Der Hochaltar in St. Albani von 1499 und seine Geschichte

Am östlichen Rand der Göttinger Innenstadt liegt die Pfarrkirche St. Albani, die älteste Kirche in Göttingen und wohl im 10. Jahrhundert als Kirche des 953 urkundlich erwähnten Dorfes ,,Gutingi" bereits bestehend. Von den frühen Vorgängerbauten haben sich im heutigen Erscheinungsbild der Kirche keine Spuren erhalten, und von den Baudaten ist St. Albani die jüngste unter den heute bestehenden mittelalterlichen Kirchen der Stadt. Ältester Bauteil ist der leicht erhöhte zweijochige Chor mit 5/8-Schluß aus dem späten 14. Jahrhundert; die dreischiffige Stufenhalle von vier Jochen Länge entstand im Anschluss. Eine Bauinschrift von 1423 am südwestlichen Strebepfeiler datiert den Westbau mit dem gedrungenen Turm; mit der Wölbung, die der Meister Jakob von Worms bis 1467 vollendete, fanden die Bauarbeiten ihr Ende. Die folgenden Jahrhunderte haben den mittelalterlichen Bau mehrfach verändert, ohne ihn jedoch im Grundsatz zu beeinträchtigen. So präsentiert sich St. Albani noch heute - von der 1726 errichteten barocken Turmhaube einmal abgesehen - in der seit dem 15. Jahrhundert überlieferten Form. Freigelegte und nach den Funden ergänzte Gewölbemalereien bestimmen seit kurzer Zeit wieder das Raumbild und mildern den sonst eher kühlen Charakter des Baues im Inneren, der der formalen Kargheit der Architektur des 15. Jahrhunderts eigen ist.
Den Hauptakzent des Innenraumes setzt, seiner liturgischen Bedeutung entsprechend, der Altar; hinter und über dessen großer Mensa die bis heute erhaltenen Malereien des spätmittelalterlichen Hochaltarretabels in einer ,,Bilderwand" erscheinen. Das ursprüngliche Retabel war ein sogenannter ,,Wandelaltar", dessen Aussehen entsprechend dem Ablauf des Kirchenjahres verändert werden konnte, und bestand ursprünglich aus einem Mittelschrein mit zwei Flügelpaaren. Der Schrein und die Innenseite der inneren Flügel, die nur zu den hohen Kirchenfesten geöffnet waren, zeigten ursprünglich reich vergoldete Schnitzereien vor ornamentiertem Goldgrund, die Mitte die Kreuzigung Christi zwischen den beiden Schächern und jeweils zwei Figuren von Heiligen rechts und links daneben. Auf den Flügeln waren die Gestalten der zwölf Apostel angeordnet. Eine lateinische Inschrift unter der Kreuzigungsdarstellung gab Auskunft darüber, dass ,,diese Tafel" im Jahre 1499 durch Hans von Geismar vollendet wurde; niederdeutsche Inschriften unten an den Flügeln nannten links den damaligen Pfarrer; Johann Cyppolle, Kanzler des braunschweigischen Herzogs, und rechts die damaligen Älterleute der Gemeinde, Hermann von Lengden und Tile Heisen.
Weitere Inschriften haben sich auf den ehemaligen Innenseiten der inneren Flügel erhalten: In den Aussparungen des mit Ornamenten und den Nimben für die geschnitzten Figuren verzierten Goldgrundes erkennt man die in Röte handschriftlich ausgeführten Namen der Apostel - jeweils von rechts nach links -, im linken Flügel oben Paulus, Petrus und Johannes, unten Jacobus d. A., Bartholomaeus und Andreas und im rechten oben Matthaeus, Jacobus d. J. und Philippus, unten Thomas, Simon und Matthias. Oberhalb der Petrus-Inschrift ist - ebenfalls in Rötel und in der gleichen Handschrift - in niederdeutscher Sprache zu lesen: ,,eck Hans fon Gesmer have dus (nicht, wie immer verlesen: due) tabellen gemaket 1499" und unterhalb der Bartholomaeus-lnschrift ist wohl auch von gleicher Hand in den Kreidegrund geritzt: ,,dafor geven my de fon sante albane (hundert gul - getilgt) 11/2 hundert". So ist die Urheberschaft für Hans von Geismar auch am bis heute erhaltenen Bestand gesichert.
Die Bezahlung, deren Höhe wohl nicht ohne Stolz genannt wird, war angemessen: Das Jahresgehalt eines Universitätsprofessors betrug in jener Zeit etwa 200 Gulden; der ,,Künstler-Unternehmer" musste von der ihm ausgezahlten Summe auch die Mitarbeiter seiner Werkstatt entlohnen.
Der Maler Hans von Geismar erhielt 1498 das Bürgerrecht der Stadt Göttingen; sein Tod ist bereits für das Jahr 1502 bezeugt, so dass der Altar für St. Albani, wohl sein Hauptwerk, aus seiner letzten Lebenszeit stammt. Seine Ausbildung hat ihn wahrscheinlich nach Goslar und Braunschweig geführt; die Rolle, die die Landschaft mit ihrer ausgeprägten Tiefenwirkung in seiner Darstellung der Albani-Legende spielt, weist darauf hin.


