Nur hier: Schulanfang
- Beobachtungen von Dieter Mithöfer
Die Kirche lag natürlich mitten im Dorf, in meiner ersten Gemeinde, und die Schule genauso. Zwischen beiden, als deutliche Grenze, ein Fleet, auf dem man im Winter Schlittschuhlaufen konnte; ansonsten kam man da nicht rüber, höchstens mit Umwegen.
Doch, es gab eine kleine
Fußgängerbrücke,
und über die ging ich junger Pastor nun. Einschulungsgottesdienst
stand bevor, und ich fand, den sollten Schule und Kirche am besten
gemeinsam
bedenken und planen. Klopfen am Lehrerzimmer, fragende Gesichter. Alle
waren freundlich und waren sich auch einig, daß sie mit dem
Gottesdienst
eigentlich nichts zu tun hätten.
Unlust? Unsicherheit?
Waren die LehrerInnen einfach
zufrieden
mit dieser Arbeitsteilung?
Oder haben sie schlechte Erfahrungen
mit der Kirche gemacht?
Elsbe Goßmann schreibt in
ihrem
Buch „Schulgottesdienst" (Rezension siehe S. 2) von einer Lehrerin, die
nicht mit ihrer Klasse in den Gottesdienst gehen mag. „Schule ist
für
mich Schule - und Kirche ist Kirche. Mit der habe ich nichts im Sinn.
Lange
genug hat sie dort Einfluß genommen, wo es ihr nicht zustand."
sagt
diese Lehrerin. „Ich sehe darin einen neuerlichen Versuch der Kirche,
die
Schule zu vereinnahmen. Da mache ich nicht mehr mit!"
Ich kann sie verstehen, und
akzeptieren
werde ich das sowieso: nicht jede und jeder muß mit Kirche zu tun
haben wollen.
Wo berühren sich Schule und Gemeinde?
Die Frage nach Gottesdiensten mit SchülerInnen berührt die allgemeinere Frage nach dem Verhältnis von Gemeinde und Kirche, von Pädagogik und Theologie. Obwohl (oder gerade weil?) die Schule sozusagen aus dem Schoß der Kirche gewachsen ist, gibt es da viele gegenseitige Ängste und Vorurteile oder auch ungute Erfahrungen. Viele Pädagogen sehen einen ungebührlich großen Einfluß der Kirchen in die Gestaltung des Schulfaches Religion und noch darüberhinaus, und viele Kirchenmenschen fürchten, daß die Schule es unterläßt, den jungen Leuten neben Wissenstechniken auch Werte zu übermitteln.
Beide Institutionen, so scheint
mir,
haben sich jedoch gewandelt, sind weniger dogmatisch geworden. Die
Kirchen
haben längst erkannt, daß es bei der Arbeit mit jungen
Menschen
nicht vorrangig um eine Rekrutierung von Gottesdienstteilnehmern gehen
kann, und Schule will mehr und mehr nicht mehr nur Vermittlerin von
Lernstoff
sondern Lebensraum sein, in dem die Kinder Entdeckungen für ihr
Leben
machen können.
Es geht beiden - zum Glück! -
um die Entwicklungsmöglichkeiten der jungen Leute, um deren
Zukunft,
und das läßt sie oft auf schöne Weise zusammenfinden.
Schulgottesdienste sind eine
Aktivität
auf der Grenze zwischen beiden Institutionen.
Es gibt Arbeitsgruppen und
Symposien,
es gibt einen großen Markt an Büchern zum Verhältnis
von
Schule und Kirche - aber all das ist weit weg.
In Schulgottesdiensten und vor allem
in deren Vorbereitung, da begegnen sich konkrete Menschen und nicht
Institutionen,
Menschen, die im gleichen Ort wohnen, und die ähnliche Fragen,
Sorgen,
Wünsche und Träume haben.
Und das ist gut!
In meiner ersten Gemeinde z. B. ist das Fleet, die Grenze, natürlich geblieben, aber wir haben in den folgenden Jahren die kleine Brücke oft von beiden Seiten benutzt, gemeinsam gute Ideen gehabt und schöne Gottesdienste erlebt.
Gute Nachbarschaft!
Von einer Zusammenarbeit zwischen
den beiden Nachbarn sollten natürlich zuallererst die
Schülerinnen
und Schüler profitieren, aber auch die beiden Seiten werden etwas
davon haben.
So kann die Schule z. B. so etwas
wie „Feierkultur" entwickeln, kann ausprobieren, wie sie die jungen
Leute
bei wesentlichen Übergängen nicht nur mit Gedanken sondern
auch
mit Ritualen begleiten will und schulische Gemeinschaft auch in
festlichem
Rahmen ausdrücken und entwickeln.
Die Gemeinde kann durch solche
Zusammenarbeit
einen neuen Blick für die Kinder und Jugendlichen, für deren
Interessen und Fragen gewinnen, kann durch unverbrauchte Ideen von
außen
ihre dringend notwendige liturgische Erneuerung vorantreiben, und kann
lernen, Kirche für andere, vor allem auch für Suchende zu
sein.
(Ein Problem bleibt diese
Nachbarschaft
angesichts der mehr und mehr multikulturellen Gesellschaft. Die
Nachbarn
müssen lernen, andere Religionen zu berücksichtigen und zu
beteiligen
und trotzdem nicht in Beliebigkeit zu versinken; doch davon mehr in
einer
der nächsten Nummern!)
Wie macht man das nun am besten,
einen
Gottesdienst für SchülerInnen vorzubereiten?
Man braucht nur ein paar
Leute...
und dann eine kleine Idee. Je
älter
die SchülerInnen sind, um so mehr sollten sie auch bei der
Vorbereitung
mit dabei sein, und dann geht's schon los!
In diesem Heft haben wir einige
erprobte
Modelle zusammengetragen und ich danke allen Kollegen und Kolleginnen,
die ihre Ideen und Erlebnisse zur Verfügung gestellt haben!
Nun ist das mit Modellen ja so
eine
Sache. „Bei uns ist das doch alles anders, da kann man das so nicht
machen!",
sagen manche, und das ist dann ein skeptisches Votum dagegen,
überhaupt
mit Modellen und Vorschlägen zu arbeiten.
Ich finde, Modelle müssen nicht
übertragbar, sondern ansteckend sein. Sie müssen eigene Ideen
anregen und Mut machen.
In diesem Sinne wünsche ich
Ihnen
allen einige schöne und fröhliche Infektionen, am besten
gleich
zu mehreren,