Durch die Arbeiten von Hermann Buß begeistert, beschlossen wir zunächst eine Lehrerfortbildung zum Ardorfer Altarbild. Daraus erwuchs die Überlegung, wie kann man das Bild mit Kindern erschließen.
Im letzten Schuljahr (1997/98) unterrichtete ich auch in den fünften Klassen Religion und unterstützte als Doppelbesetzung den Musiklehrer in der Integrationsklasse. In ihm fand ich einen begeisterten Kollegen und wir beschlossen, das Thema fächerübergreifend zu behandeln. Nachdem wir uns das Altarbild in der Planungsphase vor Ort angeschaut hatten, begannen unsere Vorbereitungen.
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Im Religionsunterricht
behandelte ich das Thema: "Zeit und Leben Jesu" mit dem Schwerpunkt
Ostergeschichte. Im Musikunterricht, der leider nur mit einer
Wochenstunde unterrichtet werden kann, begannen wir mit dem
Einüben von Liedern, die der Musiklehrer ausgesucht
hatte (s. Anlage). Leider mussten die Lieder vorgegeben werden, da das
Liederrepertoire
der Schüler sehr gering ist. Dank der Unterstützung durch die
Pastorin
vor Ort konnten wir mit der Klasse nach Ardorf fahren und neben dem
Kirchen-
auch den Konfirmandenraum benutzen. Wir hatten von Emden aus einen Bus
gemietet
und einen halbtägigen Lerngang geplant. Während der Busfahrt
konnten
die Schüler auf den Bunker, die Ziegelei und den Flughafen
hingewiesen
werden. In Ardorf angekommen, betraten die Kinder die Kirche. Ich hatte im Vorfeld das Thema Altarbild nicht angesprochen. Die Schüler und Schülerinnen hatten nun genug Zeit, sich mit dem Bild zu befassen und es in aller Ruhe zu betrachten. Eine Kirche war für die Schüler nichts Unbekanntes, da wir schon einen Buß- und Bettaggottesdienst gestaltet haben. |
Wir waren über das
Einfühlungsvermögen und die Interpretationen sowohl bei den
Fragen, als auch bei den Liedern
sehr überrascht. In den anschließenden Religionsstunden vor
den
Sommerferien sahen wir uns das Video der Kreisbildstelle über die
Entstehung
des Altarbildes an (erhältlich z.B. in der ARO). Für eine
zusätzliche Vertiefung des Themas erhielten die Schüler
Farbkopien der drei großen Altarteile. Sie sollten sich in
Gruppen für einen Teil entscheiden und das Bild ergänzen. Der
mittlere Teil des Altars wurde von den meisten Schülern
gewählt und bearbeitet.
Rückblickend kann ich unser
Projekt, das acht Schulstunden und eine halbtägige Fahrt nach
Ardorf umfasste, weiterempfehlen.
Zwei erprobte Möglichkeiten, mit dem Altar zu "arbeiten":
1. Fragen zum Altarbild
Die Funktion der Fragen: die
Schüler setzen sich längere Zeit mit dem Gegenstand
auseinander, sie betrachten das Bild unter verschiedenen Aspekten, sie
werden sozusagen in das Geschehen hineingenommen, es findet eine
Auseinandersetzung zwischen Altarbild und
Ort statt.
1. Was fällt mir auf ?
2. Warum ist dieses Bild in einer Kirche?
3. Genauer wissen möchte ich gerne ..........
4. Mir fehlt ........
5. Wo möchte ich stehen?
6. Möchte ich überhaupt darin sein?
7. Fällt Dir ein Titel zu diesem Bild ein ?
1. Der Himmel geht über allen auf
2. Ein Schiff das sich Gemeinde nennt
3. Aus der Tiefe rufe ich zu dir
4. Kennst du das alte Lied
5. Ich möcht', dass einer mit mir geht
6. Die Moorsoldaten
Das sechste Lied bezieht sich auf
das rechte Flügelbild. Es zeigt Menschen, die in einem
Arbeitslager gefangen sind. Stellvertretend für diese Situation
haben wir den Gesang ausgesucht. In dem Vorgespräch konnten die
Schüler die Situation und die Zeit des Liedes erklären.
Exemplarisch zwei Strophen:
5.Auf und nieder gehn die Posten, keiner, keiner kann hindurch. Flucht wird nur das Leben kosten: vierfach ist umzäunt die Burg. Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit den Spaten ins Moor.
6.Doch für uns gibt es kein Klagen, ewig kann's nicht Winter sein. Einmal werden froh wir sagen. Heimat, du bist wieder mein! Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit den Spaten ins Moor.
