Zum Relief von Otto Münch

Auf einer Bronzetür, der sogenannten "Bibeltür" des Großmünsters in Zürich, hat der Bildhauer Otto Münch eine Reihe von biblischen Szenen dargestellt, die thematisch geordnet sind. Unter anderem finden sich darauf Darstellungen zu den Geboten und zum Unser-Vater. Eine Szene ist hier dargestellt - die fünfte Bitte: "Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern." Diese Bitte wird durch die künstlerische Gestaltung des Gleichnisses vom Schalksknecht (Mt 18,23-34) veranschaulicht. (Die folgenden Überlegungen schließen sich an an: Lieselotte Corbach, Vom Sehen zum Hören, Göttingen 1976, und Walter E. Meyer, Gnade vor Recht, RL Zürich, 2/81). Das Auge wird sofort von der dominierenden Gestalt in der rechten Bildhälfte festgehalten. Haltung und Gesichtszüge lassen keine Zweifel daran, daß der Mann den friedlichen Bitten des vor ihm knieenden mit einem harten Herzen entgegensteht. Man kann eine solche Haltung als verabscheuungswürdig und empörend empfinden. Wer das Gleichnis kennt, wird allerdings zugestehen müssen, daß der Mann für sein Verhalten dem Mitknecht gegenüber ein Recht in Anspruch nehmen kann. Er hat eine rechtmäßige Forderung an den Mitknecht. Nun besteht er auf seinem Recht. Er will nichts als eine Schuld eintreiben und verfährt dabei nach dem Maßstab der Gerechtigkeit, der in dieser Welt gilt.
Die Sache stellt sich aber sofort anders dar, wenn man sich der kleinen Szene zuwendet, die in der oberen Bildhälfte dargestellt ist. Vor dem sitzenden König steht derselbe Mann, der im Vordergrund so eiskalt da steht. Er müßte eigentlich auch so elend daliegen wie der Mann in der Bildmitte. Er hat auch so dagelegen. Der Künstler hat aber nicht diesen Augenblick, sondern den darauffolgenden festhalten wollen. Im Hintergrund steht der Mann, weil er vom König aufgerichtet wurde. Große Schuld und wohlverdiente Strafe sind ihm gerade erlassen worden. Er hat vom König nicht die Gerechtigkeit dieser Welt erfahren, sondern eine unbegreifliche Barmherzigkeit. Absichtlich hat der Künstler den Knienden im Vordergrund genau unter dem im Hintergrund Stehenden modelliert. Der Knieende schreit nach Gnade, die über ihm gerade so großzügig gegeben wurde. Von seinem Fuß aus rankt sich links ein Weinstock mit Trauben empor und faßt das Gnadengeschehen im Hintergrund ein: hier ist Leben, aber die kahle Wand rechts, vor der der Gerechtigkeit Fordernde steht, ist leer und tot.
Didaktische Erwägungen
Die SchülerInnen hätten Mühe
mit der moralischen Aussage: Gott vergibt uns, also müssen auch wir
anderen vergeben. Der Satz "Gott vergibt uns" klingt wie eine Behauptung,
zu der die Erfahrung noch fehlt. Aber der Erzählablauf und die Art und
Weise, wie Jesus das Erzählte miterleben läßt, gibt zu
spüren, was Vergebung heißt. So übergroße Vergebung
erfahren zu haben und dann doch gleichzeitige auf dem Rechtsstandpunkt zu
beharren, wird als widersinnig nachempfunden. Auch das Relief macht in der
Spannung zwischen Vorder- und Hintergrund aus dem guten Recht, das man zu
haben glaubt, eine Lieblosigkeit. Die Gestalten im Vordergrund stehen exemplarisch
für alle zwischenmenschlichen Beziehungen, die bloß auf gutem
Recht beruhen. So legt sich didaktisch nahe, mit den SchülerInnen auch
mit dem "Vordergrund", also den zwischenmenschlichen Beziehungen zu beginnen
und erst dann - anders als das Gleichnis - den Hintergrund , die Möglichkeit
der Gnade (Gottes) zu erschließen.
