Predigt

von Pastor Jürgen Sewening
am 21. Sonntag nach Trinitatis

Predigttext: 1.Korinther 12,12-14.26-27

Liebe Gemeinde,
K i r c h e, ein Wort, das Gefühle weckt. K i r c h e, ein Wort, das an gemachte Erfahrungen erinnert, an gute und an weniger gute. K i r c h e in Deutschland - Volkskirche und Körperschaft des öffentlichen Rechts.
Fast 62% der Deutschen gehören einer der beiden Großkirchen an: 31,2% katholisch, 30,5% evangelisch. Ist diese große Gemeinschaft auch eine starke Gemeinde? In vielen Bereichen unserer Gesellschaft ist Kirche gegenwärtig, sie ist nicht wegzudenken.
Was wären wir hier in Hannover ohne die ansehnliche Zahl kirchlicher Alten- und Pflegeheime und Krankenhäuser, was wären wir ohne Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft? Und doch ist alle diakonische und gesellschaftspolitische Arbeit der Kirche nur ein Teil des Ganzen.
Was ist die Mitte, das Herzstück oder anders: was macht Kirche zur Kirche?
G o t t e s Wort ist die Quelle aller Kraft für die mannigfachen kirchlichen Aufgaben.
G o t t e s Wort ruft Menschen zusammen und stiftet in der Gemeinschaft mit Christus die G e m e i n d e.
G e m e i n d e - die Gemeinde vor Ort, die Ortsgemeinde - das ist keine abstrakte anonyme Größe. Hier nimmt Kirche konkrete Gestalt an, wirkt und wird lebendig oder versagt und enttäuscht. Kirchrode hier und heute: gut 10.200 Einwohner. Davon zählt die Hälfte zu unserer Gemeinde, 1 1/2 tausend sind katholischer Konfession, und der Rest - um die 35% -  wird in der Statistik als konfessionslos, freireligiös und dgl. geführt.
Ungefähr 1500 Personen sind im vergangenen Jahr innerhalb der Stadt Hannover aus der ev. Kirche ausgetreten. Das ist eine durchschnittliche Gemeindegröße im ländlichen Raum. In welchem religiösen und gesellschaftlichen Umfeld lebt die Kirche?
Der aus dem Mittelalter stammende Begriff des Corpus Christianum - der christlichen Gesellschaft - kannte nicht nur die Verschmelzung von Kirche und Welt. Allen gesellschaftlichen Gruppen war gleichermaßen der eine christliche Lebenszweck vorgegeben. Seit bald 90 Jahren leben wir in der Trennung von Kirche und Staat. Und seit dem letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts ist für die Kirche in Deutschland ein spürbarer und nachhaltiger Schrumpfungsprozess eingetreten. Schrumpft sich die Kirche gesund, wie Beobachter meinen? Könnte es sein, dass, um im Bilde des Predigttextes zu bleiben, die Glieder am Leib Christi und damit der ganze Leib lebendiger werden, wenn abgespeckt wird? Ist es nicht gut und sinnvoll, sich von Ballast zu trennen?
Wie empfinden wir, wie empfinde ich, wenn ich weiß, dass sich im Jahr ca. 30 - 40 Gemeindeglieder durch Austritt von unserer Gemeinde trennen? Menschen, die wie wir durch einen Geist zu einem Leib getauft sind? Begegnen wir dieser Tatsache mit Gleichgültigkeit, indem wir - vielleicht hochmütig - davon sprechen, dass der Glaube nicht jedermanns Ding ist?
Auch wenn der Abschied von der Kirche in der freien Entscheidung des einzelnen liegt, schmerzt jede Amputation am Leib Christi. „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit...“
Es gibt wohl kein besseres Bild als das Bild vom Körper, um Beziehungen, Verbindungen und Abhängigkeiten zu verdeutlichen. Der menschliche Körper: ein kunstvolles Gebilde. Verwirrend die Fülle von Gliedern und Organen, Gelenken, Systemen und Funktionen. Alles greift ineinander: das Große ist nicht wichtiger als das Kleine, Unscheinbare. Leidet das Geringe, so wird bald der ganze Mensch in Mitleidenschaft gezogen, denn die Gesundheit des Ganzen hängt an den Teilen.
Für Seele, Geist und Körper ist jede gesundheitliche Kraft ein Empfangen, ein Geschenk. Wie der menschliche Leib nicht in sich selbst ruht, nicht sich selbst schafft und gestaltet, so können wir weder Einheit noch Vielfalt des Leibes Christi schaffen und organisieren. Der Geist Gottes weht, wo er will, und stiftet Einheit in der Vielfalt.
Hier in Kirchrode erzählen wir gerne und mit Freuden von den vielen ehrenamtlichen Helfern und den zahlreichen Gemeindeaktivitäten. Das aber ist kein Grund selbstzufrieden zu sein. Wir arbeiten und wirken nicht allein für das Heute. Das Gemeindebild verändert sich, muss sich verändern auch bei uns.