Der klassische Altaraufsatz zeigt wahrlich andere Bildzusammenhänge als in Ardorf. Dies hat seinen Grund, zu dem uns der Auftraggeber, der Künstler und die Ardorfer Gemeinde vieles sagen können. Alle bisher geäußerten Informationen liegen so allerdings nicht vor und demzufolge sind wir, wie so oft bei der ersten Begegnung mit einem Kunstwerk, erst einmal auf uns selbst angewiesen. Dies muß kein Problem darstellen, denn der unvoreingenommene Eindruck eines Bildes ist für den Betrachter von großer Bedeutung.
Das wesentliche Anliegen des Ardorfer Altaraufsatzes ist natürlich eindeutig, denn die acht Bildtafeln haben ihre klare symbolische Zuordnung im christlichen Bildprogramm. Die besondere Stärke dieses Altarbildes ist seine Vieldeutigkeit im Sinne unserer Gegenwart. Auch der am Christentum zweifelnde Betrachter findet hier Ansätze zu möglichen Bildaussagen.
Für mich hat diese Darstellung eine sehr beeindruckende und intensive Gesamtaussage, die trotz räumlicher Tiefe und Kälte eine hoffnungsvolle Perspektive ermöglicht. Der dargestellte Lebensraum ist mir nahe. Diese zeitgemäßen Aussagen im Rahmen eines Altarbildes bewirken durch ihren historischen Kontext, der biblischen Inhalte und der örtlichen Gegebenheiten, Hoffnung.
Eine willkommene Bereicherung als
Unterrichtsgegenstand für das Fach Kunst in unserer Region.
Unterschiedliche Methoden der
Annäherung lassen sich auflisten. Davon interessiert mich
besonders
der Ansatz einer szenischen Nachstellung. Nach einer individuellen
Rezeption
mit schriftlichen Notizen und anschließender Diskussion erfolgt
eine
Konzeption von neuen Bildern, in denen die gesamte Lerngruppe als
Statisten
eingesetzt werden können. An den originalen Standorten in der
Nähe
Ardorfs ließen sich eigene Empfindungen mit Personen in der Natur
nachstellen.
Diese Situationen entsprechend fotografiert, würden zu
unterschiedlichen
Darstellungen führen und in weiteren künstlerischen
Verarbeitungstechniken
eingebettet werden können.
Eine Auseinandersetzung mit dem
Altarbild über die eigene Empfindung zu einem Bild, welches
weitere Schritte
auslösen könnte.
Ardorf liegt vor der Tür.
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Hermann Buß, Jahrgang
1951, lebt und arbeitet als Künstler und Kunstpädagoge seit
1976 in Norden. Seit 1978 hat er mit zahlreichen Gruppen- und
Einzelausstellungen in Deutschland und in den Niederlanden auf sich
aufmerksam gemacht. Buß verbindet in seinen Werken auf beeindruckende Weise neuzeitliches modernes Erleben mit Grundfragen des Menschseins. Ohne fertige Antworten zu geben, bezieht er in seiner Malerei Position, die zu Nachdenken und Widerspruch, zu Meditation und Diskussion einlädt. Spätestens mit der Gestaltung des Altarretabels für die Inselkirche Langeoog wurde er auch mehr als ein Insidertip im kirchlichen Bereich . Es folgten dadurch mehrere Plakatgestaltungen für das Evang. Missionswerk in Deutschland (diese sind zusammen mit Unterrichtsideen in der ARO erhältlich) . Neben verschiedenen Buch-, Katalog- und Zeitschriftenbeiträgen folgte dann 1998 die Gestaltung des Altaraufsatzes in Ardorf. Zur Zeit arbeitet Buß an einem weiteren Altaraufsatz für eine kleine Kapelle der Kirchengemeinde Gerzen-Warzen im Südhannoverschen. Voraussichtlich Mitte 1999 erscheint ein Werkband zu Werken von Hermann Buß im Lutherhaus-Verlag in Hannover. Herausgeber sind Dr. Jürgen Schipper und Lothar Teckemeyer. Das Buch behandelt auf ca. 150 Seiten Hermann Buß als Altarmaler, seine religionspädagogischen Bedeutung und sein allgemeines Werk. |
"Zur Geschichte und Gegenwart
des
Dorfes Ardorf"
Um das Altarbild besser zu
verstehen,
ist es wichtig, einige Informationen über das Dorf zu kennen:
Die Kirchengemeinde Ardorf ist
eine kleine ostfriesische Geestgemeinde am Rande eines Moores mit
derzeit ca.
1250 Gemeindegliedern. Die Menschen lebten hier bis in die 80er Jahre
d.
Jh. überwiegend von der Landwirtschaft auf kleinen Landstellen und
Betrieben
mittlerer Größe.
Mitten im Gebiet der Gemeinde liegt
der Militärflugplatz Wittmundhafen. Schon als Zeppelinflugplatz im
1. Weltkrieg genutzt, prägte er seitdem das Dorf mit. Als 1956 die
Bundeswehr aufgebaut wurde, wurde das Flugplatzgelände
vergrößert und auf die Ortsteile
Heglitz und Webershausen ausgedehnt. Wohnhäuser und Höfe
wurden
abgerissen, die dort lebenden Menschen umgesiedelt und gewachsene
Nachbarschaften
zerstört. Zugleich nahm die Lärmbelästigung durch das
Starten
und Landen der Militärmaschinen drastisch zu.
