle haben Hunger nach dem Sinn des
Lebens. Jesus lässt uns nicht weggehen, ohne satt zu werden. Gott ruft uns allen
zu, diesen Hunger zu bekommen und umsonst zu essen und zu trinken.
Gott ruft alle, die
Hunger und Durst nach dem Leben haben, die sich nicht einfach abfinden mit dem,
was ist. Gott führt uns zum frischen Wasser (Psalm 23, 2). Gott ruft uns allen
zu: „kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch
erquicken“. Wir brauchen nur Gottes
Stimme zu hören, um Gottes Nähe zu bekommen.
Gottes und Jesu Nähe
dürfen wir in der Feier des Abendmahls erfahren. Gottes Stimme sagt uns „
schmecket und sehet, wie freundlich Gott ist. Wohl dem, der auf ihn trauet “
(Psalm 34, 9). Das ist das Wunder, das wir glauben müssen.
Wir müssen jetzt die Chance ergreifen und Gottes Stimme hören und zu
ihm gehen. Das Leben ist da, und wir sind gefragt und herausgefordert, wie wir
mit dem Geschenk des Lebens umgehen. Wir alle, die nach dem Leben hungern und
dürsten, sind eingeladen. Gott spricht: ihr hungert und dürstet nach Leben,
kommt her zu mir, hört doch auf mich, damit es euch und allen, denen ihr
begegnet, gut geht. Ihr werdet euch an dem Brot und der Quelle des Lebens, die
Jesus Christus heißt, freuen. Und in dieser Freude ist das Teilen unserer Güter
keine Last, sondern gelebte christliche Verantwortung, gelebte Nächstenliebe
nach Jesu Vorbild. Dazu verhelfe uns Gott. Amen!