Immer muss es unser Bestreben sein, dass alle Glieder am Leib Christi zu ihrem Recht kommen: sich gegenseitig fördern und unterstützen, anerkennen und lieb gewinnen, ist ein guter Weg, um alle mitzunehmen.
Die so genannte Kerngemeinde darf nicht zum harten Kern werden, der sich neuen Ideen, Gedanken und Aktivitäten verschließt. Das Leben der Gemeinde als Leib Christi kann nicht nach den Vorstellungen einiger weniger geplant und gestaltet werden. Das Wachstum pflegen und fördern, vorhandene Gaben entdecken und Raum zu Entfaltungen geben,  ist verpflichtende Aufgabe aller.
„Ihr seid der Leib Christi und jeder von Euch ein Glied“. Durch das Eingebundensein in das Ganze ist jeder mit seinen Begabungen, aber auch mit seinen Mängeln nicht allein gelassen. Füreinander eintreten, miteinander aufkommen für alles, was uns widerfährt und begegnet - das sei der Gedanke, der uns bestimmen möge -.
Die Finanzmarktkrise dieser Tage zeigt, wie klein die Welt geworden ist. Dass alles mit allem zusammenhängt, wussten wir vielleicht schon vorher. Aber erst die Krise macht deutlich, wie sehr wir verbunden und verwoben sind. Zeiten der Krise haben auch immer etwas Heilsames. Menschen guten Willens sind bemüht, Wege aus der Krise zu finden. Doch das nicht allein!
Zu Recht können wir erwarten, dass gemachte Erfahrungen uns klüger werden lassen.
Auch auf die Völker der Erde können wir das Bild vom Leib übertragen: wir sind eine Gemeinschaft und können nur gemeinsam überleben oder untergehen. Und die christliche Gemeinde mittendrin im Weltgeschehen; eine Gemeinde, die nicht nur für sich sondern für alle ruft und betet: Komm, Schöpfer Geist!

Amen.

Gebet

Gott, du lebst auf unter uns, wenn unsere Gemeinde lebt. Wir sind aufeinander angewiesen. Wir brauchen Menschen, die uns lieb haben. Allein gelassen geht es uns schlecht. Lass uns in unserer Gemeinde die vielfältigen Begabungen entdecken, die uns gegeben sind. Lass sie so zur Geltung kommen, dass wir uns in der Gemeinde zu Hause fühlen. Mache den Jungen Lust am Leben mit der Weisheit der Alten. Und halte die Alten in Bewegung durch die Anregungen der Jungen. Hilf den Eltern, mit ihren Kindern das Leben neu für sich zu entdecken.
Wir danken dir, Gott, dass du uns so viele Talente geschenkt hast, mit denen unsere Gemeinde zu einer lebendigen Gemeinschaft werden kann.
Amen