Warum ich "trotzdem" gerne Religion unterrichte
Zu der Zeit, als wir selbst Kinder waren, wurden Werte, Sinnerfahrungen und feste Praktiken des Lebens in einer wesentlich stärker von der christlichen Kultur geprägten Gesellschaft einfach von einer Generation zur anderen weitergegeben. Heute - in einer völlig anders strukturierten Gesellschaft - ist diese Weitergabe so nicht mehr möglich und jeder einzelne ist gezwungen, in der geistigen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen, Sinnangeboten und Glaubensüberzeugungen die eigene Wirklichkeit und Identität zu finden.
Glaubensvermittlung geschieht heute nicht mehr durch "Belehren", sondern durch Erzählen, Gestalten, Zeigen und Erfahren, wodurch Situationen geschaffen werden, in denen sich Kinder selbst wiederfinden können und zum Glauben gelangen können.
Das stellt mich einerseits vor eine große Herausforderung als Religionslehrerin, eröffnet mir aber auch eine Vielzahl neuer Möglichkeiten Unterricht "ganz anders" zu gestalten. Sich der Herausforderung zu stellen auf Kinderfragen einzugehen, sie ernst zu nehmen, ja sich auch von ihnen provozieren zu lassen, ist manchmal gar nicht so einfach, weil es auch gar nicht so einfach ist, unseren Glauben in eine Sprache zu fassen, die ein Kind verstehen kann. Dazu kommt, dass es auch absolut nicht genügt, dogmatisch korrekte Antworten in eine kindgemäße Sprache zu übersetzen. Im Mittelpunkt stehen muss immer das Kind mit seinen jeweiligen Erfahrungen, seinen Bedürfnissen und seiner Entwicklung.
Die unvoreingenommene Art von Kindern, wie sie an Dinge herangehen, wie sie beobachten, Fragen stellen, und wie sie auch beharrlich am Thema bleiben, ruft dazu auf, manche verfestigte Vorstellungen neu zu hinterfragen und aufzubrechen.
Unsere eigene Glaubenserfahrung war teilweise geprägt durch Furcht, Angst, Schuldgefühle und schlechtes Gewissen, weil der Gott, von dem uns unsere religiösen Erzieher erzählt haben meistens ein unerbittlicher "Normengott" war, ein ständig alles kontrollierender "Big Brother", der alles Böse in uns schon zu bestrafen schien, noch bevor uns selbst der Gedanke dazu gekommen war.
Dieser "Angstmacher-Gott" hat uns zum Teil massiv daran gehindert uns selbst und somit auch andere wirklich anzunehmen. Er hat uns unser Selbstwertgefühl genommen und damit auch die Chance zu beglückenden menschlichen Beziehungen und zu einer befreienden und vertrauensvollen Gottesbeziehung.
Es ist höchste Zeit, damit endlich aufzuhören!
Auch rein pädagogisch betrachtet muss der Weg von Jesus her zu den "Ge-boten" führen und nicht umgekehrt. Es hat keinen Sinn, einem Kind zunächst einmal die "Ver-bote" um die Ohren zu schlagen und sie damit taub zu machen für das anschließend schüchtern vorgebrachte Evangelium, - die FROHE Botschaft.
Das Gottesbild, das es zu vermitteln gilt heißt: Du bist angenommen - deshalb kannst du auch die anderen annehmen.
Das ist nicht nur pädagogisch und psychologisch "gut", sondern auch im Sinne des neutestamentlichen Jesusbildes.
Statt Angst - LiebeDies hat für mich als religiöse Erzieherin, als Glaubensvermittlerin aber auch zur Konsequenz, dass ich mich nicht davor scheuen darf, auch heiße theologische Eisen anzufassen und mich nicht auf die beliebten und bequemen - weil ja auch so ungefährlichen - althergebrachten Positionen zurückziehen darf.
Das Servieren von Standardantworten aus der "theologischen Mottenkiste" sind dann genauso verboten wie die zwanghafte Fixierung auf religiöse Vorstellungen und Riten. Und wo sich so etwas möglicherweise bereits eingeschlichen hat, gilt es, das wieder aufzubrechen.
Und damit sind wir bei den Möglichkeiten, die mir der Religionsunterricht im Unterschied zu den Fächern bietet, in denen die reine Wissensvermittlung eher im Vordergrund steht.
Kinder müssen mit den Gott- und Jesusgeschichten, die ihnen angeboten werden, möglichst umfassende Erfahrungen machen können. Sie müssen spüren können, dass diese alten Geschichten uns auch heute noch etwas zu sagen haben und in unseren Alltag hineinwirken.
Dabei geht es darum, im Religionsunterricht Methoden anzuwenden, die über die geistige Wissensvermittlung weit hinausgehen, die Kinder aber in ihrer jeweiligen Lebenssituation antreffen und begleiten.
Theologische Themen können durchaus zunächst scheinbar völlig untheologisch angegangen werden. Fächerübergreifende Zusammenarbeit beispielsweise mit Musik, Kunst oder Sachkunde machen den tieferen Zusammenhang vielleicht erst nach und nach begreifbar.
Aber warum nicht das Thema "Schöpfung" zunächst mit allen fünf Sinnen erfahrbar machen (wie riecht Gras?, wie fühlt sich Erde an?, wie schmeckt eigentlich Wasser?, wie hören sich Bäume an?, wie sieht eine Ameise genau aus?)?
Wenn Kinder die Schöpfung mit ihrem ganzen Körper erfahren (und nicht nur aus der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments kennen) ist es leichter zu begreifen, wie phantastisch die Natur ist, welches unglaubliche Wunder hinter ihrer Entstehung steckt.
Und dann wird es auch selbstverständlicher, dieses Wunder zu schützen und zu bewahren.
Warum nicht ein Thema aus dem Religionsunterricht (z.B. Freundschaft) als Kindermusical gestalten? Kann man dabei nicht den Wert der Freundschaft und des Aufeinanderangewiesenseins in gemeinsamem Üben und Erarbeiten viel besser erfahren als durch theoretisches Belehren?
Und warum nicht einmal den Weg zur Krippe in Form eines überdimensionalen Gemeinschaftsbildes oder als kreative Gestaltungsarbeit erfahrbar machen?
Dabei bleibt die reine Wissensvermittlung keinesfalls auf der Strecke.
Wenn Kindern immer wieder die Möglichkeit gegeben wird, Religionsunterricht auf die beschriebene Weise zu er-leben, sind sie auch bereit, zwischendurch sich wochenlang mit der Entstehung der Bibel zu beschäftigen oder sich damit auseinanderzusetzen, warum es evangelische und katholische Christen gibt.
Und dass diese Kinder auch noch freiwillig lernen, um bei einer durchaus anspruchsvollen schriftlichen Lernkontrolle gut abzuschneiden, macht die Frage, warum ich "trotzdem" gerne Religion unterrichte, eigentlich überflüssig.
Zum Schluss noch ein Beispiel aus dem Schulalltag, das alles Gesagte auf ganz einfache Weise auf den Punkt bringt:
Nachdem mehrere Religionsstunden hintereinander ausfallen mussten, traf ich einen meiner Schüler im Flur und er fragte mich, ob wir denn heute wieder Reh hätten. Als ich das verneinte, reagierte er klar und deutlich mit den Worten: "Verdammte Scheiße".
Also: nicht "trotzdem" - sondern "gerade weil"!
Birgit Hensel, Rhauderfehn