Gnade
sei mit uns und Frieden
von
dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
„Heute geht’s
um die Wurst!
Ich lasse mich nicht mehr
wegschicken! Komme, was wolle.
Warum sollte ich jetzt
nachlassen?
Ausgerechnet
jetzt,
wo das Ziel so
nahe ist.
Da lasse mich doch nicht
kleinkriegen:
Wenn es drauf ankommt,
wenn es wirklich um etwas
geht,
dann kann ich kämpfen wie
ein Löwe!
Und heute geht
es wirklich um etwas:
es geht um mein gutes Recht!“
Liebe
Gemeinde,
so
könnte die Frau gedacht haben,
von
der das Lukasevangelium
im
18. Kapitel erzählt.
Dort
heißt es:
„Er
sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie
allezeit
beten und nicht nachlassen sollten, und sprach:
Es
war ein Richter in einer Stadt,
der
fürchtete sich nicht vor Gott
und
scheute sich vor keinem Menschen.
Es war aber eine Witwe in derselben Stadt,
die kam zu ihm und sprach:
Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!
Und
er wollte lange nicht.
Danach
aber dachte er bei sich selbst:
Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte
noch vor keinem Menschen scheue,
will
ich doch dieser Witwe,
weil
sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen,
damit
sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.
Da
sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt!
Sollte
Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht
rufen,
und
sollte er's bei ihnen lange hinziehen?
Ich
sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.
Doch
wenn der Menschensohn kommen wird,
meinst
du, er werde Glauben finden auf Erden?“
(Lukas 18,1-8)
(Die Witwe und der Richter)
Die Geschichte einer starken Frau:
die Witwe, so könnte man
heute sagen,
ist eine echte Power-Frau!
Sie
hat wirklich Power und setzt diese Kraft, ihre ganze Energie daran,
endlich
zu ihrem Recht zu kommen.
Offensichtlich
geht es um Geld,
das
ihr zusteht. Als Witwe im damaligen Israel gehört sie zu den sozial Schwachen,
sie ist dringend auf das Geld angewiesen.
Sie
kämpft für ihr Recht:
immer und immer wieder
– so wird es im griechischen
Urtext deutlich –
geht
sie zum Richter und verlangt nicht mehr, als dass der sich endlich mit dem Fall
befasst und ein gerechtes Urteil fällt.
Aber der Richter ist ein richtiger Fiesling!
Er denkt
gar nicht daran,
seinen Job
zu machen.
Es
wird betont, dass weder Gott noch die Menschen ihm irgendetwas bedeuten.
Das
ist komplette Gegenteil von dem,
was
Jesus im Lukasevangelium
nur
wenige Kapitel vor unserem Text als Grundlage
für gelingendes Leben nennt:
Gottesliebe
und Nächstenliebe:
„Du sollst den Herrn, deinen
Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt“, sagt
Jesus, „und deinen Nächsten wie dich
selbst.“
Der ungerechte Richter
ist sich aber selbst der
Nächste.
Und das ist noch vorsichtig ausgedrückt: ihn interessieren die anderen
Menschen offenbar nicht.
Als Pastor an der Berufsschule habe ich Menschen kennen
gelernt, die sich mir als bekennende Atheisten vorstellen:
Die haben mit Gott nichts am
Hut.
Aber
so ein Mensch
ist
mir noch nicht begegnet,
dem
seine Mitmenschen völlig egal sind!
Zum Schluss spricht der Richter
doch noch ein gerechtes Urteil.
Aber
nicht etwa, weil er zur Besinnung gekommen ist. Es ist nicht so, dass er sein
Fehlverhalten einsieht.
Die Frau nervt ihn einfach,
und er will sie endlich
loswerden.
So
handelt er frei nach dem Motto:
„Du hast Recht
–
und ich hab‘
meine Ruhe!“
Mich interessiert die Witwe,
diese starke Frau,
die mit ihrer Power und
Energie
der Geschichte eine Wendung
gibt:
Diese
Power-Frau,
was ist sie
für ein Mensch?
