Aber - auf Bänke kann man sich auch stellen
und dann umherschauen und all die Merkwürdigkeiten registrieren:
Da gibt es zum Beispiel Omas und Opas, die sich
gar nicht sofort hinsetzen; nein: sie legen ihre Hände vor dem Bauch
übereinander, senken den Kopf, und ihre Lippen bewegen sich. Dann
erst setzen sie sich.
Und vorne steht so eine Schale auf einem Sockel,
und dann ist da ein Balkon im Haus, und unter dem Balkon steht ein Tisch
mit einem weißen Tuch darauf und Blumen und Kerzen und einem Kreuz;
da hängt Josef oder Martin oder wie heißt der noch? dran. Im
Kindergarten haben sie doch schon mal davon erzählt.
Weihnachten, als einige schon mal mit Oma und Opa
in der Kirche waren, ist der gar nicht aufgefallen. Aber da ging es ja
wohl auch ums Christkind, und ein riesengroßer Tannenbaum war auch
da, und alle haben ganz schön gesungen, besonders zum Schluß
bei Odufröhliche. Trotzdem hatten Oma und Opa gesagt, dass sie nächstes
Jahr nicht mehr in die Kirche wollten, weil die Pastoren einem die ganze
Stimmung mit ihrer Predigt kaputt machen.
Inzwischen ist ein Höllenlärm im Gotteshaus.
Mitgebrachte kleinere Geschwister brüllen aus
Leibeskräften, weil es ihnen zu laut ist.
Es ist gut, dass die Kirche eine Lautsprecheranlage
hat: der Pastor hätte sonst keine Chance, sich Gehör zu verschaffen.
Alle Schulanfänger sollen doch mal ihre Tüten
hochhalten, damit man sehen kann, wie viele da sind. Und dann fragt er
noch, ob wohl Lehrer anwesend seien. Nach längerem Suchen entdeckt
man wenige ältere Damen und Herren, die aufgestanden sind und , wegen
ihrer geringen Anzahl verschämt, die Hand heben.
Der Kantor hat sich mit den Kindergärten abgesprochen,
welche Lieder dort bekannt seien; vorsichtshalber singt er sie aber erst
einmal allein vorweg; dennoch sind es auch später vorwiegend seine
und die Stimme des Pastors, die man singen hört. Der Rest taugt nicht
mal zum Background-Chor.
Dafür werden die Lieder kakophonisch untermalt
vom Klicken der Fotoapparate und dem Surren der Video-Kameras.
Um nun doch etwas Gemeinschaftsgefühl aufkommen
zu lassen, darf bei einigen Liedern geklatscht, gestampft, gepfiffen werden.
Manche Oma, mancher Opa guckt etwas irritiert; die jungen
Eltern machen mit, den Blick eher unsicher auf ihre Sprösslinge gerichtet,
ob diese auch animiert sind.
Der Pastor erzählt eine Geschichte mit Bildern,
die von einer Kindergottesdienstmitarbeiterin an den richtigen Stellen
hochgehalten werden. Der Pastor kennt viele Lehrer.
Leider sind die Bilder trotz Vergrößerung
zu klein, um von hinten gesehen werden zu können; außerdem werden
schon in den mittleren Reihen die Kinder auf die Bänke gestellt, damit
sie richtig gucken können.
Soweit etwas zu verstehen ist, geht es um einen
Vogel, der Angst vorm Fliegen hat und dem seine Angst auf - zumindest akustisch
- unverständliche Weise genommen wird.
Anschließend wird den offensichtlich sehr
munteren Einschülern in einem Gebet zugesprochen, dass Jesus ihnen
ihre Angst nehme.
Beim Vaterunser übernehmen zusammen mit dem
Pastor einige sichere ältere Stimmen die Führung.
Die Kleinen werden unruhiger - soweit dies möglich
ist.
Nach dem Segen strömt alles, irgendwie erleichtert
dreinblickend, zu den Fahrzeugen.
In seiner Begrüßungsansprache nimmt der
Schulleiter den Faden auf und kommt noch einmal auf das Thema Angst vor
der Schule und den Lehrern zurück; die Großeltern, Onkel, Tanten
und Eltern schauen verständnisvoll.
Die Einschüler haben offenbar nur Angst davor,
dass diese Zeremonien nie zu Ende gehen.
Dennoch - ganz am Rande war es schön, an so
einem wichtigen Tag auch in der Kirche gewesen zu sein; das macht das erst
so richtig feierlich ....wie bei der Taufe....oder der Hochzeit....oder
der Beerdigung......
Dieter Mithöfer, An der Kleinbahn
14, 26817 Rhauderfehn, Tel. und Fax 04952 - 8 22 01
<--zurück!