Unrecht an Heimkindern soll umfassend erforscht werden 



Hannover (epd). In Niedersachsen soll das Unrecht an Heimkindern in den nächsten Jahren systematisch untersucht werden. Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) kündigte am Montag in Hannover nach einer Sitzung des Gesprächsarbeitskreises "Heimerziehung 1945-1975" ein großangelegtes Forschungsprojekt dazu an. Dabei sollen alle Träger und Einrichtungen, die Strukturen der Unterbringung und der Heimaufsicht sowie Beschwerden und besondere Vorkommnisse unter die Lupe genommen werden.

Zwischen 1945 und 1975 wuchsen bundesweit mehrere Hunderttausend Kinder und Jugendliche in Waisen- und Erziehungsheimen auf, davon rund 50.000 in Niedersachsen. Drei Viertel der Heime wurden von kirchlichen Trägern geführt. Viele Insassen litten unter brutalen Erziehungsmethoden, Arbeitszwang, Prügel und sexuellen Übergriffen. In Niedersachsen hatten 77 Heime Jugendliche aufgenommen.

Die Studie solle auch nach der Verantwortung des Landes Niedersachsen und anderer staatlicher Stellen etwa im Blick auf die Heimaufsicht, auf Gerichtsentscheidungen sowie auf das Landesjugendheim in Göttingen fragen, hieß es. Fragen einer Entschädigung oder des Rentenversicherungsrechtes müssten jedoch auf Bundesebene einheitlich geklärt werden. Der vom Bundestag dafür eingerichtete Runde Tisch in Berlin werde Anfang 2010 einen ersten Zwischenbericht dazu vorlegen.

Ross-Luttmann versicherte, dass das Land die ehemaligen Heimkinder bei der Aufarbeitung unterstützen und dafür Aktenbestände zur Verfügung stellen wolle. "Alle Betroffenen benötigen Einsicht in noch vorhandene Akten, um ihre ganz persönliche Heimbiografie individuell aufarbeiten zu können", sagte sie. Auch die nichtstaatlichen Heimträger müssten ihre Archive öffnen.

Das Landesarchiv hat nach Angaben des Sozialministeriums alle sieben Staatsarchive angewiesen, entsprechende Bestände zugänglich zu machen. Zudem ermittelte es in allen 79 Amtsgerichten. Die Akten aus den früheren Bezirksregierungen und Landesjugendämtern seien bereits mit den Beständen aus den Vormundschaftsgerichten zusammengeführt worden, berichtete der Präsident des Landesarchivs, Bernd Kappelhoff, bei der Sitzung des Arbeitskreises "Heimerziehung". Daran nahmen Vertreterinnen und Vertreter der ehemaligen Heimkinder, der Wohlfahrtsverbände, der kommunalen Spitzenverbände und des Landes teil.

Am 7. Oktober wird sich eine Tagung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers in Hannover mit dem Unrecht an Heimkindern beschäftigen. Dabei haben sowohl ehemalige Heimkinder als auch frühere Mitarbeiter die Gelegenheit, über ihre Erinnerungen zu sprechen.


epd lnb mig mir / 5.10.2009
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06.10.2009