A R B E I T S S T E L L E  F Ü R
E V.  R E L I G I O N S P Ä D A G O G I K
O S T F R I E S L A N D
 WERKSTATT KU/RU

 Nr. 68         Gottesdienste mit Schülerinnen und Schülern         Juni 1998  
Literatur zu Schulgottesdiensten;   Schulanfängergottesdienst;   Schulbeginn in der BBS;
Schulgottesdienst zum Bußtag;   Schulgottesdienst zu Pfingsten

Nur hier: Schulanfang - Beobachtungen von Dieter Mithöfer



Gute Nachbarschaft?

Die Kirche lag natürlich mitten im Dorf, in meiner ersten Gemeinde, und die Schule genauso. Zwischen beiden, als deutliche Grenze, ein Fleet, auf dem man im Winter Schlittschuhlaufen konnte; ansonsten kam man da nicht rüber, höchstens mit Umwegen.

Doch, es gab eine kleine Fußgängerbrücke, und über die ging ich junger Pastor nun. Einschulungsgottesdienst stand bevor, und ich fand, den sollten Schule und Kirche am besten gemeinsam bedenken und planen. Klopfen am Lehrerzimmer, fragende Gesichter. Alle waren freundlich und waren sich auch einig, daß sie mit dem Gottesdienst eigentlich nichts zu tun hätten.
Unlust? Unsicherheit?
Waren die LehrerInnen einfach zufrieden mit dieser Arbeitsteilung?
Oder haben sie schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht?

Elsbe Goßmann schreibt in ihrem Buch „Schulgottesdienst" (Rezension siehe S. 2) von einer Lehrerin, die nicht mit ihrer Klasse in den Gottesdienst gehen mag. „Schule ist für mich Schule - und Kirche ist Kirche. Mit der habe ich nichts im Sinn. Lange genug hat sie dort Einfluß genommen, wo es ihr nicht zustand." sagt diese Lehrerin. „Ich sehe darin einen neuerlichen Versuch der Kirche, die Schule zu vereinnahmen. Da mache ich nicht mehr mit!"
Ich kann sie verstehen, und akzeptieren werde ich das sowieso: nicht jede und jeder muß mit Kirche zu tun haben wollen.

Wo berühren sich Schule und Gemeinde?

Die Frage nach Gottesdiensten mit SchülerInnen berührt die allgemeinere Frage nach dem Verhältnis von Gemeinde und Kirche, von Pädagogik und Theologie. Obwohl (oder gerade weil?) die Schule sozusagen aus dem Schoß der Kirche gewachsen ist, gibt es da viele gegenseitige Ängste und Vorurteile oder auch ungute Erfahrungen. Viele Pädagogen sehen einen ungebührlich großen Einfluß der Kirchen in die Gestaltung des Schulfaches Religion und noch darüberhinaus, und viele Kirchenmenschen fürchten, daß die Schule es unterläßt, den jungen Leuten neben Wissenstechniken auch Werte zu übermitteln.

Beide Institutionen, so scheint mir, haben sich jedoch gewandelt, sind weniger dogmatisch geworden. Die Kirchen haben längst erkannt, daß es bei der Arbeit mit jungen Menschen nicht vorrangig um eine Rekrutierung von Gottesdienstteilnehmern gehen kann, und Schule will mehr und mehr nicht mehr nur Vermittlerin von Lernstoff sondern Lebensraum sein, in dem die Kinder Entdeckungen für ihr Leben machen können.
Es geht beiden - zum Glück! - um die Entwicklungsmöglichkeiten der jungen Leute, um deren Zukunft, und das läßt sie oft auf schöne Weise zusammenfinden.
Schulgottesdienste sind eine Aktivität auf der Grenze zwischen beiden Institutionen.

Es gibt Arbeitsgruppen und Symposien, es gibt einen großen Markt an Büchern zum Verhältnis von Schule und Kirche - aber all das ist weit weg.
In Schulgottesdiensten und vor allem in deren Vorbereitung, da begegnen sich konkrete Menschen und nicht Institutionen, Menschen, die im gleichen Ort wohnen, und die ähnliche Fragen, Sorgen, Wünsche und Träume haben.
Und das ist gut!

In meiner ersten Gemeinde z. B. ist das Fleet, die Grenze, natürlich geblieben, aber wir haben in den folgenden Jahren die kleine Brücke oft von beiden Seiten benutzt, gemeinsam gute Ideen gehabt und schöne Gottesdienste erlebt.

Gute Nachbarschaft!
Von einer Zusammenarbeit zwischen den beiden Nachbarn sollten natürlich zuallererst die Schülerinnen und Schüler profitieren, aber auch die beiden Seiten werden etwas davon haben.
So kann die Schule z. B. so etwas wie „Feierkultur" entwickeln, kann ausprobieren, wie sie die jungen Leute bei wesentlichen Übergängen nicht nur mit Gedanken sondern auch mit Ritualen begleiten will und schulische Gemeinschaft auch in festlichem Rahmen ausdrücken und entwickeln.
Die Gemeinde kann durch solche Zusammenarbeit einen neuen Blick für die Kinder und Jugendlichen, für deren Interessen und Fragen gewinnen, kann durch unverbrauchte Ideen von außen ihre dringend notwendige liturgische Erneuerung vorantreiben, und kann lernen, Kirche für andere, vor allem auch für Suchende zu sein.
(Ein Problem bleibt diese Nachbarschaft angesichts der mehr und mehr multikulturellen Gesellschaft. Die Nachbarn müssen lernen, andere Religionen zu berücksichtigen und zu beteiligen und trotzdem nicht in Beliebigkeit zu versinken; doch davon mehr in einer der nächsten Nummern!)

Wie macht man das nun am besten, einen Gottesdienst für SchülerInnen vorzubereiten?
Man braucht nur ein paar
Leute...
und dann eine kleine Idee. Je älter die SchülerInnen sind, um so mehr sollten sie auch bei der Vorbereitung mit dabei sein, und dann geht's schon los!
In diesem Heft haben wir einige erprobte Modelle zusammengetragen und ich danke allen Kollegen und Kolleginnen, die ihre Ideen und Erlebnisse zur Verfügung gestellt haben!

Nun ist das mit Modellen ja so eine Sache. „Bei uns ist das doch alles anders, da kann man das so nicht machen!", sagen manche, und das ist dann ein skeptisches Votum dagegen, überhaupt mit Modellen und Vorschlägen zu arbeiten.
Ich finde, Modelle müssen nicht übertragbar, sondern ansteckend sein. Sie müssen eigene Ideen anregen und Mut machen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einige schöne und fröhliche Infektionen, am besten gleich zu mehreren,

Ihr Gerhard Wittkugel
 
Impressum:
Arbeitsstelle für Ev. Religionspädagogik Ostfriesland (ARO), Georgswall 7, 26603 Aurich
Tel.: 04941/96860 Fax: 04941/968621
http://www.aro-aurich.de
V.d.i.S.P. Gerhard Wittkugel, Pastor
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