"Das hört sich schön an!" brach der
junge Mann das bewundernde Schweigen. "Zu Hause habe ich das aber auch nicht
mehr. Meine Familie und Singen - grausame Vorstellung! Das wäre ja schon
beinahe peinlich, Gedichte aufsagen! Ich glaube, das würde lächerlich
werden."
Wir lachten auch.
Herr Grundmann kramte in seinem Sakko. Er zog ein paar Servietten hervor,
mit goldenen Sternen darauf. "Das ist noch von unserer Adventsfeier im
Büro. Das fiel mir gerade so ein. Meine Frau dekoriert auch immer im
ganzen Haus mit Gestecken, Kränzen und Kerzen. Das duftet dann auch
so nach Weihnachten, beinahe wie in Ihrer Kindheit. Auch wenn diese getragene
Stimmung nicht gleich dabei aufkommt." Er verteilte sie unter den Bechern
und der Dose, so als Tischdecke.
"Stimmung ist also auch wichtig für Weihnachten. Das Drumherum muß
stimmen. Plätzchen, Kerzen, Tanne, weihnachtliche Motive - und
natürlich Klänge. 'White Christmas' im Radio, Glockenklingeln,
..." Herr Grundmann war ganz verzückt.
"Das hört sich ja alles ganz schön an, aber: Was ist denn dann
Weihnachten? Wenn alles, was riecht, schön aussieht und klingt nur
schmückendes Beiwerk ist, das Drumherum eben, und Geschenke doch eher
Probleme bei der ganzen Sache machen und den Beschenkten, naja, irgendwie
etwas von Weihnachten wegnehmen."
Frau Kaddig ließ entsetzt ihr Strickzeug fallen.
Was war nun Weihnachten? Alle blickten stumm um den ganzen Tisch
herum.
"Ich finde, Weihnachten verändert die Menschen
für ein paar Wochen oder Tage. Sie gehen anders miteinander um -
freundlicher und irgendwie menschlicher. Offen - für viele Dinge."
Allgemeiner Schwenk auf die andere Seite. Eine Frau saß da mit zwei
kleinen Kindern, die gerade schliefen. Unerwartet hatte sie sich in unseren
kleinen weihnachts-philosophischen Kreis eingeklinkt.
"Es geht eben nicht nur um Sachen, sondern besonders um die Menschen -
Weihnachten ist, was ich daraus mache!"
Ein neuer Aspekt, zweifellos. Die Runde nickte, man befaßte sich mit
der neuen Situation. Weihnachten muß man also machen. Gibt es dann
einen Weihnachtsmenschen und einen Wenn-gerade-nicht-Weihnachten-ist-Menschen
in uns? Diese Richtung der Diskussion gefiel mir persönlich nun wesentlich
besser!
Regina Schulze, 28 Jahre alt, zwei Kinder.
Braves Kind.
© Martin Böhnke 1998 |