Sie geht hin zum Richter,
immer und immer wieder.
Sie lässt sich nicht einfach abwimmeln.
Es ist ja auch ihr gutes
Recht,
gegen das Unrecht aufzustehen!
Die Frau weiß, was sie will!
So wird sie uns
vorgestellt.
Aber das ist
vielleicht nur die eine Seite.
Im
Leben läuft es meist nicht so glatt.
Ich kann mir gut vorstellen, dass es da auch noch
eine andere Seite gibt:
Wo
die Frau zaghaft ist und verzweifelt, wo sie denkt:
„Ich weiß
nicht mehr weiter,
mir wird das
alles zuviel!“
Wo
sie an Grenzen stößt
und
es nicht mehr schafft,
wo sie es leid ist,
immer und immer wieder
gegen Mauern zu laufen
– allein gegen alle.
Wir aber lernen sie nur so kennen:
stark und selbstbewusst.
Die
Witwe hat keine Angst vor großen Tieren. Der Richter schaut auf sie hinab,
aber sie begegnet ihm
von Anfang an auf Augenhöhe.
Sie
will nur das, was ihr zusteht.
Nicht mehr und nicht weniger. Hartnäckig ist sie und
kämpft wie ein Löwe. Vielleicht merkt sie, dass sie fast am Ziel ist, dass der
Richter langsam die Nerven verliert. Vielleicht denkt sie am Ende wirklich:
„Jetzt oder
nie:
heute geht’s
um die Wurst!“
Und
sie kommt schließlich
zu ihrem Recht.
Am Ende macht die Geschichte klar:
Man muss sich nicht alles gefallen lassen; es lohnt sich für sein Anliegen,
es lohnt sich gegen Unrecht zu kämpfen!
Liebe
Gemeinde,
bei
der Witwe,
bei
dieser Power-Frau frage ich mich:
Woher hat sie diese Energie?
Woher nimmt sie ihre Kraft,
woher kommt ihr Hilfe?
Klar ist:
Sie
ist völlig auf sich allein gestellt.
Keiner
setzt sich für sie ein.
Was ist eigentlich
mit den Menschen um sie herum?
Warum hilft ihr denn keiner?
Woher kommt ihr Hilfe?
Darüber erfahren wir nichts.
Wenn
ich mich selbst frage:
„Woher kommt mir
Hilfe?“,
dann
antworte ich mit dem Psalmwort:
„Meine Hilfe
kommt vom Herrn,
der Himmel und
Erde gemacht hat.“
Ob auch die Frau so antworten würde?
Es wird nicht gesagt,
woher sie ihre Kraft nimmt,
woher sie Hilfe erwartet und bekommt.
Es wird nicht gesagt,
dass die Witwe eine gläubige Frau ist.
Glaubt sie an Gott?
Vielleicht. Wir wissen es
nicht.
Wenn ich mir das mal vorstelle, dass sie ihre Kraft aus
ihrem Glauben schöpft, dann kann ich mir ihr Auftreten erklären, dann kann ich
nachvollziehen, was sie so energisch und hartnäckig macht.
Dann
wird mir klar,
dass sich ihr Selbstbewusstsein
aus ihrer Gottesbeziehung
nährt.
Dass sie nicht nachlässt beim Engagement in eigener
Sache, weil sie darauf vertraut,
dass ihre Hilfe von Gott kommt.
Dass sie betet
und dass das Beten sie stark macht.
Beten macht
stark!
Wenn ich bete, dann ordnen sich meine Gedanken und ich
setze mich mit meinem Leben auseinander.
Wenn ich bete, dann tut mir das gut, weil ich mir etwas
von der Seele reden kann.
Wenn
ich bete, dann rechne ich damit, dass ich nicht alles
alleine schaffen muss, dann rechne ich mit Gott.
Beten ist das Atmen der Seele.
Wenn die Seele keine Luft mehr bekommt, dann fehlt ihr die Kraft für den Alltag.
