Schulanfang - Beobachtungen von Dieter Mithöfer
Es ist seit Jahren Usus:
Am Einschulungstag werden die Kinder zusammen mit ihren Eltern in die schöne große Kirche im Zentrum des Ortes geladen.
Die Kirchengemeinde organisiert und bezahlt die Beförderung mit dem Bus von den acht Grundschulen zum Gotteshaus.
Auf dem Kirchenparkplatz und den Straßen ringsum bricht der Verkehr zusammen , denn nicht nur aus den Bussen strömen die Gottesdienstbesucher; viele sind auch mit dem eigenen Auto gekommen samt Oma, Opa und weiteren Verwandten.
Vor dem Kircheneingang stauen sich die Menschen: schicke junge Mütter, nach der neuesten Mode gekleidet und gestylt, junge Väter mit gepflegtem 3-Tage-Bart und Videokamera, elegante Großmütter und Großväter, ihre adrett herausgeputzten Enkel an der Hand.
Alles drängt in die Kirche hinein.
Drinnen müssen schließlich etliche Leute sogar noch stehen, obwohl für über 500 Besucher Sitzplätze vorhanden sind und viele Kinder zunächst lieber auf dem Schoß eines Erwachsenen sitzen - vielleicht, um Unsicherheit zu bekämpfen, vielleicht aber auch damit man besser sehen kann in diesem merkwürdigen Gebäude, wo alle in dieselbe Richtung gucken sollen; so stehen jedenfalls die Bänke.

Aber - auf Bänke kann man sich auch stellen und dann umherschauen und all die Merkwürdigkeiten registrieren:
Da gibt es zum Beispiel Omas und Opas, die sich gar nicht sofort hinsetzen; nein: sie legen ihre Hände vor dem Bauch übereinander, senken den Kopf, und ihre Lippen bewegen sich. Dann erst setzen sie sich.
Und vorne steht so eine Schale auf einem Sockel, und dann ist da ein Balkon im Haus, und unter dem Balkon steht ein Tisch mit einem weißen Tuch darauf und Blumen und Kerzen und einem Kreuz; da hängt Josef oder Martin oder wie heißt der noch? dran. Im Kindergarten haben sie doch schon mal davon erzählt.

Weihnachten, als einige schon mal mit Oma und Opa in der Kirche waren, ist der gar nicht aufgefallen. Aber da ging es ja wohl auch ums Christkind, und ein riesengroßer Tannenbaum war auch da, und alle haben ganz schön gesungen, besonders zum Schluß bei Odufröhliche. Trotzdem hatten Oma und Opa gesagt, dass sie nächstes Jahr nicht mehr in die Kirche wollten, weil die Pastoren einem die ganze Stimmung mit ihrer Predigt kaputt machen.
Inzwischen ist ein Höllenlärm im Gotteshaus.
Mitgebrachte kleinere Geschwister brüllen aus Leibeskräften, weil es ihnen zu laut ist.
Es ist gut, dass die Kirche eine Lautsprecheranlage hat: der Pastor hätte sonst keine Chance, sich Gehör zu verschaffen.
Alle Schulanfänger sollen doch mal ihre Tüten hochhalten, damit man sehen kann, wie viele da sind. Und dann fragt er noch, ob wohl Lehrer anwesend seien. Nach längerem Suchen entdeckt man wenige ältere Damen und Herren, die aufgestanden sind und , wegen ihrer geringen Anzahl verschämt, die Hand heben.
Der Kantor hat sich mit den Kindergärten abgesprochen, welche Lieder dort bekannt seien; vorsichtshalber singt er sie aber erst einmal allein vorweg; dennoch sind es auch später vorwiegend seine und die Stimme des Pastors, die man singen hört. Der Rest taugt nicht mal zum Background-Chor.
Dafür werden die Lieder kakophonisch untermalt vom Klicken der Fotoapparate und dem Surren der Video-Kameras.

Um nun doch etwas Gemeinschaftsgefühl aufkommen zu lassen, darf bei einigen Liedern geklatscht, gestampft, gepfiffen werden.
Manche Oma, mancher Opa guckt etwas irritiert; die jungen Eltern machen mit, den Blick eher unsicher auf ihre Sprösslinge gerichtet, ob diese auch animiert sind.
Der Pastor erzählt eine Geschichte mit Bildern, die von einer Kindergottesdienstmitarbeiterin an den richtigen Stellen hochgehalten werden. Der Pastor kennt viele Lehrer.
Leider sind die Bilder trotz Vergrößerung zu klein, um von hinten gesehen werden zu können; außerdem werden schon in den mittleren Reihen die Kinder auf die Bänke gestellt, damit sie richtig gucken können.
Soweit etwas zu verstehen ist, geht es um einen Vogel, der Angst vorm Fliegen hat und dem seine Angst auf - zumindest akustisch - unverständliche Weise genommen wird.
Anschließend wird den offensichtlich sehr munteren Einschülern in einem Gebet zugesprochen, dass Jesus ihnen ihre Angst nehme.
Beim Vaterunser übernehmen zusammen mit dem Pastor einige sichere ältere Stimmen die Führung.

Die Kleinen werden unruhiger - soweit dies möglich ist.
Nach dem Segen strömt alles, irgendwie erleichtert dreinblickend, zu den Fahrzeugen.

In seiner Begrüßungsansprache nimmt der Schulleiter den Faden auf und kommt noch einmal auf das Thema Angst vor der Schule und den Lehrern zurück; die Großeltern, Onkel, Tanten und Eltern schauen verständnisvoll.
Die Einschüler haben offenbar nur Angst davor, dass diese Zeremonien nie zu Ende gehen.

Dennoch - ganz am Rande war es schön, an so einem wichtigen Tag auch in der Kirche gewesen zu sein; das macht das erst so richtig feierlich ....wie bei der Taufe....oder der Hochzeit....oder der Beerdigung......
Dieter Mithöfer, An der Kleinbahn 14, 26817 Rhauderfehn, Tel. und Fax 04952 - 8 22 01
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