Es gab Bürgerinitiativen, die
den weiteren Ausbau des Flughafens stoppen wollten; es wurde sogar Land
angekauft und mit Bäumen bepflanzt, das äOsterfeld".
Andererseits wurde das Argument, der Flugplatz schaffe dringend
benötigte Arbeitsplätze, von vielen sehr ernst genommen, und
so hielten sich die Proteste in Grenzen.
Das Kirchengebäude, mitten im Dorf, auf einer Warft gelegen, stammt aus dem 13. Jahrhundert. Es ist eine sehr schlichte, strenge Hallenkirche, die früher einmal eine Apsis hatte, die abgerissen wurde. Bis 1915 besaß sie einen gotischen Flügelaltar, der dann in ein Museum gekommen sein soll. Danach bekam der Altartisch einen Aufsatz aus Stein, der in den 50er Jahren wieder entfernt wurde und von dem 1978 das obere Ende, ein neoromanisches Kruzifix im Glockenturm gefunden und restauriert wurde.

Das Boot unten liegt auf dicken,
spröden Eisschollen, auf dem Trockenen. Schiffe, Boote, brauchen
einen anderen Grund, sonst sind sie bewegungsunfähig. Sie brauchen
Wasser unter dem Kiel, doch Wasser ist weit und breit nicht zu sehen.
Das geschorene Schaf darüber bewegt sich ganz nah am Abgrund, auf glattem Grund, auf Eis. Es ist vor dem Einbruch nicht sicher. In der Mitte ein langer Weg, Glatteis, an einigen Stellen eine festgefahrene Schneedecke, Spurrillen. In weiter Ferne ist ein Mensch unterwegs. Er bewegt sich auf unsicherem Grund. Rechts und links mit dünner Schneedecke überzogene Felder und Wiesen. Die Kargheit des Bodens scheint hervor... Maulwurfshaufen, Gräser, Gestrüpp, Wallhecken, Weidepfähle, Stoppeln eines abgeernteten Maisfeldes,
Schmutz... winterlicher Grund, an einigen Stellen festgefrorener Matsch.
Auf den beiden kleinen Bildsegmenten darunter nur Boden. Rechts liegen die letzten Reste glimmender Glut.
Links sind verdorrte Grashalme zu sehen... vergangenes Leben.
Und ganz oben... Da ist kein Grund zu sehen, nur Himmel, in den die Signalmasten der Einflugschneise des Flughafens ragen. Grundlos.
Es gibt viel Grund zu sehen: Wiesen, Felder, der Weg in der Mitte, das Eis, alles sichtbarer Grund. Das Wort Grund ist doppeldeutig:
Welchen Grund mögen die vielen Menschen links haben, um zum Osterfeuer zu ziehen? Mit dem Feuer - so der Brauch - werden böse Geister vertrieben. Welche dämonischen Kräfte sollen da verschwinden?
Rechts ein Zug elendiger Gestalten, graue, aschfahle Gesichter, Trauer und Schmerz, entsetzte und leblose Fratzen. Warum sind sie so geworden? Welche Gründe gibt es dafür?
Wir können auf Glatteis geraten. Da ist keiner vor Abgründen sicher... wie das Schaf. Und selbst dort, wo alle hinlaufen, muß nicht der richtige Grund sein.
Ich schaue nach wie vor in Christusrichtung, aber ich sehe sogleich auch auf meine Gegenwart. Ich erinnere Christus und Gottes Verheißung und sehe auf dem Altarbild Ausschnitte meines Lebens... Winter... Trauernde, elende Gestalten, einen Einsamen unterwegs... die alte Ziegelei... den Bunker, das Osterfeuer... die Lichtmasten der Einflugschneise... Was ist meine Orientierung, mein Christusgrund in meiner Lebenszeit? Wenn Christusbotschaft und mein Leben zusammenkommen, entsteht Grundlegendes.
Entsteht etwas, was die
Feuerprobe
des Alltags besteht. Einen anderen Grund kann niemand legen
außer
dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
(1. Kor. 1,3 Vers 11)
Auszüge aus : Lothar
Teckemeyer: GRUND - Meditation zum Ardorfer Altaraufsatz (18.01.1998 )
Der vollständige Text der
Meditation ist in der ARO zu bekommen, ebenso kann das Bild des Altars
als farbige
Folie (DM 8,00) gekauft werden.
Impressum:
Arbeitsstelle für Ev.
Religionspädagogik Ostfriesland (ARO), Georgswall 7, 26603 Aurich
Tel.: 04941/96860
Fax: 04941/968621
V.i.S.d.P. Gerhard
Wittkugel, Pastor