Wenn
ich bete, dann wachse ich gleichsam über mich hinaus, dann verändert sich nicht
immer meine Situation, aber das Gebet kann mich verändern. Wenn ich
bete, bekomme ich Kraft für mein Leben.
„Lieber Gott, nun schlaf ich ein. Schicke mir ein Engelein, dass es treulich bei mir wacht durch die ganze lange Nacht. Schütze alle, die ich lieb, alles Böse mir vergib! Kommt der helle Morgenschein, lass mich wieder fröhlich sein. Amen."
Bei
diesem Kindergebet habe ich erfahren, welche Kraft das Beten haben kann:
Wenn ich ihn
abends ins Bett gebracht habe,
habe ich gesungen und mit ihm gebetet,
ohne Lied
und Gebet
ließ er
mich nicht gehen.
Wichtig beim Beten
waren auch die Pausen:
„Lieber Gott, nun schlaf ich ein.
„Nö!“ – an dieser Stelle
gab es immer Protest.
Schicke mir ein Engelein,
– da hat er
gelacht. Und auch im weiteren Verlauf:
dass es treulich bei mir wacht durch die ganze lange Nacht. Schütze alle, die ich lieb,
– und hier musste ich alle aufzählen:
Mama und Papa und seine Schwester Katja, und manchmal forderte er auch noch meinen Namen in der Reihe.
alles Böse mir vergib!
– da hat Marc sich schiefgelacht.
Er wusste genau, dass er’s faustdick hinter den Ohren hatte...
Kommt der helle Morgenschein,
– darauf hat er sich immer unheimlich gefreut.
lass mich wieder fröhlich sein. Amen."
In diesem Beten mit Marc
war unglaublich viel Kraft für uns beide.
Beten macht
wirklich stark!
Dieses
Gebet hat ihn ruhig schlafen lassen,
in
diesem Gebet hat sich seine ganze Freude auf den nächsten Tag gebündelt,
auf den nächsten Tag
mit Mama,
Papa und Katja.
Beten macht
stark!
Das gilt nicht nur für Kindergebete:
Am Freitag hier in der Kirche
habe ich mit einem Mann gesprochen,
der erzählte von der Zeit in
Russland, von seiner Kriegsgefangenschaft.
„Der da oben, der hat geholfen!
Ich weiß nicht, ob ich es sonst geschafft hätte. Jeden
Tag habe ich gebetet.“
Das tägliche Gebet hat ihm Kraft gegeben.
(Gebetserhörung)
Gebete werden erhört, und zwar in Kürze, das betont er am Schluss.
Das Warten hat bald ein
Ende:
Denn wenn schon der ungerechte Richter schließlich Recht schafft,
um wieviel mehr wird dann Gott es tun!
Für mich ist Gott der große Befreier:
Wie er Israel aus Ägypten befreit,
so befreit er uns aus unserer Schuld.
Ich glaube an den Gott,
der uns auf den Durststrecken durch die Wüsten des Lebens nicht allein
lässt.
In Jesus Christus hat Gott sich uns als der gezeigt, der immer wieder
zu uns kommt,
der uns liebt
und uns Kraft gibt für unser Leben.
Ich bete zu dem Gott, dessen Reich mit Jesus Christus schon mitten
unter uns ist!
Dieser Gott hört meine Gebete,
auf diesen Gott kann ich vertrauen.
Das heißt nicht, dass mir jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird
oder ich alles bekomme, was ich will.
Aber wenn ich zu Gott bete,
dann verändert das mein
Leben,
weil ich mich
verändere.
So bekomme auch ich Power.
Liebe Gemeinde, ob wir in der Stille beten oder betend ein Licht
anzünden, ob wir unsere Gebete sprechen oder singen:
Gott lädt uns ein,
diese Kraftquelle zu nutzen.
Mir gibt das Kraft, wenn ich bete:
Du bist meine
Zuversicht, Christus.
Weil ich auf
dich vertraue, muss ich mich nicht fürchten.
Du bist meine
Hoffnung, meine Freude,
meine Stärke
und mein Licht.
Amen.
Und
der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen
und Sinne in Jesus Christus. Amen