Keine Schuld ohne Maßstäbe:
"Alligator-River"

(Klaus Vopel, Bernhard Wilde)

Ich kann über Schuld nicht reden, wenn ich nicht überlege, woran ich sie überhaupt messe. Ich kann mein eigenes Verhalten und das der anderen nicht beurteilen, ohne nach meinen eigenen Maßstäben zu fragen.

Die meisten Menschen, auch Jugendliche, neigen dazu, solche Maßstäbe als schon immer gegeben hinzunehmen. Wir übersehen viel zu oft, daß andere Menschen vielleicht ganz andere Maßstäbe haben, und daß wir selbst bei genauerem Hinsehen manchen Maßstab vielleicht gar nicht behalten wollen. Es kann deshalb sehr hilfreich sein, diese Maßstäbe einmal genauer anzuschauen, zu überprüfen und dann zu entscheiden, ob ich diese Maßstäbe denn überhaupt so akzeptieren will. Auch beim Umgang mit eigenen Schuldgefühlen ist eine solche Überprüfung oft überraschend heilsam.

Mit der gleich kurz angedeuteten Übung habe ich in verschiedensten Lerngruppen (KonfirmandInnen, Erwachsenen, SchülerInnen) viele positive Erfahrungen gemacht. Immer entstand dadurch eine rege bis heftige Diskussion über Maßstäbe und Schuld, über Moral, Liebe und manchmal auch Sexualmoral bis weit in die Pausen oder das Mittagessen hinein.

Die Folge war ebenso regelmäßig auch eine Nachdenklichkeit gegenüber dem eigenen inneren Richter oder der eigenen "Unnachgiebigkeit" gegen mich selbst und gegen andere. Übrigens habe auch ich jedesmal einen neuen Aspekt, ein neues Aha-Erlebnis gehabt, je nachdem in was für einer Phase ich mich selbst gerade befand.

Die Übung:
Die TeilnehmerInnen erhalten in dieser Übung die Aufgabe, das Verhalten der Personen der verzwickten Geschichte Alligator-River zu beurteilen, und zwar so:
"Schreibt die Namen der in der Geschichte vorkommenden Personen auf, und zwar ganz oben die Person, deren Verhalten ihr am meisten mißbilligt, und am Ende die Person, deren Verhalten ihr am meisten billigt. Dahinter schreibt jeweils den Maßstab, an dem ihr das Verhalten gemessen habt."
Daran schließt sich eine Diskussion, zunächst in Kleingruppen, dann im Plenum an.

Die Geschichte:
In einem fernen Land lebte ein Mädchen mit dem Namen Abigail. Sie liebte Gregor, einen jungen Mann, der auf der anderen Seite eines breiten Stromes lebte. In dem Fluß gab es eine Unmenge von Krokodilen, die oft am Ufer das Vieh ins Wasser zogen, wenn es zum Trinken kam, und gelegentlich auch Frauen und Kinder, die Wasser holten oder Wäsche wuschen. Abigail hatte große Sehnsucht, Gregor wiederzusehen. Leider hatte ein schweres Unwetter die schmale Brücke über den Fluß fortgespült.

Daher ging Abigail zu Sindbad, dem Fährmann, und bat ihn, sie überzusetzen. Sindbad war dazu bereit, stellte jedoch die Bedingung: äDu mußt vorher mit mir schlafen". Das lehnte Abigail empört ab.

Sie lief zu einem Freund, Ivan mit Namen, um ihm von ihrer mißlichen Lage zu erzählen. Ivan wollte jedoch mit der ganzen Sache nichts zu tun haben und schickte sie wieder fort.

Abigail, deren Sehnsucht nach Gregor überaus groß war, war klar, daß sie Sindbads Forderung annehmen mußte, wenn sie zu Gregor kommen wollte. Sie ging zu Sindbad.

Sindbad hielt sein Versprechen und brachte sie ans andere Ufer.

Nachdem sich Abigail und Gregor zärtlich umarmt hatten, erzählte Abigail, was sich zwischen ihr und Sindbad zugetragen hatte. Voller Verachtung stieß Gregor sie zurück und schickte sie weg.

Unglücklich und enttäuscht lief Abigail zu Slug, einem anderen Freund, um ihm ihr Leid zu klagen. Slug hörte sich voller Mitleid die Geschichte an, ging empört zu Gregor und verprügelte ihn brutal.

Abigail war froh, als sie sah, daß Gregor das bekam, was er ihrer Meinung nach verdient hatte. Als die Sonne am Abend unterging, hörte man Abigail über Gregor lachen.

Die Übung ist dem Buch "Glaube und Selbsterfahrung im Vaterunser" entnommen, das K.W. Vopel als Interaktionstrainer gemeinsam mit dem Theologen Bernhard Wilde entwickelt hat. Es enthält eine Vielzahl von Übungen zu den einzelnen Bitten des Vaterunsers, aber auch z.B. zum Beten und zum "Vater-Sagen". Obwohl bereits zwanzig Jahre alt, scheint mir dieses Buch immer noch sehr empfehlenswert und praktikabel, auch wenn man/frau natürlich nicht alle Übungen so übernehmen kann.

Auch wer nur die hier angedeutete Übung in seinen Gruppen einsetzen möchte, dem sei zur eigenen Vorbereitung ein Blick in die sehr praxisnahen Anleitungen dieses Buches empfohlen, es ist in der ARO auszuleihen.

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