Vergeben und Vergessen?
Das muß erfahren werden!
Versuche zu handelndem Erleben von
Vergebung
Unmodern und nicht mehr zeitgemäß
ist für viele so etwas wie Beichte und Schuldvergebung. Trotzdem ist
es ja nicht so, daß sich etwa heutzutage weniger Menschen schuldig fühlen.
Die Behandlung des Themas "Schuld" im
Rahmen von Unterricht birgt die Gefahr, daß die eigene Verstrickung
nur marginal deutlich wird und insbesondere die Rede von der "Gnade" und der
"Vergebung" bestenfalls als interessantes Denkmodell wahrgenommen werden kann.
Um wirklich zu spüren, daß
eine Last von mir weggenommen ist, brauche ich einen direkten Zuspruch oder
eine symbolische Handlung.
Zwei Versuche will ich andeuten:
- In einem Konfirmandenferienseminar
haben wir über Schuld erst gesprochen, nachdem wir viele Tage miteinander
gelebt haben. So war manche offene Äußerung möglich, und damit
oft die Erfahrung "die anderen finden das ja gar nicht so schlimm, und mögen
mich trotzdem". Trotzdem hat jede und jeder von Schuld und Scham in einem
ganz privaten Brief geschrieben und jede(r) hat seinen in einer kleinen Zeremonie
am Bergbach verbrannt, die Asche vertrieb der Wind.
(Möglich wär auch eine Schale im Gruppenraum oder das Taufbecken
einer Kirche mit Anzünden an der Osterkerze).
- Bei einem Seminar mit Erwachsenen
auf einem Segelschiff, hat jede(r) aus seinem beschrifteten Bogen eine Origami-Blüte
gefaltet, aus der dann eine äSchuld-Weltkugelä zusammengenäht
wurde. Diese große Kugel wurde dann bei großer Stille ins Meer
gegeben, trieb später bei Einsetzen des Ebbstroms nochmal an uns vorüber
und verschwand.
Bei diesen Ideen (Ihnen werden sicher
eigene einfallen z.B. zum Begraben in der Erde, Anheften schwarzer Flecke
an ein Kreuz usw.) geht es um drei Dimensionen der Erfahrung:
- Meine Privatsphäre wird geschützt,
ich muß nichts offenbaren, was ich nicht will.
- Ich erlebe in einer Handlung, daß
meine Last konkret symbolisch weggenommen wird. Auch wenn ich meine Schuld
nicht vergesse, sie wird mir - vorläufig oder endgültig - abgenommen!
- Ich erfahre Solidarität in
meiner Schuld. Ich bin ja gar nicht der einzige, den etwas belastet, die
anderen erleben ähnliches neben mir.
Solche Symbolhandlungen sind Annäherungen
oder Verweise, die erlebbar machen, was die Rede von Gnade und Vergebung bedeuten
können. Es versteht sich von selbst, daß solche Erlebnisse nicht
ihren Platz in einer kurzen Wochenstunde Religiondunterricht haben können,
sondern auf Freizeiten oder in besonderen Gottesdiensten.
Gerhard Wittkugel
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