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Sie wollten den Zugführer hinzuholen.

"Ja, was soll denn das?" ärgerte sich Sylvia. "Ich würde auch nicht aufmachen, wenn jemand wie wild gegen die Tür bollert!"
"Der oder diejenige ist da aber auch schon sehr lange drin", gab Herr Grundmann zu bedenken.
Frau Kaddig strickte weiter. "Vielleicht ist ja jemandem schlecht geworden - dann könnte man aber auch herausrufen, daß alles in Ordnung ist, oder?"
Was sollte man nun davon halten?
Der Zugführer kam hinzu: "Hören sie, wir müssen die Tür öffnen, wenn sie es nicht tun!"
Alle lauschten - es rührte sich aber nichts auf der Toilette.
Der Herr Zugführer holte seine Schlüssel hervor, vergewisserte sich, daß seine beiden Kollegen derselben Meinung waren und schloß auf!

Sehen konnte niemand etwas, nur hören.

"Ich möchte doch nur zu meiner Tochter", kam es leise aus dem kleinen Raum. Man schaute sich betroffen an. Es war eine ältere Männerstimme gewesen. "Ich muß heute doch zu ihr!" Jetzt sahen wir ihn auch. Etwas heruntergekommen war er ja schon. Unrasiert, lange Haare, aufgetragene Sachen hatte er an.
"Haben sie eine Fahrkarte?" fragte der Zugführer gleich als erstes.
"Nein", gestand der Mann.
Das hatten alle irgendwie befürchtet.
"In diesem Fall müssen Sie am nächsten Bahnhof aussteigen! Wie heißen sie?" Der Zugführer holte seinen Block hervor. Der Mann konnte das alles scheinbar gar nicht verstehen. Er stand immer nur - brav die Fragen beantwortend - daneben und murmelte immer wieder etwas von seiner Tochter.

Müller, Walter. 63 Jahre alt,
als Kind immer schon etwas schwierig gewesen

Der Zugführer wies ihm einen Platz direkt neben unserer jungen Frau zu und verschwand mit Amtsmiene.

Er sah niemanden an und sagte nichts. Den Kopf hielt er gesenkt.
"Bleiben sie hier sitzen, bis der Zug wieder hält!" meinte noch einer der Schaffner.

Hmmm.

Wie sollte es nun weitergehen?

Keiner sagte etwas.
Der junge Mann goß Tee in einen Becher. "Möchten sie etwas Tee?" fragte er und schob den Becher zu dem Mann hinüber.
Alle warteten gespannt auf eine Reaktion.
Aber er reagierte nicht.
"Was sollen wir denn jetzt tun?" flüsterte Frau Kaddig.
Achselzucken.
Der Zug würde in 40 Minuten wieder anhalten.
"Wir können es doch nicht zulassen, daß sie ihn so einfach aus dem Zug schmeißen!" meinte Sylvia.

© Martin Böhnke 1998

©  für den Adventskalender: Karl-Martin Voget 1998