Kirche / Kunst / Kultur 

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Kirche braucht Kunst - und Kunst braucht Kirche 

 

Eine aufregende Partnerschaft

Dr. Julia Helmke
Dr. Julia Helmke
Voraussetzungen und Entwicklungen

I) Die protestantische Kirche versteht sich als eine „Kirche des Wortes“. Alles, was mit Bildern zu tun hatte, wurde kirchlicherseits über Jahrhunderte hinweg kaum beachtet oder kritisch beäugt bis verboten: Egal, ob gemalt, auf der Theater- oder Tanzbühne oder in bewegten Bildern auf einem Zelluloidfilm.

Dies hat auf der einen Seite zu der hohen Blüte evangelischer Kirchenmusik beigetragen, auf die wir mit Recht bis heute stolz sind. Sie findet in ihren bisherigen und in neuen Formen einen herausgehobenen Ort im Michaeliskloster in Hildesheim. Sie hat zu einer Sprachsensibilität und einem literarischen Können geführt, dessen Nährboden oft in Pfarrhäusern lag – Herder oder Hölderlin sind frühe Beispiele hierfür. Eine Sprachmächtigkeit, auf die wir uns 2007 ganz besonders einlassen können, liegt in der (Wieder-)Begegnung mit den Liedern von Paul Gerhardt, in deren Fremdheit und Nähe.

Mir scheint, dass der künstlerische und kulturelle Wert der musikalischen und literarischen Schöpfungen lange zu gering geschätzt wurde bzw. der Anschluss an Weiterentwicklungen verpasst worden ist.

II) In den letzten Jahren hat im Verhältnis von Kunst, Kultur und Kirche ein Umdenken stattgefunden. Vorangetrieben wurde dies von Personen, die auf Seiten der Theologie wie auf Seiten der Kunst immer den Dialog miteinander gesucht haben, als Grenzgänger wie auch als überzeugte Vertreter ihrer Zunft. Spätestens kurz vor der Jahrtausendwende ist klar geworden, wie sehr wir in einer Bilderwelt leben, einer medial geprägten Welt mit all den apokalyptischen Zukunfts- und Sehnsuchtsbildern. Sie betreffen Menschen über Kulturen und Religionen hinweg auf ähnliche und dann doch auch wieder ganz unterschiedliche Weise in ihrem Umfeld. So ist 1999 in den protestantischen Kirchen ein Konsultationsprozess zu „Kultur und Protestantismus“ initiiert worden, der 2002 in die EKD-Denkschrift mit dem aussagekräftigen Titel „Räume der Begegnung“ mündete.

RÄUME DER BEGEGNUNG

Anerkannt wird in dieser Denkschrift, dass eine theologische Reflexion und auch der konkrete Dialog mit Kunstschaffenden und Kulturvermittlern vielfach vernachlässigt wurde und hier neue Anstrengungen nötig sind. So sind seitdem in einigen Landeskirchen, wie auch an prominenter Stelle in der EKD mit Dr. Petra Bahr, Kunst- und Kulturbeauftragte benannt worden. Eine neue Aufmerksamkeit für kirchliche Kulturarbeit ist in landeskirchlichen Leitlinien und manchen Synodenbeschlüssen fester als bisher verankert worden. Hingewiesen wird zugleich, und das gilt es gerade auch auf gemeindlicher Ebene je neu wahrzunehmen, welche Schätze wir in den Bereichen der Künste und Kultur haben. Dazu gehören historische und moderne Kirchenräume oder unser Liedgut.

Schätze, die es einzubringen gilt in die „Räume der Begegnung“. Nicht mit dem Ziel, die Schätze verstauben zu lassen, sondern sie neu zum Leuchten zu bringen, zu erweitern, sie auch einmal auszutauschen und sie unter einer anderen Perspektive zu erkennen. Das kann nicht geschehen, wenn wir nur bei uns bleiben, sondern dazu braucht es ein Gegenüber, künstlerische Äußerungen und Kunstschaffende. In diesem Sinne sind wir als Kirche auch Bedürftige. Kirche ist nicht mehr wie im Mittelalter Auftraggeberin von Kunst, die damals als Illustratorin von herrschender Theologie und des Glaubens gesehen wurde. Wir können uns mit dem einbringen, was wir haben an Räumen, an Einsichten, an Antworten und an Fragen. Wir können im wörtlichen wie übertragenen Sinne „Räume der Begegnung“ bereitstellen. Räume, die rar geworden sind in einer Welt voll Verzweckung und Ökonomisierung. Kultur eröffnet der Kirche so auch einen Raum, in dem ihr eine Begegnung mit der Freiheit ermöglicht wird, die sie in anderen Räumen nicht hat.

Petra Bahr hat dies vor kurzem, mit Blick auf die Ereignisse, die die eine Weltgesellschaft seit dem 11.September 2001 in verschärfter Form bewegen, in folgende Worte gefasst:

„Wer die Kirche im Dorf lassen will, ohne sie in ein Museum zu verwandeln, sollte ihre Türen weit öffnen, nicht nur, um die Welt hereinzulassen. Der christliche Glaube gehört nicht in dunkle, stickige Gebäude, er lebt von der engagierten Zeitgenossenschaft an der frischen Luft, auch wenn es mal etwas zugig werden kann. Christlicher Glaube, der seine kulturelle Verantwortung wahrnimmt, setzt gegen den "Kampf der Kulturen" einen Kampf um Kultur.“

Dr. Julia Helmke,
Pastorin und Leiterin des Fachgebietes „Kunst und Kultur“ im Haus kirchlicher Dienste in Hannover




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23.01.2009