A R B E I T S S T E L L E  F Ü R
E V.  R E L I G I O N S P Ä D A G O G I K
O S T F R I E S L A N D
 WERKSTATT KU/RU

Nr. 67         Thema: Schuld - Vergebung        März  1998 
Unterrichtsbaustein: Keine Schuld ohne Maßstäbe;    Literatur: Erikson    Unterrichtsbaustein: zum Schalksknecht;
Symbolhandlungen: Vergeben und Vergessen

"Muß man als Christ immer ein schlechtes Gewissen haben? "

In einer Klasse der Sozialpädagoginnen steht diese Frage im Raum. Ich bin versucht, vorschnell zu reagieren: äNatürlich nicht! Die christliche Botschaft ist doch eine frohe Botschaft." Aber ich halte mich zurück, frage nach, wie sie denn darauf kommen. In der Kirche wird immer so viel von Sünden geredet. Man soll doch die Gebote einhalten, wird gepredigt, und das kann ich nicht. "Der liebe Gott sieht alles." Manche Eltern erzählen das ihren Kindern. Da bekommen die Kinder Angst vor Gott. Eine Schülerin betont sogar: Ich möchte die Kinder nicht ächristlich" erziehen, denn dann muß ich denen doch beibringen, daß sie sich schuldig fühlen müssen.

Wir sprechen über das Gottesbild des richtenden, strafenden Gottes, das es in der christlichen Tradition gibt und offensichtlich - immer noch - in der Erziehung eingesetzt wird. Dazu diskutieren wir über einen Text von Tilman Moser aus seinem Buch "Gottesvergiftung." "Aber weißt du (Gott), was das Schlimmste ist, das sie mir über dich erzählt haben? Es ist die tückisch ausgestreute Überzeugung, daß du alles hörst und alles siehst und auch die geheimen Gedanken erkennen kannst."
 

R³ckgratverkr³mmung "Und hier sehen sie die Wirbelsäule eines Menschen, der 23 Jahre intensiv mit Christentum behandelt wurde." 

(abgw. nach Lehrerzeitung B.-Würtemberg 5/77)
 

Wir bearbeiten verschiedene Bibelstellen, die von dem liebevollen Gott reden, der Schuld vergibt. z.B.: "Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm." (1. Joh.4,16) Aber auch hier haben die Schülerinnen den Verdacht, daß dahinter die Drohung steckt: Wer nicht in der Liebe Gottes bleibt - ist der Gott fern und wird der bestraft? Aber LIEBE ist doch hier das Hauptwort. Ein liebevoller Gott, der ist gerne bereit zu verzeihen, der nimmt schwache, fehlerhafte Menschen immer wieder an.
Aber da kommt ein anderer Einwand: Wenn Gott einfach so vergibt, kann dann nicht jeder tun, was er will? Die Schülerinnen ahnen, daß die Botschaft von der befreienden Gnade Gottes äetwas Unmoralisches" an sich hat. Man muß Kindern doch Grenzen setzen, sagen einige der zukünftigen Kindergärtnerinnen. Und wenn sie die Grenze überschreiten? Wird dann bestraft? Nein, Strafe nicht! Aber konsequent muß man doch sein. Man kann nicht alles durchgehen lassen. Wir halten fest: Wie bekommen wir das zusammen? Wir besprechen die Geschichte von dem verlorenen Sohn (Lukas 15). Da ist ein Vater mit zwei Söhnen. Der Jüngere verlangt und bekommt sein Erbteil ausbezahlt und geht von zu Hause weg. Er bringt das Geld durch und als es ihm richtig dreckig geht - er muß die Schweine hüten und man gibt ihm noch nicht einmal das Schweinefutter -, da denkt er sich: Zu Hause bei meinem Vater da könnte ich wenigstens als Tagelöhner arbeiten. Er kehrt zurück. Sein Vater sieht ihn schon von ferne kommen, läuft ihm entgegen und nimmt ihn mit offenen Armen auf. Ein Fest wird gefeiert, weil der Vater sich so sehr freut, daß er den verlorenen Sohn wieder hat. Wir können gut verstehen, daß das dem älteren Bruder überhaupt nicht gepaßt hat: Wie kann der Vater den heruntergekommen Bruder einfach wieder als Sohn annehmen? Dann ist ja alles umsonst, was ich über viele Jahre für den Vater geleistet habe. Diese äLiebe" des Vater ist sehr ungerecht. Wäre es also gerechter gewesen, den jüngeren Bruder nur als Tagelöhner einzustellen oder ihm die Tür zu weisen? In der Klasse sind die Meinungen geteilt: Die einen sagen: Der hat seinen Sohn einfach lieb, der mußte ihn aufnehmen. Die anderen entgegnen: Für den Älteren ist das aber unmöglich. Jetzt geht der vielleicht weg und dann ist der Vater den anderen Sohn los.

Anscheinend gibt es keine logisch stimmige Lösung. Aber eine Richtung ist doch erkennbar: Wir alle brauchen liebevolle Zuwendung. Wir können nur leben, wenn wir trotz unserer Schwächen angenommen werden, wir gingen zugrunde, wenn wir unsere Fehler immer vorgehalten bekämen. Durch Liebe sind wir entstanden und von Liebe leben wir. Und: Meinen Sie nicht, daß die liebevolle Aufnahme den jüngeren Bruder verändert hat? Auch wir werden durch Liebe verändert. Wer Liebe erfahren hat, wird sich liebevoll verhalten. Wenn es uns richtig leid tut, wenn wir etwas falsch gemacht haben, dann machen wir doch nicht einfach weiter wie bisher. Eine Erziehung mit Strafen und Drohungen macht ängstliche Menschen. Wenn wir mit Liebe erziehen, geben wir die Hoffnung nicht auf, daß Menschen von innen heraus stark werden, freiwillig die Grenzen anderer achten, mutig dafür einstehen, was ihnen und anderen gut tut. Und dann brauchen wir auch nicht ängstlich darauf zu achten, wir könnten hier oder da etwas falsch machen. äPecca fortiter!" äSündige tapfer!" sagte Luther. Ich darf ein schwacher, angefochtener Mensch bleiben und doch vertrauensvoll und zuversichtlich von Liebe leben.

Friedrich-August Schaefer
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