Die heutige Aufstellung der Malereien ist das Ergebnis der Geschichte des mittelalterlichen Retabels in den letzten zweihundert Jahren. Während Neubur 1734 im 1. Teil seiner ,,Zeit- und Geschicht-Beschreibung" eine Schilderung des intakten Zustandes gab, hieß es in einer Eingabe an die Kirchenkommission von 1787: ,,Aus dem hölzernen, von Wurmlöchern durchbohrten Schnitzwerk über dem Altar ... fließt das Wurmmehl auf den Altar und verunreiniget nicht selten die heiligen Gefäße ...,,. In den folgenden Jahren ist der Chor der Kirche umgestaltet worden; das Chorhaupt wurde durch eine Wand abgeteilt, vor der man einen zu dieser Zeit ,,modernen" Kanzelaltar in klassizistischen Formen errichtete. Der mittelalterliche Altar und sein Retabel verschwanden hinter der Trennwand und damit aus dem Bewusstsein der Zeitgenossen. Nach dem Rechnungsbuch der Gemeinde von 1804 wurde der Altar; ,,welcher für die Kirche unbrauchbar war", verkauft, doch bleibt unklar; an wen, und zunächst verlieren sich seine Spuren. Jedoch muss in der Folge das Retabel in seine Bestandteile zerlegt worden sein: Für 1807 ist ,,das Altargemälde im Besitze des berühmten Riepenhausen hieselbst" bezeugt, die Malereien befanden sich also zu diesem Zeitpunkt in der Kunstsammlung des Universitäts-Kupferstechers Ernst Ludwig Riepenhausen (1762-1840)' der auch mit Kunst handelte.
Schnitzereien von der Feiertagsseite sind für die Zeit nach 1824 im Besitz Göttinger Malers und späteren Hofmalers in Hannover; Carl Friedrich Oesl bezeugt; nach dessen Tod 1891 haben sich ihre Spuren verloren.
Einen anderen Weg nahmen die Tafelmalereien auf den Flügeln, die als Leihgabe des Städtischen Museums wieder ihren angestammten Platz nehmen. Nach Aussagen aus der Familie hat sie der 1813/14 in Göttingen studierende, aus Hannover stammende Jurist August von Arnswaldt bei Trödler gekauft und als Zimmerschmuck in seinem Haus in Hannover verwendet. Offenbar damals sind die Altarflügel in einzelne Teile zersägt wobei die Außenflügel auch senkrecht geteilt wurden, damit man Innen Außenseite nebeneinander sehen konnte - ein nicht unübliches Verfahren im Umgang mit mittelalterlicher Altarmalerei in jener Zeit. Nach dem Tod des August von Arnswaldt brachte sein Sohn die ,,Bilder" auf das von ihm bewirtschaftete Gut Schönlage in Mecklenburg, und nach dessen Verpachtung kamen sie leihweise in das Museum in Rostock.
Der damalige Direktor des Kaiser-Friedrich-Museums (heute Bodemuseum) in Berlin, Max J. Fnedländer, war es, der sie dort sah, in einem Brief vom 30. April 1907 den Leiter des Göttinger Museums, Bruno Crome, auf die Tafeln aufmerksam machte und deren Erwerbung für Göttingen anregte. Bei den Verhandlungen zwischen der Göttinger Sammlung und der Familie von Arnswaldt blieb Friedländer als Mittler tätig und beriet auch bei der Frage des Preises, den er zur Zufriedenheit beider Verhandlungspartner regeln konnte. Zu Beginn des Jahres 19D8 folgte der Transport nach Göttingen, und im Anschluss wurden die Tafeln mit finanzieller Hilfe des Geschichtsvereins durch den Restaurator am Provinzialmuseum in Hannover restauriert und in neue Rahmen gefasst, die dieser nach alten Vorbildern schuf. Danach fanden sie ihre Aufstellung in ,,Kapelle" der Städtischen Altertumssammlung, die der Präsentation der kirchlichen Kunst diente.
Hier sah sie die Ehefrau des 1926 gewählten Oberbürgermeisters Dr. Br Jung, und von ihr ging zunächst die Initiative für die Überführung der Retabelreste in die Kirche aus. Von seiten des Museums war man den Plänen gegenüber zunächst nicht gerade aufgeschlossen, aber die mit Geduld von bei Seiten geführten Verhandlungen kamen schließlich zu dem Ergebnis, dass Albani die erhaltenen Teile seines mittelalterlichen Hochaltars als Dauerleihgabe des Museums zurückerhielt. Dabei machte das Museum seine Forderung geltend, und so wurde die Gemeinde nicht nur verpflichtet, den Altar außer der Gottesdienste der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sondern auch für seine Instandhaltung und Sicherung zu sorgen.
Für die Präsentation in der Kirche wählte man eine Form, die eher der musealen als der kirchlichen Aufgabe gerecht wird und die der ursprünglichen Ansicht nicht entspricht: Um alle erhaltenen Malereien ständig sichtbar zu lassen, verzichtete man auf die durchaus möglich gewesene Wiederherstellung des Flügelaltars - wenn auch ,,nur" mit den Darstellungen der Werktags- und der Sonntagsseite - zugunsten einer Aufstellung als Bilderwand. Die damals geschehene Vertauschung der Flügelaußenseiten konnte bei der letzten Restaurierung vor einigen Jahren korrigiert werden: Das Martyrium des hl. Albanus befindet sich nun auf der linken Seite und das Jüngste Gericht auf der rechten, wie es schon Neubur 1734 schilderte und wie es auch formal wie inhaltlich nur möglich ist. Dagegen konnte die Vertauschung der beiden Marienszenen bis jetzt leider nicht rückgängig gemacht werden.



Linker Flügel